Zeitung Heute : Wer zuletzt lächelt

Viele dachten, sie kann ihn gar nicht. Doch an ihrem großen Tag sagte Angela Merkel den Satz: „Ich bin glücklich“

Robert Birnbaum

Der Fortschritt ist einfach nicht aufzuhalten. Früher wurde ein Zettel unauffällig durchgereicht. Diese Zeiten sind vorbei. Am Dienstagvormittag um 10 Uhr 49 schaut Angela Merkel auf ihr Handy. Es ist nicht schwer zu erraten, dass auf dem Display eine Zahl steht: 397. Es ist ein guter parlamentarischer Brauch, über den niemand laut spricht: Der Kandidat, die Kandidatin erfährt das Wahlergebnis immer etwas früher als die anderen. Damit er, innerlich und äußerlich, seine Gesichtszüge richten kann. Aber Angela Merkels Miene schwankt sowieso schon den ganzen Morgen zwischen Ernst und Lächeln, mit deutlichem Übergewicht zum Lächeln. Sie kann also einfach weitermachen damit, als vier Minuten später Norbert Lammert das Ergebnis im Plenarsaal des Reichstags amtlich verkündet. Die Unionsfraktion springt auf zum Applaus, die SPD-Fraktion auch, rechts und links und zwischen den großen Volksparteiblöcken drei schmale Riegel Sitzenbleiber: FDP, Grüne, Linkspartei. Hinten in der letzten Bank guckt Joschka Fischer kurz darauf auf seine Uhr. „10 Uhr 56“, hält er fest, „in die Freiheit entlassen.“ Als Lammert den Rest des Wahlergebnisses bekannt gibt – 202 Nein-Stimmen, zwölf Enthaltungen – klatschen sie bei der Linkspartei. Lammert guckt kurz auf. „Bis zu diesem Augenblick war die Wahl geheim“, stellt der Bochumer trocken fest. Der Plenarsaal lacht schallend.

Es wird überhaupt viel gelacht an diesem Tag. Eine Kanzlerwahl kann eine sehr spannende Sache sein. Diese ist es nicht. Die Mehrheitsverhältnisse sind nicht danach, die Stimmung auch nicht. „Ich teile die allgemeine Fröhlichkeit“, hat Lammert schon am Morgen gesagt, und dass er „auf Turbulenzen jetzt gar nicht eingestellt“ sei. Vielleicht haben sich inzwischen auch einfach alle so sehr an den Gedanken gewöhnt, dass Deutschland ab diesem Dienstag zum ersten Mal von einer Frau regiert wird, dass die Sensation beiläufig untergeht. Das ist ein Fehler. So wie es überhaupt ein Fehler wäre zu glauben, dass die Republik jetzt nach ein paar turbulenten Monaten zur Tagesordnung übergehen wird. Man darf sich nicht täuschen lassen vom manchmal kühlen, meist geschäftsmäßigen Anfang dieser neuen Regierung. Der Moment, in dem Angela Merkel die SMS bekam, wird in der Geschichte des Landes noch sehr deutliche Spuren hinterlassen.

Aber die Geschichte kann ein bisschen warten. Es ist Dienstag früh neun Uhr, als die Unionsfraktion sich im vierten Stock des Reichstags einfindet. Eine halbe Stunde später sind die Sozialdemokraten einen Saal weiter ebenfalls verabredet. Wären die Mehrheiten knapper, würde man diese Zusammentreffen „Zählappelle“ nennen. Aber die Mehrheit ist so komfortabel, 448 Stimmen bei 308, die notwendig sind für die Kanzlermehrheit – da braucht es keine Probeabstimmung. Hinterher fehlen nur zwei Abgeordnete im Plenum. Die Disziplin funktioniert also grundsätzlich. Wobei, um jetzt doch einmal kurz in die Zukunft abzuschweifen, diese komfortable Mehrheit keineswegs nur ein Vorteil sein muss. Knappe Mehrheiten führen zu Selbstdisziplin, üppige fördern die Neigung zur Absonderung: Sollen doch die anderen das Unbequeme beschließen, ich mach mir ein gutes Gewissen. Die neuen Fraktionschefs werden zu tun bekommen. Franz Müntefering hat jedenfalls gewusst, warum er Peter Struck am Tag zuvor mit den Worten in sein neues altes Amt eingeführt hat, der Mann habe bisher 217 Generäle befehligt, da werde er mit 222 Abgeordneten auch noch fertig.

Unten im Plenarsaal füllen sich die Besuchertribünen. In einer der ersten Reihen sitzen die Minister ohne Abgeordneten-Mandat: Frank Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Thomas de Maizière, Ursula von der Leyen, Wolfgang Tiefensee. Auf der Nebentribüne gehen um Viertel vor zehn eine kleine alte Frau und ein auffällig großer alter Mann mit einer markanten Nase die Stufen hinunter in die erste Reihe. Herlind und Horst Kasner werden dabei sein, wenn ihre Tochter zur mächtigsten Frau Deutschlands wird. Auch der Bruder ist da und vier Freunde aus Templin, Merkel winkt zwischendurch nach oben, das Quartett winkt zurück. Das Quartett eine Reihe dahinter auch, die Presse-Gang sozusagen: Friede Springer, Sabine Christiansen, Inga Griese, Isa von Hardenberg. Die Damen haben eine Tupper-Dose mitgebracht voller Russisch Brot. Sie kichern. Vor sich auf die Rücklehnen legen sie die Buchstaben C, D und U. Später ist das U verputzt. Noch später kommt eine Saaldienerin und rügt das Russisch Brot, nicht wegen Parteilichkeit oder Gekicher, sondern weil man im Hohen Haus nicht einfach futtern darf und auf der Gästetribüne schon gar nicht.

Einer ist nicht da. Joachim Sauer wird in seinem Arbeitszimmer in Berlin-Adlershof am Fernseher verfolgen, wie seine Frau zur Kanzlerin gewählt wird. Dringende Termine, heißt es. Der Chemieprofessor ist ein viel beschäftigter Mann. Andererseits – Joachim Sauer hat sich bisher so entschieden davon fern gehalten, als First Husband zur öffentlichen Figur zu werden, dass ihm die Termine wahrscheinlich ganz recht dazwischen gekommen sind.

Langsam füllt sich auch der Sitzungssaal. Merkel trägt schwarzen Hosenanzug mit Samtkragen und eine schlichte Goldkette mit einem großen, viereckigen rötlich-braunen Stein – ein Karneol aus Idar-Oberstein, die Abgeordnete Julia Klöckner hat ihn ihr aus ihrer Heimat besorgt. Um Punkt zehn kommt Lammert. „Ich begrüße Sie alle zu diesem bedeutenden Tag“, sagt der Präsident. Aber zuerst hat er eine traurige Pflicht zu erfüllen. Die SPD-Abgeordnete Dagmar Schmidt ist gestorben, auf ihrem leeren Platz liegt ein Blumenbukett auf schwarzem Tuch. Ein kurzes Gedenken. Dann die nüchternen Formeln des Grundgesetzes: „Der Bundeskanzler, die Bundeskanzlerin wird ohne Aussprache und mit verdeckter Stimmkarte in geheimer Wahl gewählt.“ Und schon beginnen die Beisitzer mit der Litanei der Namen, von Ackermann (FDP) bis Zypries (SPD).

Zeit zum Plaudern für die übrigen. Zeit für Glückauf-Wünsche schon mal vorab. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger drückt Merkel stürmisch die Hand. Sie finde das toll, wie die Frau alle Steine, die ihr in den Weg gelegt worden seien, weggeräumt habe, wird die FDP-Frau später sagen. Überhaupt viele Frauen, die sich um die künftige erste Frau im Lande scharen. Merkel hört allen zu, scherzt, zwischendurch ein kleines Abstimmungsgespräch mit dem künftigen Parteigeneral Ronald Pofalla. Als der Beisitzer in das allgemeine Gemurmel hinein „Merkel, Angela“ sagt, hat sie es aber sofort registriert und geht links die Stufen vor der Regierungsbank hoch zur Wahlkabine. Beim Herauskommen klicken die Kameras. Als sie ihren Umschlag in die durchsichtige Acrylglas-Urne steckt, klicken die Kameras wieder. Um 10 Uhr 34 fragt Lammert, ob noch jemand seinen Wahlzettel nicht abgegeben hat. Einer hat sich verplaudert und eilt nach vorne. Dann wird gezählt.

Über das Wahlergebnis gibt es übrigens dreierlei Urteile. Das eine kommt von den künftigen Koalitionären und reicht von „ordentlich“ (SPD-Fraktionschef Struck) bis „wunderbare Basis“ (CDU-Bildungsministerin Annette Schavan). Das zweite kommt von der Opposition und reicht von „wackeliges Regierungsgebäude“ (FDP-Chef Guido Westerwelle) bis „stiller Protest“ (Grünen-Chefin Claudia Roth). Roth gibt außerdem zu Protokoll: „Es reicht nicht aus, Frau zu sein.“ Aber das mag damit zusammenhängen, dass sie vorhin nach Merkels Wahl als einzige Grüne mitgeklatscht hat und jetzt dafür Abbitte leisten muss. Man ahnt an dieser Kleinigkeit – um jetzt noch einmal kurz in die Zukunft zu schauen –, wie schwer es die Opposition vorläufig haben wird mit dem Opponieren. Man ist sich ja noch persönlich nahe, die Grünen mit der SPD, die Liberalen mit der Union. Und auch im Programm der großen Koalition finden beide ja durchaus Sympathisches. Nur Oskar Lafontaine und Gregor Gysi haben’s gut. Die sind einfach gegen alle.

Bleibt die dritte Sorte Urteil über diese 397 Stimmen. Die enthält ein leises Bedauern darüber, dass immerhin 51 Abgeordnete sich doch nicht der Disziplin fügen wollten. Die schönste Formel für diese Sorte Kopfschütteln stammt von Eckard Rehberg aus Mecklenburg-Vorpommern. „Ein bisschen wie 9,99 Euro“, sagt er.

Nach der Wahl, nach den Blumen fährt Merkel ins Schloss Charlottenburg. Horst Köhler überreicht ihr die Urkunde. „Ich wünsche Ihnen viel Glück, viel Kraft und Gottes Segen“, sagt der Bundespräsident. „Danke schön, Herr Präsident“, sagt die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Auf einmal klingt ihre Stimme ganz rau. Und als Angela Merkel sich auf den Rückweg macht, wird sie einen Satz sagen, von dem nicht wenige gedacht haben, den kann sie gar nicht. Kann sie aber doch. „Ich bin glücklich“, sagt Angela Merkel.

Was soll man da noch mehr erzählen von diesem Tag? Na gut, wie sie vor der Vereidigung der Kanzlerin im Reichstag Kartoffelsuppe gegessen haben, Merkel und die Eltern und die Freunde, und dass ein Mann mit weißem Haar und beigem Parka auch dabei war, der schon morgens um neun in der Kälte vor dem Ost-Eingang gestanden hat mit einem kleinen Blumenstrauß und einer weißen Plastiktüte voll Geschenken – das war Hans-Ulrich Beeskow, bei dem Angela in der Schule in Templin Mathematik gelernt hat. Oder wie der Bundespräsident später die Minister ernannt und dabei eine kurze Ansprache gehalten hat, in der der Satz vorkam, dass das neue Kabinett „Gesetze mit Sorgfalt und Respekt vor der Verfassung“ machen solle – kleine Rüge für das Hin und Her um den verfassungsmäßigen Haushalt. Oder wie das neue Kabinett die Regierungsbank ausprobiert hat, wie alle (außer Zypries) den Eid mit der Formel „so wahr mir Gott helfe“ gesprochen haben und wie Lammert aus Versehen fast den Horst Seehofer als Verteidigungsminister vereidigt hätte – was Probleme mindestens mit der Sitzordnung gemacht hätte bei der ersten Kabinettssitzung am Abend.

Am Nachmittag hat Gerhard Schröder sein Amt an die neue Hausherrin übergeben, neben dem Weihnachtsbaum und vor allen Mitarbeitern auf der großen Treppe. Merkel hat ihm gedankt und gesagt, dass er Marksteine gesetzt habe mit der Agenda 2010, an die sie anknüpfen werde. Und dass er ein Kanzler sei, „an den sich die Menschen gerne erinnern werden“. Weil das aber aufrichtig nett gemeint war, hat Schröder ihr seinen Abschiedsblumenstrauß zu ihrem Willkommensstrauß dazu in die Hand gedrückt. Anschließend ist er nach draußen gegangen, den Rücken durchgedrückt.

So beginnt die neue Zeit im Großen. Und im Kleinen. Hinten im Reichstag gibt es einen Arbeitsraum für den Regierungschef, Nummer 1N002. An dem hat am Mittag ein Saaldiener das Schild ausgetauscht. Bisher stand dort „Vorzimmer Bundeskanzler“, jetzt steht da „Vorzimmer Bundeskanzlerin“. Der Mann hat das alte Schild nachdenklich in der Hand umgedreht. Dann hat er gesagt, dass er das lieber aufhebt. Man wisse ja nie, wie schnell es wieder gebraucht werde.

Mitarbeit: Sebastian Bickerich, Stephan Haselberger und Hans Monath

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