Zeitung Heute : Wer sind wir?

Die Medienbranche ist erschüttert wie noch nie. Die Journalisten müssen ihr Selbstverständnis neu definieren. / Von Stephan Lebert

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„Der deutschen Literatur wird vorgeworfen, sie sei zu weit weg von den echten Dingen des Lebens. Über den deutschen Journalismus kann man ebenso urteilen.“

Ob man sich später mal fragen wird, wo man gerade war, als die Todesnachricht von Rudolf Augstein kam? Ich weiß es jedenfalls ganz genau. Ich stand in München vor einem Wettannahmegeschäft, hatte gerade einen kleinen Pferdewettgewinn abgeholt. Im Fenster liefen ein paar Fernseher, auf einem Bildschirm war „ntv“ zu sehen - und der rote Streifen: „Rudolf Augstein tot“. Ich empfand ein merkwürdiges Gefühl der Unsicherheit, und ich dachte tatsächlich im ersten Moment so etwas wie: Ausgerechnet jetzt stirbt dieser Mann, ausgerechnet in einer Situation, wo unsere Branche nichts weniger nötig hat, als das Abtreten des letzten großen Leitwolfs.

Für Nicht-Medienleute muss man dieser Regung vielleicht eine Erklärung nachschicken: Wir Medienmenschen stecken derzeit in einer ziemlich schweren Krise, und man muss gleich zugeben, dass wir uns da auch gefühlsmäßig recht heftig hineinstürzen. Anderen Branchen geht es in diesen Wochen ja auch schlecht, und sogar noch schlechter, den Bauarbeitern zum Beispiel, aber wofür sind Journalisten schließlich Journalisten? Wir sitzen nun mal am Hebel in Richtung Öffentlichkeit – und waren auch damals während der Boom-Zeiten in Sachen Hysterie schon ganz gut.

Gefahr für den „Spiegel“

Rudolf Augstein war einer, der sehr genau definiert hat, was für ihn die Aufgabe eines Journalisten ist. Der „Spiegel“ hatte von Anfang an ein sehr klares Konzept: Einfache, klare Texte, respektlos, distanziert, genau, böse. Es gab keine Autorenzeilen, die Geschichten waren anonym. Dahinter steckte die Idee: Ein einziger Autor schreibt gewissermaßen für einen einzigen Leser. Augstein sah bereits im Jahr 1952 eine grundsätzliche Gefahr für den „Spiegel“, wenn nämlich das Blatt „das Wichtige zu Gunsten des Interessanten vernachlässigt“. Augstein hatte sein Magazin im Griff, so sehr, dass seine Auffassung, Leistung entstehe am besten durch Druck und Konflikt, bis zum heutigen Tag oftmals den Alltag in der Redaktion bestimmt.

Wie auch immer, das Nachrichtenmagazin hat von dem starren Konzept all die Jahrzehnte profitiert. Natürlich wurde der „Spiegel“, besonders unter der Führung von Stefan Aust, modernisiert, nicht nur in Sachen Farbe und Namenszeilen. All das hat dem Blatt gut getan, die Qualität beispielsweise der Reportagen war noch nie so erstklassig wie derzeit. Im Ganzen aber ist man dem alten Konzept treu geblieben.

Das Interessante und das Wichtige – vielleicht sind diese beiden Koordinaten ganz hilfreich bei dem Versuch, eine aktuelle Bestandsaufnahme unserer Branche zu machen, die derzeit so heftig erzittert. Dabei soll es in erster Linie um die Frage gehen, was dies uns Journalisten angeht, mal abgesehen davon, dass man Angst um seinen Arbeitsplatz hat, wenn man nicht schon entlassen wurde.

Beginnen wir mit einem Rückblick, als alles noch ziemlich wunderbar war. Vor etwa zehn Jahren, besonders aber am Ende der 90er Jahre, der „Roaring 90’s“, fingen die Verlagshäuser an, aufzurüsten. Die Zahl der Redakteure stieg und stieg, immer neue Sonderseiten, Beilagen und ganze Zeitungen kamen auf den Markt. Die Zeitungen wurden dicker und dicker, es galt das Prinzip: mehr, mehr, mehr. Und den Grund dafür diktierte das Geschäft, die Anzeigen wollten gar nicht mehr aufhören, es brauchte neue Seiten, um sie drucken zu können. Wenn man so will, waren wir Journalisten ein Spielball, aber eben ein schöner, der hoch und toll springen konnte. Wir waren das gerne.

Was dabei herausgekommen ist, qualitätsmäßig? Zuweilen exzellenter Journalismus, sicher, das auch. Wo sich viele gute Leute versammeln, kommt gute Arbeit heraus. Das wurde immer besonders augenscheinlich angesichts großer Ereignisse, wie etwa dem 11. September oder dem Massaker in Erfurt. Was da in kurzer Zeit in den gehobenen Printprodukten geschrieben wurde – besser kann Journalismus kaum sein. Man kann es vielleicht auch so sagen: Je konkreter die Aufgabe, desto besser die Schreiber.

Der journalistische Alltag der letzten Jahre ist von einer anderen Tendenz geprägt, nämlich, im Augsteinschen Sinne, dem Vormarsch des Interessanten. Jeder berichtet von dem, was ihn selbst am meisten interessiert, von der Welt, in der er persönlich drinsteckt, von den Menschen, die er spannend findet. Der eine schreibt über schöne Autos, weil er gerne schöne Autos mag. Der andere berichtet von der einundzwanzigsten Theaterpremiere des Stückes „Die Möwe“ in Düsseldorf, weil er doch die zwanzig vorherigen Möwen auch schon gesehen hat. Die dritte will unbedingt ihren Bericht oder ihre Reportage über die FDP loswerden, obwohl gar nichts Neues drinsteht – aber schließlich hat sie doch die ganze Zeit mit Kollegen und wichtigen Politikern telefoniert: Die warten doch auf den Text.

Bei all dem geht ein wesentliches journalistisches Kriterium verloren, und zwar die Frage: Ist das alles auch interessant für die Leser? Erklärt das etwas? Hat es eine Bedeutung? Ist die Geschichte wirklich unterhaltsam? Damit kein Irrtum entsteht: Natürlich kann eine Geschichte über ein schönes Auto diese Relevanz haben, etwa wenn erzählt wird, welche Besitzer über die Jahre diesen Wagen gefahren haben. Grundsätzlich aber kann man vielleicht sagen, dass eine Reportage über einen Börsenmakler im aktuellen Krisenkampf spannender ist als eine verträumte Hommage auf eine Eisenbahnfahrt in Indien.

Die Gefahr ist, dass aus der Addition des Interessanten ein Meer an Beliebigkeit wird. Nun könnte man einwenden, dass genau die Addition der verschiedenen Lebensnischen am Ende auch die Wirklichkeit abbildet und dass solche Inszenierungen eben zum modernen Journalismus gehören. So gut einzelne Beiträge sein können, in der Summe haben sie ein Problem: Die Journalisten sind sich zu ähnlich, sie stammen aus ähnlichen Lebensumständen mit ähnlichen Vorlieben und Themen. Es ist kein Zufall, dass besonders die Medienberichterstattung in letzter Zeit stark ausgeweitet wurde: Man liest halt gerne über sich selbst (das gilt auch fürs Schreiben, wie man gerade diesen Zeilen anmerkt).

Im Ganzen entsteht jedenfalls das, was man häufig und durchaus zu Recht „Medienwirklichkeit“ nennt, was so viel heißen soll: Mit der wirklichen Wirklichkeit hat sie nur begrenzt zu tun. Eine Gruppe dreht sich um sich selbst und bittet dazu verschiedene Gäste, mal sind es Politiker, mal Filmschaffende oder Theatermenschen, Werbeleute oder Professoren. Und man vergisst, ein solcher Trupp macht noch nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung aus. Der deutschen Literatur wird, etwa im Vergleich zur amerikanischen, stets vorgeworfen, sie sei zu weit weg von den echten Dingen des Lebens. Über den deutschen Journalismus kann man ebenso urteilen. Die Öffentlichkeitsmacher interessieren sich nicht für die Öffentlichkeit.

Neben den insgesamt leicht sinkenden Auflagen der bundesdeutschen Zeitungen, gibt es auch andere Indizien, dass es sich bei uns Medienleuten zuweilen um eine Art selbstreflexielle Gruppe handelt. Zum Beispiel die Literaturkritik: Nach Auskünften verschiedener Buchverlage hat sogar eine hymnische Besprechung, etwa in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, im „Tagesspiegel“ oder in der „Zeit“, kaum Auswirkungen auf den Verkauf dieses Buches. In der Regel würden höchstens ein paar Dutzend Exemplare zusätzlich abgesetzt (ganz im Gegensatz übrigens zu Auftritten von Autoren in TV-Talkshows, nach denen manchmal ein paar tausend Exemplare mehr verkauft werden). Es gibt kaum ein vernichtenderes Urteil, denn es bedeutet wohl: Diese Kritiken werden anscheinend kaum noch gelesen. Womöglich hat es damit zu tun, dass auch diese Texte in diesem Meer an Beliebigkeit verschwinden, und keiner weiß mehr, was wichtig ist – alles ist irgendwie egal.

Ein Kritiker lamentierte kürzlich in der „Zeit“ darüber, wie schrecklich es wäre, wenn die Literaturkritik im Lauf der Krise allmählich verschwinden würde. Sicher, keine Frage, das wäre traurig. Aber vielleicht sollte man nun schleunigst die Zeit nutzen und den Versuch starten, sich mit Hilfe neuer Formen der Kritik (und deren Präsentation) wichtig zu machen, und dies nicht nur beim befreundeten Lektor.

Ein anderes Beispiel: Der Film „Baader“, der in Form eines Roadmovies die Geschichte einiger RAF-Leute erzählt. Wochenlang ereiferten sich die Feuilletons über diesen Film, diskutierten das Pro und Contra. Und? Gerade zehntausend Besucher sahen den Film, ein größerer Flop ist kaum vorstellbar. Auch wenn Kritik sicher einen Eigenwert besitzt und Kunst nicht nur nach Besucherzahlen beurteilt werden kann, könnte man überspitzt formulieren: Da wurde tagelang eine in fast gespenstischer Lautstärke Diskussion geführt, abseits jeglichen öffentlichen Interesses. Aber wenigstens hatte man Redestoff auf den eigenen Partys.

Ist das eine Luxusdebatte? Haben wir keine anderen Probleme, jetzt mitten in der großen Krise? Nein, die Sache ist wichtig, gerade jetzt. Denn das Prinzip „mehr, mehr, mehr“ ist schon abgelöst worden durch das Prinzip „weniger, weniger, weniger“. Und wir Journalisten sind wieder der Spielball, nur diesmal leider einer, aus dem die Luft herausgelassen wird. Die Frage, wer wir eigentlich sind und was wir für eine Aufgabe haben, hat derzeit nur am Rande mit Philosophie zu tun. Es geht dabei um den Versuch, sich möglichst unentbehrlich zu machen. Was ist bisher geschehen in Sachen Krise? Zunächst sah es so aus, als würde es sich um eine sehr heftige, aber eben doch letztlich normale Wirtschaftskrise handeln, die irgendwann auch wieder vorbeigehen werde. Nun deutet sich aber an, dass der Zusammenbruch des Neuen Marktes sowie die Folgen des 11. Septembers 2001 möglicherweise zusammentrifft mit einer strukturellen Krise des Anzeigenmarkts in den Printmedien (in etwas abgeschwächter Form auch im Fernsehen). Vor allem die für die Finanzen so immens wichtigen Stellenanzeigen schwinden nicht nur dramatisch, sondern scheinen zumindest teilweise auf Dauer ins Internet abzuwandern. Manche Experten prophezeien, dass die bisherigen Einschnitte nur ein laues Lüftchen waren, im Vergleich zu dem Sturm, der noch bevorsteht.

Das einzig Hoffnungsvolle an solchen Aussagen ist, dass sie zum Teil von denselben Experten stammen, die noch vor knapp zwei Jahren die Medienbranche dauerhaft auf steilem Wachstumskurs gesehen hatten. Man muss keinem Prognostiker mehr etwas glauben. Die bisherigen Maßnahmen sind schon schlimm genug.

Weihnachtsgeld verschoben

Die „FAZ“ stellte ihre Wochenendbeilage und die glänzend gemachten „Berliner Seiten“ ein und hat nach einer ersten vollzogenen Kündigungswelle nun angekündigt, sich von beinahe jedem vierten Redakteur trennen zu müssen, also von rund hundert Leuten. Die „Süddeutsche Zeitung“ kippte ihr innovatives Jugendmagazin „Jetzt“ und ebenfalls ihre „Berlin-Seite“, die „Welt“ und die „Berliner Morgenpost“ legten ihre Redaktionen teilweise zusammen. „Max“ kehrt zum monatlichen Erscheinungstakt zurück, die gute „Woche“ hat nicht überlebt. „Frankfurter Rundschau“ und „Handelsblatt“ vollzogen massiven Stellenabbau. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, wo man hinblickt: Entlassungen. Und es ist kaum zu glauben, aber die beiden großen Flaggschiffe, die „FAZ“ und die „SZ“, stecken nach Verlusten in hoher zweistelliger Millionenhöhe in finanziellen Nöten. Die „SZ“ musste gar die Auszahlung der Weihnachtsgelder verschieben, die Gesellschafter suchen nach einem neuen Geldgeber.

Es sei hier noch die kurze Frage erlaubt, bevor wir wieder zu uns zurückkehren, ob es eigentlich in solch wirtschaftlich desaströsen Zeiten von Verlagsseite Sinn macht, die Produkte, also die Zeitungen, massiv zu schwächen. Andere Branchen reagieren anders: Als Daimler-Chrysler in einem Jahr Milliardenverluste bilanzierte, wurde drastisch gespart, sicher, aber es kam niemand auf die Idee, einen Mercedes auf den Markt zu bringen, der nur noch 120 Spitze geht und nur noch über zwei Türen verfügt.

Die Journalisten: Wir haben bislang eher apathisch reagiert. Die Verunsicherung ist eben groß. Der journalistische Wagemut befindet sich auf dem Rückzug. Man setzt eher wieder auf das Altbewährte, das Risikolose - und droht damit langweilig zu werden. Es ist die Stunde der Bedenkenträger. Zusammenfassend lässt sich feststellen: Redaktionen, die noch vor kurzem die Öffentlichkeit beispielsweise in Sachen Biopolitik in oft glänzender Weise aufrütteln wollten, sind wieder zur Denkmalpflege zurückgekehrt. Ob die Welt das wichtig findet?

Die Apathie wurde begleitet von einer kleinen, eher ärgerlichen und unwichtigen Diskussion: Anlässlich des Einstellens von „Jetzt“ und den „Berliner Seiten“ wurde von einigen Kollegen eher freudig das Ende des so genannten Pop-Journalismus verkündet. Dazu nur so viel: Sicher haben einige dieser Pop-Leute das hohe Lied des Interessanten gesungen, und es wirkt heute eher greisenhaft, wenn einige Vertreter immer noch die Welt über ein paar Schuhe oder einen Markennamen versuchen zu erklären. Wenn sich aber, wie es etwa ein Autor wie Benjamin von Stuckrad-Barre seit einiger Zeit überzeugend tut, diese jüngeren Kollegen ihren klaren Blick auf Themen allgemeineren Interesses wenden und sich selbst dabei zurücknehmen, könnte daraus sogar eine Hoffnung werden.

Wir werden um ein paar Fragen nicht herumkommen. Was ist uns wichtig? Wie gehen wir journalistisch mit der Krise um, nicht mit unserer, sondern mit der von den anderen Branchen? Was für Schwerpunkte setzen wir? Ist es beispielsweise noch sinnvoll, beharrlich an der ausufernden Fülle der Börsenberichterstattung aus den Boom-Zeiten festzuhalten? Alles sieht danach aus, dass wir in nächster Zeit mit erheblich weniger Platz auskommen müssen. Wir werden also gezwungen sein, an manchen Stellen zu verknappen, zu pointieren. Das kann sogar nützlich sein. Wir sollten unseren Blick auf die Wirklichkeit überprüfen. Die englischen Tageszeitungen sind da um einiges weiter, der „Guardian“ etwa oder der „Observer“.

Es gab vor Jahren eine Diskussion im Fernsehen, im Anschluss des Films „Die Fälschung“ von Volker Schlöndorff. Es geht in diesem Film um den Alltag eines deutschen Kriegsreporters in Beirut. Es diskutierten Schlöndorff, die Schauspielerin Hanna Schygulla, eine Pfarrerin und der Journalist Kai Hermann, der das Vorbild der Filmfigur war. Sie kamen auf das tägliche Leben im Angesicht des Krieges zu sprechen, und die drei Nichtjournalisten schwärmten regelrecht von der Intensität der Gefühle angesichts der Todesgefahr: Da schmeckt selbst eine Tasse Kaffee gleich viel besser. Plötzlich bekam Kai Hermann einen Wutanfall. Wie zynisch dieses Gerede sei, wenn täglich Menschen sterben, Hunger leiden. Heftig griff er die Pfarrerin an: Gerade sie müsse doch angesichts dieses Elends existenziell an ihrem Gott zweifeln...

Es mag pathetisch klingen, aber: Journalismus hat auch mit dieser Wut zu tun, mit einem gewissen Gerechtigkeitsgefühl, mit einem Sinn für das Allgemeine. Mit Neugierde auf das Andere, auf das Neue. Manchmal hilft es ja, sich selbst zu erzählen, was man für einen schönen Beruf hat.

Und ansonsten? Die Journalisten lernen gerade den Wert von guten Nachrichten zu schätzen. In den USA sind die Anzeigenumsätze der Printmedien im dritten Quartal nach langer Durststrecke leicht angestiegen.

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