Zeitung Heute : Werbung und neue Medien: "Machen Sie sich mal ein paar Gedanken"

Regina Köthe

Grafikdesigner sind visuelle Gestalter. Entsprechend sehen ihre - meist aufgeräumten - Büros aus: Prämierte oder besonders originelle Plakate hängen an den Wänden, in der Ecke steht einer der typischen Grafikschränke mit den riesigen flachen Schubladen und in den Regalen sind viele Papiermuster und Computermagazine zu finden. Das Metier von Grafikern ist es, die richtige Form, Schrift und Farbe zu finden. Grafiker können noch aus dem trockensten Geschäftsbericht ein erlesenes Buch machen, in dem man voller Freude blättert. Was der Kunde braucht, sind Geschäftspapiere, Flyer, Logo, Website oder einen Geschäftsbericht. Um das liefern zu können und dabei am Ende auch betriebswirtschaftlich gut da zu stehen, brauchen Grafikdesigner weit mehr als nur ästhetisches Gespür.

"Ich habe in den vergangenen Jahren Kunden aus der Industrie, Kultur und dem Handwerk gehabt", sagt Anna Bär, die als selbstständige Grafikerin in Berlin lebt. "Da war die Verpackung für einen Käsehersteller dabei, Plakate und Programmhefte für ein Sinfonieorchester und sogar Schulhefte." Ihre Kunden kommen aus allen Branchen. Die Vielfältigkeit ihrer Arbeit und die Herausforderung, sich immer wieder auf einen Kunden neu einzustellen, begeistert sie.

Sich die konkrete Arbeit eines Grafikers erklären zu lassen, ist dennoch schwierig. Es scheint etwas zu sein, das sich nur schwer in Worte fassen lässt: Entwurf, Reinzeichnung, Druckvorstufe, Einräumung von Nutzungsrechten sind die etwas sperrigen Vokabeln dieses Berufsstandes. Am besten geht es, wenn man sich die Plakate, Broschüren oder Websites einfach anschaut.

Doch was macht der selbstständige Grafiker, der einen potenziellen Kunden für sich gewinnen will? "Man muss als Grafiker ein kompetenter Gesprächspartner für den Kunden sein und immer wieder erklären, was man konkret macht und wieviel es kostet", sagt Heide Hackenberg von der Allianz deutscher Designer (AGD). Diesem Verband gehören bundesweit dreitausend selbstständige Grafikdesigner an. Der Beruf des Grafikdesigners ist beliebt, denn er gilt als kreativ und vielfältig. Arbeitete der Grafiker früher vor allem für den Printbereich, kann er heute auch fürs Internet und sogar für Film und Fernsehen gestalten.

"Machen Sie sich mal ein paar Gedanken." So oder ähnlich lautet meist die Aufforderung des Kunden. Hier beginnen für den Grafiker meistens die Hürden des Alltags. Einerseits ist dieser Satz eine mündliche Auftragserteilung, der übersetzt bedeutet, dass der Kunde einen Entwurf oder eine Konzeption sehen möchte. Doch an diesem Punkt sollte sich der Grafiker nochmals rückversichern, ob sein Gesprächspartner diesen Auftrag auch tatsächlich erteilt hat. Das kann er während der Besprechung machen, indem er sich für die "Erteilung des Auftrags" bedankt und sagt, zu welchem Zeitpunkt er den Entwurf liefern wird. Er kann aber auch nach dem Meeting eine schriftliche Auftragsbestätigung schicken, in dem er die zu erbringende Leistung aufschlüsselt und das Honorar angibt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird der Kunde aktiv, sollte er nicht einverstanden sein. Diese schriftliche Bestätigung kann dem Grafiker wie dem Kunden viel Ärger ersparen, denn mündliche Vereinbarungen können schnell zu Missverständnissen führen.

Und was tun, wenn der Kunde die angesetzte Summe zu hoch findet? "Wenn der Kunde sagt, dass er so viel Geld nicht zur Verfügung hat, dann machen Sie ihm ein neues Angebot", meint Heide Hackenberg vom AGD. "Erläutern Sie ihm, was Sie mit einem kleineren Budget für ihn tun können." Nur nicht sprachlos werden, sondern nach adäquaten Lösungen suchen, das ist die Devise. Besonders jüngere Designer haben damit oft ein Problem, denn die Ausbildung und das Interesse vieler Designer konzentriert sich eher auf gestalterischen Fähigkeiten als auf die kaufmännische Kompetenz.

Doch wer als selbständiger Grafiker erfolgreich sein will, der muss sich diese Kompetenz erarbeiten. Der AGD bietet deshalb zu Themen wie Kundenakquisition, Auftragsgestaltung, Nutzungsrechte und Kalkulation spezielle Seminare an. "Ich habe durch die Seminare und Vorträge vieles gelernt, was ich in der Praxis anwenden kann", bestätigt auch Anne Bär, "die kaufmänische Seite hat auch bei meiner Ausbildung damals gefehlt." Bär ist seit zehn Jahren erfolgreich als selbstständige Grafikerin tätig. Die Probleme der Kalkulation und Berechnung ihrer Leistungen kennt sie nur zu gut: "Es ist ein ewiger Spagat." Denn wenn das Angebot zu hoch ist, lehnt der Kunde meist "dankend" ab und wird das Honorar zu niedrig angesetzt, bringt man sich selbst wirtschaftlich in Gefahr. Außerdem wird man unglaubwürdig, wenn man sich zu billig verkauft. Einen guten Anhaltspunkt für Grafiker wie auch Kunden bietet der "Tarifvertrag für Designleistung SDSt / AGD". In ihm sind die Tarife für einzelne Leistungen aufgeführt und erläutert.

Ebenso das immer wieder brisante Thema der Nutzungsrechte. Denn für einen eigenständigen Entwurf eines Logos oder einer Titelgestaltung wird nicht nur die Erstellung berechnet, sondern auch das Nutzungsrecht. Berufsanfänger tun sich schwer, ihre Leistung angemessen zu verkaufen. "Manche jungen Designer scheinen es geradezu schick zu finden, für zwei Mark fünfzig zu arbeiten", sagt Anne Bär, die manchmal von der Naivität ihrer Kollegen entsetzt ist. Heide Hackenberg rät jedem frischgebackenen Designer, vor der Selbstständigkeit einige Jahre Berufserfahrung in einer Agentur zu sammeln. Aber auch die Kunden sind manchmal harsch: "Für ein paar Striche so viel Geld?!"

Diesen Satz hat sie schon öfter gehört, besonders seit Grafik- und Bildbearbeitungsprogramme zur gebräuchlichen Ausstattung eines Computers gehören. "Ich sage ja auch nicht, dass ich Bäckerin bin, bloß weil ich einen Käsekuchen backen kann", meint Bär dazu. Sie ist es gewohnt, ihre Ausbildung und Kompetenz vor dem Kunden zu vertreten. Es braucht schon ein dickes Fell und einiges Branchenwissen, um sich als selbstständiger Grafiker durchzusetzen. Um hier Unterstützung zu bieten, hat Heide Hackenberg das Buch "Was kostet Grafik-Design?" geschrieben. Sie ist seit zehn Jahren für die Öffentlichkeitsarbeit des AGD zuständig und kennt die Probleme aus nächster Nähe. Von der Auftragserteilung bis zum Urheberschutz wird kurz und sachlich erklärt, was man für die Selbstständigkeit wissen muss. Außerdem hat sie zahlreiche Auftragsbeschreibungen und konkrete Beispiele namhafter Designer zusammengetragen.

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