Zeitung Heute : Wer soll das bezahlen?

Die Umstellung auf digitale Technik kostet viel: Verleiher, Kinobesitzer und Zuschauer könnten zur Kasse gebeten werden

Thomas Steiger

Das digitale Kino, so scheint es, besteht aus Nichts als Vorteilen: Der vorgeführte Film ist von immer gleichbleibender Brillanz und Schärfe, da eine digitale Datei weder verdrecken noch sich abnutzen kann. Der Verleih spart erhebliche Kosten bei der Distribution des Films, da keine Kopienkosten mehr entstehen und der Versand billiger wird. Der Kinobesitzer kann mehr Filme vorhalten und flexibler auf Zuschauerwünsche reagieren. Eigentlich könnte der neue Kinogenuss sofort umgesetzt werden, da die Technik vorhanden ist und alle Fragen zur Qualitätssicherung und Datensicherheit geklärt sind, wäre da nicht die Frage, wer 100- und 150 000 Euro Umrüstungskosten pro Leinwand zahlt.

Kinotechnik ist Sache der Kinos, also ist die Anschaffung der teuren Projektoren und Server, auf denen die Filme diebstahlgeschützt lagern, Sache der Kinos. Das Einsparpotenzial der neuen Technik, die allerdings nach drei bis fünf Jahren veraltet ist, liegt beim Verleih. Es wäre also nur fair, wenn der Verleih Geld zuschießt, denn die Attraktivität des Kinos liegt im Interesse von Verleih und Kinobesitzer. Der Zuschauer geht eher ins Kino, wenn er dort einen Mehrwert gegenüber seiner Home Entertainment-Anlage erhält. Deren Technik ist meist besser als im Kino, wo die Schärfe oft nicht nachkontrolliert wird oder in sich unscharfe, weil zu billig gezogene Kopien gezeigt werden.

Es ist aber auch eine Seite des Drucks. Da es in Deutschland keine Kinoindustrie gibt, gibt es auch niemanden der einen so hohen Druck aufbauen kann, dass etwas passieren muss. In den USA tun dies die Major-Studios. Disney und 20th Century Fox haben sich als erste bereiterklärt sich an der Umrüstung von 2500 bis 4000 Leinwänden zu beteiligen, um eine Abspielbasis für ihre Filme zu haben. Andere Firmen werden wohl bald nachziehen. In den USA gibt es rund 36 000 Leinwände. In Deutschland sind es 4800. Davon müssten 1500 bis 2000 umgestellt werden, damit ein Mainstreamfilm ausschließlich digital ausgewertet werden kann. Um Filme in digitaler Form außerhalb der USA anzubieten, brauchen die US-Majors 15 bis 20 Leinwände, damit sich der finanzielle Aufwand lohnt. Die gibt es in Deutschland über die geleasten 23 Installationen des belgischen Unternehmen XD Cinema. Erste Erfahrungen etwa mit „Die Insel“ oder „Sin City“ haben bis zu 20 Prozent mehr Besucher gebracht, obwohl die digitale Projektion 50 Cent mehr Eintritt gekostet hat, als die herkömmliche Projektion im Saal nebenan. In Berlin steht ein XDC-System im Zoo-Palast.

Zwar schreibt die Spezifikation der Digital Cinema Initiative die technischen Voraussetzungen für das digitale Kino vor, aber jeder kann basierend darauf sein eigenes Süppchen kochen. Damit auch jeder Film mit jedem System kompatibel ist, müssen Normen entwickelt werden. Daher planen die deutschen Verleiher und Kinobetreiber gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für integrierte Schaltungen die Einrichtung eines Testbeds. Darin soll festgelegt werden, wie die digitale Kette ineinander greift, wie sich die unterschiedlichsten technischen Anforderungen vereinheitlichen lassen und wie das System transparent gestaltet werden kann, damit jeder weiß, was wann wo passiert – und sich letztendlich niemand hintergangen fühlt.

In ungefähr einem Jahr dürften die Voraussetzungen für die breite Einführung des digitalen Kinos geklärt sein. Dann aber werden zwei neue Fragen die Gemüter erhitzen: Was ist mit den Kinos, die durch die Digitalisierung auf der Strecke bleiben und wer soll all die vielen Filme gucken, die durch die Digitalisierung schnell und billig ins Kino gebracht werden können?

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