Zeitung Heute : Werbung für ein Phantom

Apples iPod galt als genial, der iPod Mini ist auch bezahlbar. Weil das Gerät in den USA so erfolgreich ist, müssen nun deutsche Fans warten

Henry Steinhau

Klein, aber oho. Der Computerhersteller Apple macht derzeit mit einer ebenso markanten wie flächendeckenden Kampagne Werbung für seinen „iPod Mini“ – den Plakaten und Werbespots, mit denen Berlin derzeit überzogen wird, ist kaum zu entgehen. Was aber steckt hinter der Werbung für das kleine Musikabspielgerät?

Als der erste iPod Ende 2001 auf den Markt kam, war er keineswegs eine solche Pioniertat, wie sie die Kalifornier für sich in Anspruch nehmen. MP3-Player gab es bereits genug, und zwar deutlich billiger als die 340 Euro, die Apple verlangte. Dennoch galt das Apple-Gerät von Anfang an als genial. In ihm arbeitet eine Mini-Festplatte mit einem Fassungsvermögen von bis zu 40 Gigabyte. Zudem ist der iPod unnachahmlich leicht zu bedienen. Ein Daumen auf dem berührungsempfindlichen, kreisrunden Tastfeld genügt, um aus 10 000 Songs zu wählen.

Gerade hier hinken die Wettbewerber immer noch hinterher, vor allem wegen der zum iPod gehörenden Software-Lösung „iTunes“, dem dritten Unterscheidungsmerkmal. Mehr noch: Mit der Eröffnung eines praktisch direkt in die Abspielsoftware integrierten Shops für legale Musik-Downloads im Frühjahr 2003 wertete Apple den Nutzen von iTunes nochmals auf. Was am meisten überrascht: Die Konstruktion von Kopierschutz und Nutzungsrechten wurde als gleichzeitig verbraucherfreundlich und industrieakzeptabel von Musikfirmen und -käufern angenommen.

Grund genug für den stets auf Innovations- und Nischenmarktführerschaft fokussierten Apple-Chef Steve Jobs, den iPod zu einer Familie auszubauen. Dabei wurde die Ankündigung des „iPodMini“ Anfang des Jahres keineswegs einhellig beklatscht. Der auf Scheckkarten-Format verkleinerte, mit einer vier Gigabyte großen Festplatte und Metallgehäuse in fünf Pastellfarben ausgestattete kleine Bruder ist mit rund 250 Dollar ausgepreist, das erscheint vielen zu teuer. Dennoch wurde Apple von der Nachfrage überrollt: Über 100 000 Vorbestellungen allein in den USA, das machten die Produktionskapazitäten nicht mit. So entschied Apple vor kurzem, zunächst den wichtigen US-Markt zu bedienen und die Auslieferung an den Rest der Welt auf Juli zu verschieben. Das gibt vor allem der Konkurrenz Gelegenheit, den von Apple vorgelegten Vorsprung von zwei Jahren aufzuholen.

„Wir haben die Verschiebung entschieden, um mit ausreichenden Stückzahlen in den Verkauf in Europa gehen zu können“, so Deutschlands Presse-Sprecher Georg Albrecht. Sein Hinweis, dass der für dieses Jahr angekündigte Start des iTunes Music Store gleichzeitig für ganz Europa erfolgen soll, lässt die Vermutung zu, dass Apple hiermit den Verkaufsstart des iPodMini verknüpft. Und dann ist ja da noch das Geschäft mit Hewlett-Packard. Der weltweit zweitgrößte Hardware-Hersteller will ebenfalls im Sommer seine Version eines iPod in den Verkauf bringen.

Dieses Lizenzgeschäft beinhaltet die Vorinstallation von iTunes auf allen HP-Rechnern und bedeutet damit eine Konkurrenz zum Windows Media Player. Hierin ist letztendlich das wahre trojanische Pferd zu sehen, mit dem Apple in die Windows-Welt eindringen will. Gleichzeitig steht der HP-iPod nämlich dem gewollten Wechsel vom PC auf den Macintosh im Wege. Was am Ende bleiben könnte ist, dass der iPod eine Art Atomisierung des Macintosh-Konzepts durch Kleingeräte einläutet. Apple als Hersteller von bedienerfreundlichen, edlen und effizienten Geräten und Programmen für die Massen, die aber den Gebrauch eines Apple-Rechners nicht zwingend erfordern. Dem versucht Apple mit eleganten und preiswerten Software- und Service-Lösungen, wie iMovie oder iPhoto (plus integriertem Fotopapier-Bilderlieferdienst) entgegenzuwirken.

Ob das gelingt, wird sich zeigen. Sicher ist aber: In iPod und iTunes stecken sozusagen das Konzentrat der langjährigen Erfahrungen Apples mit der Gestaltung von einfachen Benutzeroberflächen sowie mit ebenso edlem wie funktionalem und regelmäßig ausgezeichnetem Industriedesign. Allerdings reichte dieser Nimbus als Hersteller schöner und benutzerfreundlicher Designer-PCs Apple seit Jahren zu nicht mehr als einem Schattendasein im weltweiten PC-Geschäft. Hinweise auf den Marktanteil von zwei Prozent bei den installierten Rechnern und auf die kaum mehr vier Prozent bei den Betriebssystemen beantwortet Job gerne mit einer Analogie zu BMW und Mercedes. Diese lägen im Welt-Automarkt auch rund um die zwei bis drei Prozent Marktanteil – und keiner zweifele an deren Markt- und Markenwert. Zudem sei Apple insbesondere in den Märkten für digitale Medienproduktion – Musik, Film, Grafikdesign – überdurchschnittlich gut aufgestellt, mitunter sogar Marktführer, und das sowohl bei Hardware als auch bei Software.

Als die Musik-Abspiel- und Katalogisier-Software iTunes im Sommer vergangenen Jahres auch für Windows-Rechner erschien – bis dahin mussten sich iPod-Besitzer ohne Mac mit einer mehr schlecht als recht funktionierenden Anbindung des Konkurrenzprodukts „MusicMatch“ begnügen – wurde aus dem Achtungserfolg des zwar teuren aber vergleichsweise leistungsfähigen iPod ein echter Bestseller. Anfang 2004 konnte Apple-Chef Steve Jobs verkünden: „Mit über 2 Millionen verkaufter iPods sind wir zweifellos weltweiter Marktführer bei den Digital Music Playern.“ Und nicht nur das: Mit Überschreiten der Grenze von 50 Millionen Downloads, die Apple in seinem - bislang nur in Nordamerika nutzbaren – Music Store verkaufen konnte, gesellt sich eine weitere Marktführerschaft hinzu, deren Abstand zu Mitbewerbern weltweit gewaltig ist.

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