Zeitung Heute : Wer Wind sät…

An der zunehmenden Zahl schwerer Hurrikans trägt der Mensch Mitschuld

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Dachziegel lösen sich bei einer Windgeschwindigkeit von 180 km/h. Bei 220 km/h schleudern volle Mülleimer durch die Straßen. Holzstücke, Blechteile, Fassadenstücke fliegen durch die Luft mit einer Wucht, die denjenigen, den es trifft, töten kann.

Als der Hurrikan „Katrina“ mit einer Windgeschwindigkeit von 280 Kilometern in der Stunde auf New Orleans zustürmte, sah vielleicht mancher, der sich mit einem Stoßgebet gen Himmel helfen wollte, das Jüngste Gericht nahen. Oder er konnte sich schon einen Schritt weiter wähnen: in der Vorhölle.

Denjenigen, die es nicht geschafft hatten zu flüchten, konnte jetzt niemand mehr helfen. Im Hurrikan wird der Unterschied zwischen den Elementen Wasser und Luft fließend. Eine gewaltige Sturmflut baut sich auf. Bei einer Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent wird zusätzlich Meerwasser nach oben gezogen, gewaltige Mengen Wasser verdampfen, gleichzeitig schüttet es Wassermassen von oben, die mit ungeheurer Wucht vorangepeitscht werden. Ein Hurrikan ist eine der gefährlichsten Gewalten, die die Welt kennt, zugleich eine der wichtigsten Gewalten, die uns am Leben erhält.

Ein Hurrikan ist ein großer Verdunstungsvorgang, der Wasser in die oberen Luftschichten trägt, damit genug Regen auf der Nordhalbkugel Fruchtbarkeit bringen kann. Außerdem wird dem Meer Wärme entzogen. Ohne diese Klimaanlage käme es zum Wärmekollaps.

Nun haben Wissenschaftler erst kürzlich herausgefunden, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten die Zahl der starken und sehr starken Hurrikans erhöht hat. Und sie haben eine Erklärung dafür. Der Klimawandel führt dazu, dass sich das Meer in den Tropen stärker erwärmt. Verdunstendes Wasser ist die Energiequelle des Wirbelsturms. Je wärmer das Wasser wird, desto stärker wird die Verdunstung, desto stärker wird der Hurrikan, der einen viel größeren Temperaturausgleich schaffen muss. Gleichzeitig herrscht unter Klimaforschern Einigkeit darüber, dass der Mensch zur Klimaerwärmung zumindest beiträgt.

Damit schließt sich ein Kreis, es wird zur Tatsache, was bisher eher ins Reich des Biblischen gehörte: Der Mensch hat etwas getan und wird dafür bestraft. Die steigende Zahl heftiger Hurrikans beweist: Die Natur schlägt zurück.

In diesem Jahr gab es nicht nur besonders heftige tropische Wirbelstürme, sondern auch besonders viele. 26 wurden registriert, 14 von ihnen erreichten Hurrikanstärke. Der bisherige Rekord lag bei 12. Das war 1969.

Vor drei Wochen wanderte ein tropischer Wirbelsturm nicht über den Atlantik Richtung Karibik, sondern machte eine Schleife nach Norden und wütete auf den Kanaren. Die Klimaforscher zeigten sich entsetzt. Die Einschläge, daran kann kein Zweifel bestehen, kommen näher.

Der amerikanische Präsident ist vielleicht froh, dass Washington für Hurrikans ein bisschen zu weit nördlich liegt. Noch.

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