WERKSGESPRÄCHZum 80. Geburtstag von Jürgen Becker : Hier, wo immer das ist

Von seinen Anfängen an betrachtete Jürgen Becker die Dinge von ihrem Ende aus. Sein Starren auf die Vergänglichkeit resultierte wohl auch aus dem Unvermögen, sich in einem Hier und Jetzt aufzuhalten. „Hier, wo immer das ist“, beginnt sein erster Lyrikband „Schnee“ (1971): Die Skepsis über den Ort des eigenen Bewusstseins hat ihn nicht mehr losgelassen. Eine Fülle von Einzelheiten drängt bei ihm aufs Papier, in weit ausholender Geste umschrieben oder stenografisch notiert. Die Mitschrift alltäglicher Augenblicke, durchkreuzt von Erinnerungen an Kindheitsgerüche, Kriegserlebnisse. Kein Moment, der sich ungefährdet ausdehnen dürfte; keine Wahrnehmung, die das Vergehen der Zeit aussetzen würde. Das Bewusstsein, das Becker erkundet, kennt nur eine unaufhaltsame Drift.

Man kann nach der beobachtungswütigen Genauigkeit seiner Sätze süchtig werden. Man kann ihrer immergleichen, elegischen Tonart und ihres Rhythmus aber auch leicht überdrüssig werden. Die Balance von Anziehung und Abstoßung ist wohl der Preis für die Geschlossenheit eines Werks, das sich über die Jahrzehnte und Genres hinweg wie ein einziges Buch lesen lässt. Der Beweis findet sich nun zwischen zwei Buchdeckeln, die unter dem Titel „Wie es weiterging“ (Suhrkamp) Prosa aus fünf Jahrzehnten und zehn Büchern sammeln – auch wenn Becker im eigens geschriebenen Nachwort fragt, „ob das einunderselbe Autor ist“. Kurz vor seinem 80. Geburtstag am 10. Juli widmet sich nun das Studio LCB einer Untersuchung seines Werks. Moderiert von Hajo Steinert, sprechen darüber die Kritiker Michael Hametner, Ursula März sowie der Verleger und Dichter Michael Krüger. Gregor Dotzauer

Literarisches Colloquium Berlin, Do 21.6., 20 Uhr, 6/4 €, auf Deutschlandradio Sa 30.6., 20.05 Uhr

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar