Zeitung Heute : Wer sind die Piëchs und Porsches?

Henrik Mortsiefer



WIE HAT DIE FAMILIE IHREN ERFOLG BEGRÜNDET?

Wer die Wurzeln der Autodynastie Piëch/Porsche sucht, der wird in einer weiß getünchten Kapelle im Salzburger Land fündig. In Zell am See, auf einer malerischen Alm, liegen der Käfer- und Rennwagenkonstrukteur Ferdinand Porsche, seine Tochter Louise und Sohn Ferry begraben. Louise heiratete später den Rechtsanwalt Anton Piëch. Ihr gemeinsamer Sohn: Ferdinand – bis 2002 VW-Chef und heute Aufsichtsratsvorsitzender des größten Autokonzerns Europas.

Die Kapelle im Alpenland sei „der Kern unserer Tradition“, sagt Wolfgang Porsche, Enkel des Porsche-Patriarchen und Sprecher des Familienzweigs. Eine Tradition, die sich in der Autoindustrie vergleichbar nur noch in Japan findet – dort schreibt die Dynastie der Toyodas Wirtschaftsgeschichte. Sie kontrolliert Toyota, den größten Autokonzern der Welt – und ist erklärtes Vorbild für VW.

Am Lebensweg der Geschwister Ferry und Louise lässt sich der Aufstieg der beiden Clans, der Porsches und Piëchs, nachvollziehen. Ein komplexes, 60 Mitglieder zählendes Familiennetzwerk aus steinreichen Autonarren, Ingenieuren, Egomanen und Schöngeistern.

In dieser Woche fand die 1875 mit der Geburt von Ferdinand Porsche beginnende Familiengeschichte ihren vorläufigen Höhepunkt: Der Stuttgarter PorscheKonzern kündigte an, VW übernehmen zu wollen. Mit der spektakulären Verbindung der Autokonzerne sollen die Interessen der Familie kongenial vereint werden. Was Ende des 19. Jahrhunderts mit den automobilen Tüfteleien des Pioniers Ferdinand Porsche begann, der später für Hitler den Käfer erfand und die schnittigen Rennwagen der Auto-Union konstruierte, wird nach dem Willen der Familie nun vollendet – mit dem Aufbau eines 150-Milliarden-Euro-Konzerns, der mehr als sechs Millionen Autos im Jahr verkauft und vom Kleinwagen bis zum Schwerlaster beinahe alles im Angebot hat, was sich auf Rädern bewegt.

So spannend die Zusammenführung der beiden Unternehmen werden dürfte, so spannungsreich ist die Geschichte der beiden Familien. Mit Ferry und Louise teilte sich der Auto-Clan schon Anfang des 20. Jahrhunderts in zwei Stämme. Bis heute beäugen sich die Mitglieder mitunter argwöhnisch, allein beim Geschäftemachen ist man sich einig. Insider sprechen von der „Rivalität der Gene“.

Louise begründete nach der Hochzeit mit Anton, den Stamm der Piëchs. Ruhm erwarb sich die resolute Geschäftsfrau, die 1999 im Alter von 95 starb, weil sie in Österreich ein Netz von Porsche-Handelshäusern aufbaute, das sich inzwischen auf den ganzen Kontinent ausgedehnt hat. Heute ist die Salzburger Porsche Holding, die je zur Hälfte den beiden Familien gehört, mit einem Umsatz von 6,3 Milliarden Euro einer der größten Autohändler Europas.

Ferdinand Piëch hält zehn Prozent an dem Unternehmen (und zugleich 13,2 Prozent am Stuttgarter Konzern). Sein Onkel Ferry legte die Wurzeln des Porsche-Stamms. Er machte den Sportwagenhersteller groß und bewies nach dem Zweiten Weltkrieg, wie sich mit Ingenieurskunst ein Milliardengeschäft aufbauen lässt. Dabei zeigte er ebenso wie Louise besonderes Geschick im Umgang mit der britischen Besatzungsmacht. Für das wachsende VW-Werk in Niedersachsen, das Ferdinand Porsche zusammen mit seinem Schwiegersohn Anton Piëch aufgebaut hatte, handelte Ferry lukrative Verträge aus: für jeden dort gebauten Käfer kassierten die Porsche/Piëchs eine Lizenzgebühr von einer Mark. Derweil schraubte Ferry in Zuffenhausen aus VWTeilen die ersten Sportwagen zusammen. Handel in Österreich, Konstruktion und Produktion in Stuttgart und Wolfsburg – das Imperium wuchs.

Doch Ferrys Erbe schien zwischenzeitlich in Gefahr. 1991/92 geriet Porsche mangels innovativer Ideen in eine Schieflage, die sich im Folgejahr bedrohlich zuspitzte. Wendelin Wiedeking wurde 1993 als Vorstandsvorsitzender geholt, er führte das Unternehmen resolut aus der Krise – auch weil er es verstand, die Familienbande souverän zusammenzuhalten. Heute ist Porsche der profitabelste Autokonzern der Welt.

Auch VW geriet Anfang der 90er Jahre in schwere Turbulenzen. Ferdinand Piëch, zuvor Vorstand bei Audi, übernahm 1992 den Vorstandssessel in Wolfsburg und räumte auf. Der damalige Ministerpräsident in Niedersachsen, Gerhard Schröder, und die Arbeitnehmer bei VW hatten Piëch nach Wolfsburg geholt.

DURCH WELCHE KRISEN GING DER CLAN – UND WARUM HIELT DER FAMILIENBUND?

Der Piëch- und der Porsche-Stamm, die heute fester denn je verbunden scheinen, waren nicht immer in Harmonie vereint. Zwischen den eher musisch veranlagten Porsches und den technisch begabten Piëchs gab es Anfang der 70er Jahre ordentlich Krach. Hinzu kamen Konflikte zwischen Alten und Jungen innerhalb der Stämme. Zu viele Mitglieder des Clans beanspruchten Einfluss auf die Geschicke der Autodynastie. Die Geschwister Ferry und Louise legten deshalb 1972 fest, dass kein Familienmitglied mehr in der Führung der österreichischen und deutschen Familienunternehmen tätig sein solle. Eine Regel, von der inzwischen Abweichungen zulässig sind. Ferry hatte die Familie zuvor sogar in die Gruppentherapie eines Wiener Spezialisten geschickt – das Projekt scheiterte. Er sei immer davon überzeugt gewesen, überall bestehen zu können, hat Ferdinand Piëch einmal gesagt. Nur bei seinen eigenen Verwandten, da sei er sich nicht so sicher.

Hart geprüft wurde der Zusammenhalt des Clans auch Mitte der 80er. Weil er in finanzielle Nöte geraten war, verkaufte Ernst Piëch, Ferdinands älterer Bruder, 1983 heimlich seine Porsche-Aktien an einen kuwaitischen Investor. Als der Deal aufflog und die Familie zu einer teuren Rückkaufaktion gezwungen wurde, verschob sich die Machtbalance zu Lasten der Piëchs. Bis heute halten sie durchgerechnet 46,8 Prozent der Stammaktien von Porsche, die Porsches kommen auf 53,7 Prozent. Käme es zum Schwur, hätte also nicht Ferdinand Piëch, sondern Wolfgang Porsche das letzte Wort. Der Multimilliardär hält 12,22 Prozent am Sportwagenkonzern. Seit 2008 ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Porsche Holding SE, der europäischen Aktiengesellschaft, unter der künftig Porsche und VW gemeinsam geführt werden sollen. Die Machtfülle von Ferdinand Piëch ist keineswegs grenzenlos, auch in der eigenen Familie nicht. Denn Sprecher der Piëchs ist der jüngere Bruder Hans Michel. In der fein austarierten Kräfteverteilung liegt wohl der Grund, warum die Porsche/Piëchs bis heute ein dynamisches Gleichgewicht erhalten haben.

WAS HAT DIE FAMILIE NOCH MIT PORSCHE UND VW VOR?

„Eingefallen ist dieser Coup dem Doktor Wiedeking“, sagt Wolfgang Porsche, wenn er über den Einstieg bei VW und die bevorstehende Mehrheitsübernahme spricht. Das gezielte Understatement sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Familien eigene Interessen verfolgen. Der Westfale Wiedeking, mit Jahresbezügen von geschätzten 60 Millionen Euro, ist „nur“ der fürstlich dotierte Macher – zusammen mit VW-Chef Martin Winterkorn, dem seit Audi-Zeiten engen Vertrauten von Ferdinand Piëch. Die Eigentümerfamilie zieht hinter den Kulissen die Fäden. Ihr Ziel ist, das gewaltige Clan-Vermögen zu sichern, indem VW profitabler wird, Porsche an den Ressourcen von VW teilhat und das Salzburger Handelshaus weiterwächst. Dabei dürften künftig nicht nur Fertigungskooperationen wie bei den Geländewagen Cayenne und Touareg eine Rolle spielen, mit denen Porsche Investitionen spart und VW Renommee gewinnt. Der Clan hat vor allem teure Zukunftsausgaben im Blick, die wegen des Klimawandels auf die Autohersteller zukommen. VW als Teil von Porsche – das könnte womöglich auch die ungünstige CO2-Bilanz des Sportwagenkonzerns aufbessern.

Die Familie wird auch beim neuen Autoriesen auf die nötige Machtbalance achten, so viel ist sicher. Die Handschrift der Porsches und Piëchs war zuletzt auch in den ganzseitigen Zeitungsanzeigen erkennbar, mit denen Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter bei der VW-Belegschaft für den Vorstoß von Porsche warben: „Volkswagen bleibt Volkswagen und Porsche bleibt Porsche“, hieß es. „Aber zusammen können wir zur Weltspitze vorstoßen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben