Zeitung Heute : Wer wem glaubt

Abdul Rahman droht das Todesurteil – in Afghanistan würde das den Islamisten Auftrieb geben

Elke Windisch[Moskau]

Die afghanische Regierung wendet sich im Falle des vom Tode bedrohten Christen Abdul Rahman gegen eine Einmischung von außen. Warum sind in Afghanistan solche Todesurteile trotz der Demokratisierungsbemühungen des Westens möglich?


Erst wurde er von der eigenen Familie angezeigt, weil er den Glauben gewechselt hatte – jetzt muss er sich vor Gericht verantworten und mit der Todesstrafe rechnen. Was dem Afghanen Abdul Rahman passiert ist, erinnert an die Christenverfolgungen im alten Rom. Doch die Geschichte spielt in der Gegenwart – genauer in Kabul, wo dem 40-Jährigen, der im deutschen Exil vor 16 Jahren zum Christentum übertrat und bis Ende der 90er Jahre für das christliche Hilfswerk „Shelter Now“ im pakistanischen Peschawar an der Grenze zu Afghanistan arbeitete, derzeit der Prozess gemacht wird.

Vor dem Henker retten könne Rahman nur noch die Rückkehr zum Islam, sagt Ansarullah Mawlavizadeh, der Präsident des obersten Gerichtshofes. Eben dazu habe er den Angeklagten aufgefordert, dieser habe das bisher aber abgelehnt. Sollte er dabei bleiben, habe das Gericht keine andere Wahl, als ihn zum Tode zu verurteilen. Es sei denn, die Psychiater, die man nun einschalten werde, attestierten ihm mangelnde Zurechnungsfähigkeit.

Experten, die sich mit Afghanistan auskennen, fürchten einen Präzedenzfall: Verkündet das Gericht ein Todesurteil, würde das bedeuten, dass Afghanistan erneut der Scharia – dem islamischen Recht – unterworfen wird. Zwar erkennt der Islam andere monotheistische Konfessionen – die Lichtreligion Zarathustras, den Judaismus und das Christentum – ausdrücklich als „Schriftbesitzer“ und damit als Vorformen der eigenen Lehre an. Der Koran, den der Prophet Mohammed vor fast anderthalbtausend Jahren direkt von Allah empfangen haben will, wird jedoch als letzte und endgültige Offenbarung Gottes angesehen. Orthodoxe Ulema – Theologen, die häufig auch Rechtsgelehrte sind, weil der Koran im Islam einzige Rechtsquelle ist – verlangen daher für Abtrünnige die Todesstrafe.

Öffentlich exekutierten die Taliban denn auch bis zu ihrem Sturz im Herbst 2001 gut zwei Dutzend Konvertiten. Dann fegte die Anti-Terror-Koalition das Regime der Steinzeit-Islamisten hinweg und setzte den pro-amerikanischen Hamid Karsai als Interimspräsidenten ein. Er sollte den in über 30 Jahren durch Bürgerkriege zerrütteten Wüstenstaat am Hindukusch zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit führen. 2002 und 2004 wurde er in umstrittenen Wahlen legitimiert, US-Präsident George W. Bush attestierte ihm per Ferndiagnose immense Fortschritte auf dem Weg zur Demokratisierung.

Allerdings zeichnet sich inzwischen ein anderes Bild ab. Schon bei der Diskussion um das künftige Staatsmodell und die Verfassung prallten zwei Welten aufeinander, die sich gegenseitig ausschließen: Reformer, die meist jahrelang im westlichen Exil gelebt hatten und die dortige Werteordnung übernahmen, trafen auf Konservative, die im Land geblieben waren und an islamischen Hochschulen studiert hatten. Nach monatelangem Kampf einigten sich beide Seiten im Januar 2004 auf einen eher faulen Kompromiss.

Demzufolge bekennt sich die Islamische Republik Afghanistan zwar zu Menschenrechten wie der Glaubensfreiheit. Doch kein Gesetz darf im Widerspruch zum Islam stehen – eine nebulöse Regelung, die der Willkür Tür und Tor öffnet. Heftig diskutiert wird daher in Afghanistan auch jetzt wieder, wie streng die Scharia auszulegen ist.

Dass der Staatspräsident jedem Todesurteil – von der Verfassung bei schweren Vergehen ausdrücklich vorgesehen – die Zustimmung geben muss, ist nur ein schwacher Trost für die Weltöffentlichkeit. Karsai wurde häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei ein Vertreter des Westens. In Afghanistan heißt es oft, die Geberländer und ausländischen Hilfswerken wollten dem Land eine Liberalisierung unter „christlich-abendländischen Vorzeichen“ aufs Auge drücken.

Allerdings befürwortete Karsai schon häufiger Hinrichtungen in seinem Land. Nennenswerte Kritik aus dem Ausland gab es dafür bisher nicht. Denn durch die Konflikte im Nahen Osten ist Afghanistan inzwischen weitgehend wieder aus dem Blickfeld des Westens geraten – bis zum Fall von Abdul Rahman.

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