Zeitung Heute : Werbeträger boykottieren

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Neuberliner liebt es, auf die Straßenbahn zu warten. Manchmal, wenn er es nicht eilig hat, lässt er sogar eine Straßenbahn vorbeifahren, um länger warten zu können. Aber er macht das nicht, um zu meditieren. Es gibt nichts Peinlicheres, als in der Öffentlichkeit zu meditieren, findet der Neuberliner. Er wartet einfach nur so, nur um zu warten. Eines seiner Wartespiele ist, auf eine Straßenbahn zu warten, die unbeklebte Fenster hat. Die meisten Straßenbahnfenster (und Busfenster) sind ja beklebt mit Werbung. Der strahlendste Herbsttag sieht grau aus, wenn man ihn durch eine riesige Maggi-Würzflasche betrachtet, die an einem Straßenbahnfenster klebt. Ein grauer Herbsttag, durch eine riesige Maggi-Würzflasche betrachtet, sieht aus, als würde man mit einem U-Boot durch ein Maggi-Würzmeer tauchen.

Der Neuberliner hat ein Interesse daran, durch ein unbeklebtes Straßenbahnfenster die Stadt zu betrachten, er will sie schließlich besser kennen lernen. Er will über die Stadt nachdenken, während er sie betrachtet. Das Wartespiel bricht er ab, wenn nach 40 Minuten keine Straßenbahn mit Durchblick gekommen ist. Das ist ihm schon oft passiert. Der Neuberliner hat an sich keine Vorurteile gegen Werbung, obwohl er aus einem Stadtviertel einer kleinen Stadt kommt, das komplett unter Denkmalschutz steht und deshalb werbefrei ist. Er schaut sich gerne gute Werbung an. Er weiß, dass die Blüte des deutschen Geistes in der Werbung arbeitet. Werbung bringt die Volkswirtschaft voran. Er hat auch nichts dagegen, dass die Marienkirche mit einer riesigen Espresso-Werbung verhüllt ist. Über dem Riesenposter ist korrekter Weise ein Transparent angebracht mit der Aufschrift: „Diese Werbung unterstützt die Sanierung der Marienkirche.“ Das ist ja nur vorübergehend, und beten kann, wer will, in der Marienkirche trotzdem. Aber die beklebten Straßenbahnen findet der Neuberliner bedenklich. Ihre Botschaft ist: Bürger! Verkehrsmittel sind zum Transport da und nicht zum aus dem Fenster Schauen! Das ist keine gute Botschaft. Das hält auf Dauer kein Volk aus. Bei allem Respekt vor der Wirtschaftskrise. Sonst wird wieder mit den Füßen abgestimmt.

Warten Sie auf eine Straßenbahn, deren Fenster unbeklebt sind, stoppen Sie die Zeit und beschweren Sie sich bei der BVG. Vielleicht hilft’s.

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