Zeitung Heute : Wer vorbaut, muss nicht zurücksehen

Die Nachfrage nach altersgerechten Wohnungen steigt. In den Kiez integrierte Versorgungsangebote und Pflegedienstleistungen haben Zukunft

Insa Lüdtke
Das KWA Stift im Hohenzollernpark bietet älteren Menschen die Möglichkeit, möglichst lang in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben. Foto: Promo feddersen-architekten.de
Das KWA Stift im Hohenzollernpark bietet älteren Menschen die Möglichkeit, möglichst lang in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben....

Die Markenindustrie hat Menschen jenseits des 50. Lebensjahrs – sogenannte „Best Ager“ – bereits als neue und solvente Zielgruppe erkannt. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung verfügen die über 60-Jährigen bereits heute über eine Kaufkraft von rund sieben Milliarden Euro. Ihr Vermögen ist damit vier mal höher als das der 20-jährigen. Diverse Trendstudien geben Produktentwicklern Auskunft über die Befindlichkeiten und Bedürfnisse der „Silver Consumer“, die 2020 fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen werden.

Im Gegensatz zu den Senioren von heute lassen sich die Bedürfnisse der Baby-Boomer-Generation kaum noch einheitlich festmachen. Die heute über 50-jährigen befinden sich im Übergang von einer defensiven hin zu einer selbstbestimmten Lebensweise. Wie auch der Rest der Gesellschaft zerfällt diese Zielgruppe immer mehr in Mikro-Segmente und unterschiedliche Lebenswelten. Wohnangebote müssen diese unterschiedlichen Bedürfnisse widerspiegeln, um den heterogenen Bedarf zu befriedigen. Gerade ältere Bewohner werden künftig deshalb vermehrt wohnungsnahe Dienstleistungen nachfragen, um einen Umzug ins Heim zu vermeiden. Dabei werden die Akteure der Wohnungs- und Pflegewirtschaft Hand in Hand gehen müssen, um integrierte Quartierskonzepte zu schaffen, die alle Lebensphasen einschließen: vom Kindergarten bis zur Demenz-WG. Für ein selbstbestimmtes und komfortables Wohnen im Alter steht z. B. das 2002 eröffnete KWA Stift im Hohenzollernpark Berlin. Das Haus verfügt über 143 Wohneinheiten mit Wohnflächen zwischen 40 und 85 Quadratmetern. Die Grundrisse beziehen durch die zentrale Lage des Balkons bzw. der Terrasse den Außenraum als zusätzlichen „Wohnraum“ mit ein. Wie ein „Haus im Haus“ lässt diese Struktur das Gefühl von Großzügigkeit entstehen. Jede Wohneinheit verfügt über eine kompakte Küche und ein großzügiges Bad.

Hier hat der auf Seniorenimmobilien spezialisierte Architekt Eckhard Feddersen für alle Eventualitäten vorgebaut.

Herr Feddersen, alle reden vom demografischen Wandel. Welche Auswirkungen hat er tatsächlich auf die Architektur?

Das Verhältnis von Jung und Alt wird sich in den nächsten Generationen auch wieder einpendeln. Letztlich muss Architektur Bedürfnisse von Sicherheit und Komfort befriedigen, unabhängig vom Alter. Das Prinzip Universal Design vereint den politischen Anspruch von Egalität mit anspruchsvoller Gestaltung. Jede Form der gebauten Hilfestellung wie Rampen oder Handläufe müssen künftig in den Gesamtentwurf integriert werden. Niemand möchte zusätzlich zu seinem persönlichen Handicap an seine Hilfsbedürftigkeit erinnert werden. Stattdessen geht es um eine lebenswerte Umgebung, in der Menschen selbstbestimmt leben können. Architektur sollte sich den Bedürfnissen aller Nutzer anpassen – nicht umgekehrt.

In welcher Form können sich diese Lebensqualität konkret ausdrücken?

Unser Leben lang prägen alltägliche Gewohnheiten und Rituale unseren Alltag: Schlafen, Baden Essen, es verschieben sich lediglich die Prioritäten: Eine Familie braucht mehrere Zimmer, ein Single bevorzugt einen großen Wohnraum mit Schlafnische. Gerade bei älteren Menschen steigt jedoch die Bedeutung der Wohnung und die des näheren Wohnumfeldes, ein Senior verbringt hier rund 80 Prozent seiner Zeit.

Nehmen wir das Bad: Weiß gefließt, gespickt mit roten Haltegriffen an den Wänden, vermittelt es dem älteren Bewohner Sterilität und das Gefühl von Hilfsbedürftigkeit. Positive Körpergefühle dagegen und damit auch das Gefühl von Sicherheit und Selbstvertrauen erfährt er, wenn er umgeben ist von warmen Farben, haptischen Materialien, schmeichelndem Licht. Ein Handtuchhalter aus Holz, der gleichzeitig auch bei Bedarf als Haltegriff dienen kann, verkörpert diesen Paradigmenwechsel.

Zu den individuellen Ritualen gehört auch das Sammeln: Ob als heimliches Horten, stolzes Ausstellen, Aufbewahren oder Schützen. Integrierte Ausstellungselemente in den Wänden – im Sinne von „Erinnerungswänden“ – schaffen Identität, auch eine Form der Sicherheit: „Hier wohne ich.“

Wie wird sich die Wohnungsnachfrage entwickeln?

Wohnen heißt wählen. Lebensläufe lassen sich schon heute nicht mehr wie noch vor vierzig Jahren schematisch und linear erfassen. Heute nimmt auch eine Rentnerin mit Mitte sechzig noch ein Studium auf. In Zukunft werden Menschen Dank eines noch längeren und vitaleren (Berufs-)Lebens, ihre Biographie immer individueller gestalten können und müssen. Diese Entwicklung erfordert passende Wohnangebote. Schon heute kann im gehobenen Wohnsegment vor dem Bezug seinen Badezimmer-Typ auswählen: „Mainstream“ – klassisch in weiss, „Pur“ – puristisch in klaren Linien; „Mediterran“, in warmen Farben. Darüber hinaus gebe ich wohnungsnahen Dienstleistungen eine große Zukunft.

Ist das Pflegeheim damit überholt?

Nein. Künftig wird es immer mehr Menschen geben, die keine Kinder haben, die sie pflegen könnten. Für hochaltrige Menschen kann ein Pflegeheim eine gute Lösung sein, wenn es etwa im Wohnquartier integriert ist. So bleiben gewachsene soziale Kontakte erhalten. Der Markt weitet sich in Richtung ambulanter Lösungen auf. Schon jetzt beobachten wir eine Annäherung von Pflege- und Wohnungswirtschaft: Wohnlichkeit zieht in die Pflegeheime ein, im Gegenzug bieten Wohnungsunternehmen als „Service Wohnen“ zusammen mit ambulanten Diensten Zusatzleistungen bis hin zur Pflege an. Immer mehr Wohngruppen für Menschen mit Demenz vermitteln den Bewohnern ein Gefühl von Normalität.

Welches Profil prägt den Bauherrn der Zukunft?

Auch hier zeigt sich eine Differenzierung: Früher teilte sich der Markt auf zwischen der Wohnungswirtschaft und der Wohlfahrtspflege. Heute nehmen sich immer mehr private Akteure dem Thema „Wohnen im Alter“ an: Projektentwickler, Stiftungen, Banken, Investoren und Fonds. So entsteht häufig eine Teilung zwischen Investoren und Betreiber. In diesem wachsenden Wettbewerb sehe ich durchaus eine positive Entwicklung. Neben der professionellen Bauherrn vergrößert sich auch langsam die Gruppe der selbstorganisierten Wohnprojekte. Bürokratie und Banken machen es ihnen allerdings derzeit noch recht schwer.

Welche Nischen und Perspektiven bietet dieses Feld für Architekten?

Ich sehe keine Nischen. Wir haben einen breiten Bedarf sowohl an hochwertigen Angeboten wie Residenzen und Wohnstiften als auch an kleinen, einfachen Wohnungen. Architekten sind gefordert, für die unterschiedlichsten Lebensentwürfe adäquate Konzepte zu entwickeln. Kreativität und Mut sind gefragt: Wohnen (im Alter) kann gut mit anderen Nutzungen gekoppelt werden: Kindergarten, Wellness, Shopping und Kultur.

Wo liegen die größten Defizite im Bereich „Wohnen im Alter“?

Es fehlt noch die große Bewegung der Wohnungswirtschaft, wenn sie ihre Bestände anfassen würde, könnten viele ihrer „guten, alten Mieter“ oft noch jahrelang in ihrer gewohnten Umgeben verbleiben. Um passgenau zu planen, fehlen häufig noch präzise Erhebungen über lokale Bedarfe. Weiter brauchen wir Modellprojekte, die an unterschiedlichen Orten individuelle, lokale Lösungen anbieten.

Wo sehen Sie großen Entwicklungsbedarf?

Um den Bogen zu schließen – durchaus bei den Jungen, etwa den Architekturstudenten. Hier gilt das Thema „Bauen für Alte“ häufig noch als unsexy. Dabei kann der demografische Wandel für die Architektur eine große Chance sein – Authentizität ist gefragt: Weg von umbauten indifferenten Glaskästen hin zu Gebäuden und Außenräumen, die sich durch ihre individuelle Gestaltung, Proportion und Materialität dem Benutzer von selbst erschließen.

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