Zeitung Heute : Werde Lehrerin!

Von Esther Kogelboom

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Mir hat jemand geschrieben, ich soll mal besser den Beruf wechseln. Gut und schön. Aber was soll ich denn sonst machen? Hm?

Wir leben in Zeiten der nichtlinearen Erwerbsbiografien, so viel sei vorweggeschickt. Darüber hinaus wird sich der Berufswunsch, den man als Kind hatte, nur selten erfüllen. Mein Vater zum Beispiel wollte Richter am Bundesverfassungsgericht werden, doch seine Mutter fand, er sei zu schmächtig, um mit der Straßenbahn in die Stadt zu fahren, wo die höhere Schule war. Jetzt macht er etwas anderes und ist nach Feierabend Hobby-Verfassungsrichter. Ich kenne jemanden, aber nur flüchtig, der hatte sich gerade mühsam zum Versicherungskaufmann qualifiziert, und jetzt arbeitet er manchmal als Erschrecker in der Geisterbahn. Ganz zu schweigen von den vielen um 1980 herum geborenen armen Würmchen, die als Berufsziel sicher nicht „unbezahlter Dauerpraktikant“ angegeben haben.

Nachdem ich vor einer längeren Ewigkeit dem Computer im Berufsinformationszentrum beinahe alles über mich verraten hatte – nämlich, dass ich gerne was „mit Menschen“ machen würde, höhere Mathematik kategorisch ablehne sowie recht gerne unterwegs bin –, empfahl er mir seltsamerweise den Beruf der Krankenschwester. Konnte ich jedoch ausschließen, wegen panischer Angst vor Spritzen und mangelndem Mitgefühl für Kranke. (Heute ist der Computer bestimmt so programmiert, dass herauskommen würde: „Eröffnen Sie ein Geschäft in Berlin-Prenzlauer Berg. Verkaufen Sie selbst gestrickte Pulswärmer mit witzigen Aufdrucken.“ Oder: „Werden Sie Islamkritikerin. Gefährlich. Kein vorgeschriebener Ausbildungsweg.“)

Jedenfalls kam dann noch ein Berufsberater aus Fleisch und Blut in meine Schule. Jeder, der wollte, bekam ein Einzelgespräch. Ich erinnere mich genau, wie ich dem Mann gegenübersaß und mit zitternder Stimme sagte: „Ich will Journalist werden.“ – „Warum“, kläffte er zurück. Darauf war ich nicht gefasst. Warum, ja warum? Verlegen saugte ich etwas Kakao durch den Strohhalm, der in einem dieser wirklich tollen 80er-Jahre-Tuffi-Trinkpäckchen steckte. Dann sagte der Berufsberater mit rheinischem Dialekt: „Mädschen, wenn du die Zähne nicht auseinanderkriegen tus, dann ist datter falsche Beruf für dich. Und tschö.“

Ich glaubte ihm. Mein alarmierter Vater sagte: „Dann werde Lehrerin, als Beamte hast du die ganze Zeit Ferien.“ Ich glaubte auch ihm. Denn Lehrerin, das war immer noch weit weniger schlimm, als dass er seine Bundesverfassungsgericht-Träume auf mich übertragen hätte.

Ich änderte meine Meinung zur Pädagogik erst viele Jahre später, und zwar morgens um neun Uhr in einem Raucher-Lehrerzimmer an einer Neuköllner Schule, in das ich mich vor den sexistischen Bemerkungen einiger 14-Jähriger geflüchtet hatte. Es roch aber nicht wie in der Schule, nämlich nach Kreide und Angstschweiß, sondern nach kaltem Rauch und Angstschweiß. Ich hatte schon nach zwei Wochen Unterrichtsseminar ein Burn-out.

Mein Vater hatte also all die Jahre umsonst Steine geschleppt, damit das Kind studieren kann. Als ihn darüber informierte, breitete er wie ein Priester bei der Wandlung die Arme aus und sagte: „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Die Angeklagte wird zu lebenslanger Haft im Hühnerstall verurteilt.“

Ich schwieg betroffen und beschloss, mich fortan dem Schreiben zu widmen. Da muss man wenigstens nicht so viel reden.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt ständig gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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