Zeitung Heute : Werbung und neue Medien: Hilferuf mit Charme

Henry Steinhau

"K 1010 ist krank, sehr krank und wird vielleicht sterben. Es verbleibt kaum noch Zeit. Du kannst uns helfen!" Mit dieser ebenso überraschenden wie ungewöhnlichen Botschaft tritt Ende März die Internet-Firma K 1010 an die Öffentlichkeit. Angesprochen sind alle auf einmal: Die Endverbraucher, sprich Nutzer und Spieler des gleichnamigen Online-Spiele-Portals, seine Werbe- und Medienpartner, mögliche Investoren sowie die Presse. Alle sollen helfen.

Was ist geschehen? Hinter dem dramatischen Hilferuf steckte eine Offenbarung: Wir sind fast bankrott. Nach Aussagen von K 1010 ist ein Geldgeber "überraschend" abgesprungen, wobei sich die Firma zum Grund dieses Absprungs ausschweigt. Dessen ungeachtet sucht K 1010 nun mit seinem - sagen wir zunächst einmal "mutigen" - Vorstoß nach neuen Investoren; wobei auch der offensichtliche Zeitdruck nicht verschwiegen wird. Das wirklich Bemerkenswerte am, glauben wir zunächst einmal, "couragierten" Herunterlassen der betriebswirtschaftlichen Hosen aber ist die Haltung, oder auch, der Geist dahinter:

Nach dem Motto "Wir sind fast pleite, OK, blöd gelaufen, aber, hey, unsere site ist doch voll Klasse, wir hatten doch alle schon viel Spaß zusammen, und es wär doch schade, wenn es uns nicht mehr gäbe und der Spaß damit aufhörte, oder?!" ruft K 1010 alte Zeiten wach, in denen das Internet noch als eingeschworene Solidargemeinschaft von Computerfreaks, Multimedia-Pionieren und innovativen Zeitgeistern funktionierte.

Zu Zeiten eines durch und durch kommerzialisierten Internets, angesichts digitalisierter Marktplätze und des globalisierten E-Business wirkt ein flammender Appell an eine vermeintliche Web-Solidargemeinschaft nicht nur erstaunlich altmodisch. Für eine junge, zwar nicht börsennotierte, aber ganz der New Economy verpflichtete Aktiengesellschaft müsste er eigentlich tödlich sein. Wo bleibt denn da der Professionalismus dieser - schließlich als Wachstumsmotor geltenden - Firmen neuen Zuschnitts? Wie würden Analysten, Medien und Anleger das bewerten (in dieser Reihenfolge)?

Zeigen uns die Vorzeige-Unternehmen nicht gerade, wie man professionell mit einer - vielleicht auch der - Krise umzugehen hat? Da wird auf eine, natürlich überraschend zustande gekommene "Gewinnwarnung" mit Umstrukurierung des Vertriebs reagiert, wie bei Intershop. Da werden natürlich weiterhin kooperationsbereite Unternehmenstöchter verkauft, um sich wieder auf das Kerngeschäft zu konzentrieren, wie bei Popnet. Da werden natürlich unprofitable Niederlassungen geschlossen, wie bei WWL. Und da wird eine größere Zahl von Mitarbeitern entlassen, natürlich "betriebsbedingt", wie bei Pixelpark.

Sehr professionell, weil, so macht das die Old Economy auch. Auffällig ist aber, dass an dieser Stelle die Protagonisten der New Economy durch Abwesenheit glänzen. Bei Intershop musste Finanzvorstand Beeck in den Ring, statt des sonst nicht gerade medienscheuen Gründers Schambach. Auch Popnet ließ den Verkauf der Berliner Tochter Agentscape durch seinen Finanzvorstand ausrichten. Das macht keinen guten Eindruck. Man könnte es mangelnde Courage nennen - womit wir wieder bei K 1010 wären.

Den Hilferuf verfassten nämlich weder Vorstand noch Geschäftsführung, er ist vom gesamten "Team" unterschrieben. Das mag nicht professionell sein, aber es hat Charme. Börsennotierte New Economy-Firmen, in der Regel zu (inter-)nationalen Netzwerken mit mehreren hundert Mitarbeitern angeschwollen, können, ja, dürfen nicht mehr in den Kategorien von 40-Leute-Startups denken, für die das "alle-eine-Familie"-Konzept noch was gilt und funktioniert. Sie sind vielmehr im realen Teil des Wirtschaftslebens angekommen, wie spätestens die Gründung eines Betriebsrats bei Pixelpark zeigt.

Wie viel neuartiges Arbeiten und andere Firmenkultur tatsächlich stattfindet oder gerade zur Attitüde verkommt, das ist bei jedem Unternehmen anders. Das muss auch jeder anhand von Sympathien beurteilen. Doch vielleicht gibt so mancher Neuökonom zu schnell zu viel von seinen Idealen am Empfang eines Investors oder in der Garderobe der Börse ab, aus welchem Motiv auch immer. So durchgeknallt einem Analysten die "Rette-Dein-K 1010"-Aktion der - nebenbei gesagt äußerst beliebten Online-Spielplattform - auch vorkommen mag, so imponierend ist sie, und das im besten Sinne. Selbst wenn sie "nur" ein PR-strategischer Schachzug gewesen sein sollte.

P.S.: Die Resonanz auf den Hilferuf ist schon nach einer Woche groß: Über 1200 E-Mails von Unterstützungswilligen sind nach Angaben von K 1010 bereits eingegangen.

Der Autor arbeitet als freier Multimedia-Journalist in Berlin für den Tagesspiegel, für Fachzeitschriften und Wirtschaftsmagazine. Seit Jahren gehört er zum Beirat des Deutschen Multimedia Kongress (2. bis 4. Mai, Stuttgart).

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