Zeitung Heute : Wer wär nicht gerne Christ?

Richard Schröder

TRIALOG

Heilig Abend waren die Kirchen wieder übervoll, auch im Osten. Das verwundert. Denn die Zahl der Kirchenaustritte ist nach wie vor beachtlich, wenn auch mit sinkender Tendenz. Was zieht die Menschen Heilig Abend in die Kirche? Vielleicht ist es die Suche nach dem Kontrast zu dem albernen Weihnachtsmannkult, der den vorweihnachtlichen Kommerz beherrscht. Kein Kommerz ohne Sex, also hat die Reklame längst die sexy Weihnachtsfrau erfunden, die sich in ihrem Revue-Kostüm beim ersten Schlitteneinsatz den Tod holen würde. Offenbar suchen die Menschen zu Weihnachten noch was anderes als diese verblödelte Spaßkultur. Sie wollen die alte Weihnachtsgeschichte und die alten Weihnachtslieder hören. Das sind Kindheitserinnerungen, aber wohl auch die Erwartung, dass es hinter der Fassade eines oberflächlichen Alltags noch eine andere Dimension gibt, die uns hinter der Maske, die wir alltags tragen, anspricht. In der Weihnachtsgeschichte geht es um Licht in der Dunkelheit. Gott wird Mensch und bringt damit die Ordnung von oben und unten heilsam durcheinander.

Wie christlich ist eigentlich unsere Gesellschaft? Hin und wieder christlicher als sie wahrhaben will. Bei Katastrophen, wie nach dem 11. September, sind plötzlich die Kirchen voll. Das Sprichwort sagt: Not lehrt beten. Dafür braucht sich niemand zu genieren.

Und dann gibt es noch eine – sagen wir: nachchristliche Christlichkeit. Ich meine Grundüberzeugungen, die Christen und Atheisten in unserem Lande teilen. „Friede auf Erden“, das ist uns ein Imperativ. Unsere Gesellschaftskritik beruht auf der Voraussetzung, dass Nächstenliebe oder Solidarität oder Inklusion für die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft nicht aufgegeben, sondern ausgebaut werden müssen.

Ich stelle mich mal ganz dumm und frage: warum eigentlich? Mit „der Natur“ oder „der Evolution“ kann man vieles, schwerlich aber dies begründen. Und wer eine Reinkarnationslehre vertritt, nach der das Schicksal in diesem Leben selbstverschuldet ist durch mein voriges Leben, und das Leiden in diesem Leben sich auszahlt fürs nächste, der kann sich zwar, zur Verbesserung der eigenen Chancen fürs nächste Leben, zum verdienstlichen Mitleid motiviert sehen, aber immer unter der Voraussetzung, dass jedes Schicksal, die soziale Stellung durch Geburt inbegriffen, selbstverschuldet sei. Unter uns ist dagegen weithin Konsens, dass Armut und Krankheit allermeist nicht selbstverschuldet sind und jedenfalls nicht die soziale Herkunft.

Aber man muss doch nicht Christ sein und an den Gott der Bibel glauben, um solche Überzeugungen zu vertreten! Muss man tatsächlich nicht. Aber auf einiges verzichten muss man dann schon. Auf die Dankbarkeit fürs Sein muss man dann verzichten. Will ich aber nicht. Verzichten muss man dann auf das Vertrauen, in Gottes Hand zu sein, egal was mir geschieht. Und für einen atheistischen Humanisten besteht doch immer die Gefahr, sich selbst, die Menschen und die Verhältnisse zu überfordern. „Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten“, das ist furchtbar ins Auge gegangen. „Ich will alles, und zwar sofort“, das ist ein todsicheres Rezept, sich zu ruinieren. Sich auf das Menschenmögliche hier und jetzt beschränken können, aber noch mehr von Gott erwarten, das erscheint mir, obwohl ich’s niemandem andemonstrieren kann, vernünftiger, humaner und realistischer.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin.

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