Zeitung Heute : Wer zuerst kommt

Die Türkei will in den Nordirak einmarschieren – auch gegen den Willen der USA

Susanne Güsten[Istanbul]

Außenminister Abdullah Gül stellte die Absichten der Türkei unmissverständlich klar: „Die türkischen Streitkräfte werden nach Nordirak einmarschieren“, sagte er am Sonnabend, nachdem die US-Regierung einen türkischen Einmarsch erneut abgelehnt hatte. Eine Vorhut der türkischen Armee wurde kurz nach Mitternacht an der irakischen Grenze gesichtet; die Hauptstreitmacht der Armee steht aber nach wie vor auf türkischem Boden im Grenzgebiet. Die Regierung erklärte, sie strebe weiter eine Einigung mit Washington über die Truppenentsendung an. Sollte es keine geben, werde die Türkei auf eigene Faust in den Nordirak einmarschieren, hieß es in Ankara.

Bei Cukurca im äußersten Südosten der Türkei beobachteten türkische Reporter in der Nacht den Grenzübertritt einer gut tausend Mann starken Einheit der türkischen Armee. Der Generalstab dementierte dies und erklärte lediglich, die Streitkräfte seien einsatzbereit. Dazu bemerkte der US-Oberkommandierende Tommy Franks, dass kleinere Trupps der türkischen Streitkräfte ständig von der Türkei nach Nordirak und zurück unterwegs seien. Es gebe „Situationen, zu denen man sich nicht öffentlich mitteilt“, sagte die türkische Regierung über ihre Truppenbewegungen. Wie aus Regierungskreisen verlautete, teilte Ankara der US-Regierung mit, dass die Türkei auch ohne amerikanische Zustimmung einmarschieren werde. Die Türkei brauche dafür keine Erlaubnis der USA, zitierten türkische Medien hochrangige Diplomaten in Ankara.

Die Beziehungen zwischen Washington und Ankara sind wegen des Streits gespannt. Erst unter massivem amerikanischen Druck öffnete die Türkei in der Nacht zum Sonnabend ihren Luftraum für die USA. Die Regierung wollte die Überflugrechte von einer amerikanischen Zustimmung zu einem türkischen Einmarsch in den Nordirak abhängig machen. Erst nach einem Schlagabtausch trat Ankara den Rückzug an. Der türkische Einmarsch ist damit aber nicht vom Tisch, wie Ankara betont. Die Türkei müsse ihre Streitkräfte über die Grenze schicken, um ihre nationalen Interessen zu verteidigen, sagte Außenminister Gül. Das Land wolle nicht noch einmal von einer Flüchtlingswelle überrollt werden; außerdem müsse es sich gegen die türkisch-kurdischen PKK-Rebellen schützen, die im Nordirak ihre Stützpunkte haben.

Vor allem fürchtet die Türkei, dass die nordirakischen Kurden die Erdölregionen Mosul und Kirkuk erobern und einen eigenen Staat gründen könnten. Ausdrücklich um dies zu verhindern, hatte das Parlament die Entsendung der Streitkräfte beschlossen. Die nordirakischen Kurden wollen allerdings keinesfalls türkische Truppen auf ihrem Gebiet dulden. Auch ihre Kämpfer stehen einsatzbereit an der Grenze, um sich dagegen zu wehren.

Die USA wollen den Zusammenstoß verhindern, doch sind ihre eigenen Streitkräfte noch nicht vor Ort, was wiederum an der Türkei liegt, die ihnen das Durchmarschrecht verweigert und den Luftraum versperrt hatte. Nach der Öffnung des Luftraums sollen nun sofort US-Luftlandetruppen entsandt werden. Die Frage ist, wessen Streitkräfte zuerst im Nordirak eintreffen – die der Türkei oder die der Amerikaner. Vor allem aber kommt es darauf an, ob Washington und Ankara noch rechtzeitig zu einer diplomatischen Einigung finden können, bevor ihre Truppen sich begegnen.

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