Zeitung Heute : Wer sind die eigentlich, von denen wir immer nur Schlechtes hören?

BALLHAUS NAUNYNSTRASSE In dem Tanzstück „I love I“ von Modjgan Hashemian tanzen zwei iranische und zwei israelische Tänzer gegen die propagierten Feindbilder an.

Feind oder Freund? Modjgan Hashemian will mit „I love I“ eine Brücke schlagen.
Feind oder Freund? Modjgan Hashemian will mit „I love I“ eine Brücke schlagen.

Die Choreografin Modjgan Hashemian ist in Berlin immer wieder israelischen Tänzern begegnet, die sie von ihrer Bewegungssprache sehr interessiert haben. „Jedesmal dachte ich: Wir haben doch etwas gemeinsam!“, erzählt sie in der Probenpause. Natürlich wurde bald auch politisch diskutiert. Und stets kam der Wunsch auf, doch mal ein gemeinsames Projekt zu machen.

„I love I“ nennt die Deutsch-Iranerin nun ihre eigene Freundschaftsinitiative. Der Titel spielt auf die Facebook-Seiten „Israel loves Iran“ und „Iran loves Israel“ an. Denn trotz aller propagierten Feinbilder tauschen junge Iraner und Israelis sich heute über soziale Netzwerke aus. In dem Tanzstück geht es nun nicht um virtuelle Liebesgrüße, sondern um die ganz physische Konfrontation mit dem Anderen. Zwei iranische und zwei israelische Darsteller wollen herausfinden: Wer sind die eigentlich, von denen wir immer nur Schlechtes hören?

Es geht immer um Verbote, Restriktionen, Begrenzung in den Arbeiten von Modjgan Hashemian. „Das hat nicht nur mit meinen eigenen Wurzeln zu tun“, versichert sie. „Es bewegt mich, wenn ich sehe, dass Menschen unterdrückt werden und sich nur unter bestimmten Umständen bewegen dürfen – auch im politischen Kontext. Was passiert da eigentlich mit dem Körper?“ Tanz ist für sie vor allem Ausdruck der Gefühle, der Angst und des Schmerzes. Das entspricht zwar nicht gerade der momentanen Tanzmode, aber Hashemian begreift sich eh als Außenseiterin. In ihren Arbeiten sieht man eine andere Körpersprache als bei Choreografen, die im Westen aufgewachsen sind und keine Grenzen mehr spüren.

Wie ist das, wenn du in einem System zu Schule gegangen bist, wo morgens die israelische Flagge auf den Boden gelegt wird und du darüberlaufen musst? So lautet eine der Fragen, die die Choreografin dem Tänzer Kaveh Ghaemi stellt, der bis vor einem Jahr in Teheran gelebt hat. „I love“ I“ untersucht, wie sehr man die Feinbilder, mit denen man täglich konfrontiert wird, verinnerlicht hat – und wie man sie überwinden kann. „Es gab erst mal eine große Euphorie, so ein Projekt zu machen. Das hat sich nach den ersten Diskussionen etwas gelegt“, erzählt Hashemian. Denn im Probenprozess wird vieles berührt, was bislang unausgesprochen blieb. „Womit identifiziere ich mich eigentlich? Was passiert, wenn ich kritisiert werde als Iraner oder Israeli? Wenn das System kritisiert wird und ich mich davon abgrenzen möchte, aber merke: Es verletzt mich doch irgendwie.“

Diese Reibung wird in dem Stück zu sehen sein, da ist die Choreografin sich sicher. „Wir werden den Zuschauern keine heile Welt vorspielen und demonstrieren, wie toll wir uns verstehen.“ Ein Anfang ist gemacht. Doch diese erste Annäherung findet auf unsicherem Grund statt. Diesen Eindruck hat man nach der Probe. Das Stück konfrontiert die Tänzer auch mit sich selbst und verlangt ihnen eine große Ehrlichkeit ab. „Und das tut weh“, weiß Modjgan Hashemian.

SANDRA LUZINA

Premiere 6.3., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 8.-11.3.

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