Zeitung Heute : Werkstatt der Moderne

Dorothea Hilgenberg

Dessau erinnert sich seiner stilbildenden Geschichte und baut auf die ZukunftDorothea Hilgenberg

Die Architektur stieß nicht auf spontane Gegenliebe; jedenfalls hatte der Dessauer Bauhaus-Lehrer und Maler Lyonel Feininger große Zweifel, ob das vom Kollegen Walter Gropius geplante Heim den Wohnansprüchen der Familie gerecht werden würde. Nachdem er aber das strahlend-weiße Domizil im Kiefernwäldchen bezogen hatte, applaudierte er um so heftiger: "Ich sitze auf unserer Terrasse, die einfach wonnig ist", schrieb er im August 1926 an seine Ehefrau Julia. "Der Überhang und die kurze Südwand, über die wir so unglücklich waren auf dem Plan des Hauses, geben gerade das gemütliche Licht - ohne diese Vorsprünge wäre alles in Sonne und Mittagsglut gebadet."

Was selbst aufgeklärten Zeitgenossen zu karg und gewöhnungsbedürftig schien, war in Form und Funktion so durchdacht, dass es bald zum Sinnbild anmutig proportionierter Schlichtheit wurde. In den ersten Dessauer Jahren müssen der aus dem engen Weimar vertriebenen Bauhaus-Gruppe um Walter Gropius Flügel gewachsen sein. Während das konservative Bürgertum über die experimentierfreudigen Gestalter den Kopf schüttelte, trieben der aufgeschlossene Bürgermeister Fritz Hesse, eine investitionsbereite Baugenossenschaft und innovative Industrielle wie Hugo Junkers die "Bauhäusler" voran. So konnten in den sechs Jahren bis zum Nationalsozialismus Gebrauchsgegenstände, Möbel und Gebäude entworfen werden, die heute wie Heiligtümer der Moderne gefeiert werden und neuerdings wieder Bewunderer aus der ganzen Welt anlocken.

Auf den ersten Blick präsentiert sich die von zügigen Straßen durchquerte Stadt keineswegs als Dorado für Kunst und Kultur. Doch dem geduldigen Flaneur gibt sie, wie bei einer Liebe auf den zweiten Blick, ihren inneren Reichtum nach und nach preis. "Wir haben soviele Schätze, dass das Angebot unser Wartungs- und Restaurierungspotential bei weitem überfordert", weist Christine Lambrecht vom Tourismusamt auf unzählige Sehenswürdigkeiten hin, die die schweren Bombenangriffe und den Zerfall der Nachkriegszeit überstanden haben. Tatsächlich kann sie bei ihrer Stadtwerbung großzügig zwischen Klassizismus und Moderne jonglieren und auch den unterschiedlichsten Geschmäckern einer neugierig gewordenen Besucherschar gerecht werden.

Zu den Bauhausgebäuden führt unter anderem eine Radroute von 20 Kilometern. Ein Haltepunkt nahe den klassizistischen Saturnsäulen am Eingang zum Georgengarten ist die Meisterhaussiedlung, in der die Bauhaus-Lehrer lebten und arbeiteten. Während vom Gropius-Domizil nichts mehr übrigblieb, präsentiert sich die auf dem Nachbargrundstück verbliebene Doppelhaushälfte Lyonel Feiningers im original-frischem Glanz. Bis zur Wende hatte hier eine Poliklinik ihren Sitz, die dem Haus nicht nur den DDR-üblichen Kratzputz, sondern auch ein bis zur Unkenntlichkeit verbautes Innenleben verpasste. Auch die anschließenden Doppelhäuser der "Meister" Kandinsky und Klee, Muche und Schlemmer machten sich die späteren Bewohner äußerst unsanft untertänig: Außenwände und Grundriss wurden nach eigenem Gusto zerstückelt oder ergänzt. Nach gut siebzig Jahren werden sie nun wieder in ihren Urzustand zurückversetzt. Schon jetzt zieht das wiedereröffnete Feininger-Haus die gesamte Aufmerksamkeit einer die Gegend mit Kennerblick durchstreifenden Architekten- und Designerszene an. Sie bewundert die großzügige Verbindung von Wohnen und Arbeiten, die klassischen Türbeschläge, Schalter und Heizkörper und eine völlig aus dem Rahmen fallende Farbgebung: Fast jede Innenwand präsentiert sich anders, ist mit Hilfe einer 40 Nuancen umfassenden Farbskala im eigenen Ton gestrichen. Während eine Dauerausstellung im Erdgeschoss dem Dessauer Kantorssohn und Dreigroschenoper-Komponisten Kurt Weill gewidmet ist, kann Feiningers lichtdurchflutetes Atelier im ersten Stock für besondere Anlässe sogar als Vortrags- und Konzertsaal gemietet werden.

Die kleine Siedlung und das nahe Bauhausgebäude von Walter Gropius hat die Unesco 1996 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Eine späte Auszeichnung: Die Nationalsozialisten hatten es aus ideologischen Gründen geschlossen, die DDR-Funktionäre aus Ignoranz verfallen lassen und verschandelt. Nach Jahrzehnten der Malträtierung, in denen zum Beispiel die berühmte Glasvorhangfassade des Werkstattflügels durch eine Ziegelmauer mit Holzfenstern verbarrikadiert wurde, haben sie sich in den siebziger Jahren besonnen und das Bauhaus einer umfassenden Restaurierung unterzogen. Das trotz seiner Größe leicht und transparent wirkende Symbol neuzeitlicher Architektur bleibt wegen weiterer Renovierungsarbeiten auch in den nächsten Jahren Baustelle. Doch schon jetzt zieht es Pilger aus der ganzen Welt an, die die harmonische Verbindung von Schultrakt, Werkstätten und Atelierhaus einmal mit eigenen Augen gesehen haben wollen.

"Das Haus hat die Schmerzen des 20. Jahrhunderts in jeder Hinsicht mitgetragen", sagt der neuberufene Bauhaus-Direktor und Architekturprofessor Omar Akbar. Er will es von innen "aufbrechen" und wieder zum Zentrum internationaler Debatten über Kunst und Design machen. Zum erstenmal wird im Herbst ein einjähriges Bauhaus-Kolleg mit "gestandenen Praktikern" aus der ganzen Welt stattfinden; alle zwei Jahre soll außerdem eine internationale Jury einen Preis für Architektur, Design und Kunst vergeben. "Wenn unser Konzept funktioniert, wird hier bald wieder etwas los sein", glaubt Akbar.

Was los war und durch gegenseitige Inspiration möglich wurde, kann der Besucher zum Beispiel an den Laubenganghäusern studieren, ein Gemeinschaftsprojekt der damaligen Bauhaus-Bauabteilung. Im Auftrag der Spar- und Baugenossenschaft Dessau hatte sie fünf Häuser mit kleinen, aber geschickt aufgeteilten Wohnungen entworfen, die über Außengänge, den Lauben, zu betreten waren. Dass sie die Zeit seit 1927 unverändert überstanden, beweist die noch immer große Zufriedenheit ihrer Bewohner. Auch ein 1993 restauriertes Unikum, das Stahlhaus, war seinerzeit in Teamarbeit entstanden. Georg Muche und

Richard Paulick hatten an dem 72 Quadratmeter großen Kubus ein neues Grundmaterial zur Rationalisierung des Wohnungsbaus ausprobiert, es dann aber dabei bewenden lassen. Nicht weit davon entfernt liegt der einst als Arbeitsamt geplante halbrunde Stahlskelettbau von Walter Gropius wegen fehlender Renovierungsgelder im Dämmerschlaf.

Für wenig Begüterte, die vom Häuschen mit Garten träumten, entstanden 1926 in nur zwei Jahren nach Plänen von Gropius die 314 Reihenhäuser der Siedlung Törten, von denen ein Haus, am Mittelring 38, wieder in seinen Urzustand mit der typischen Fensterreihe versetzt wurde. In den zum Garten hin geöffneten Wohnräumen erinnert eine Moses-Mendelssohn-Ausstellung an den Dessauer Jungen, der mit 13 Jahren nach Berlin übersiedelte und später ein hochangesehener Philosoph wurde. "Meine Lebens-umstände sind von geringer Erheblichkeit", schrieb "Mosche mi-Dessau", Moses aus Dessau, in rückblickender Bescheidenheit. "Ich bin im Jahre 1729 geboren. Mein Vater war daselbst Schulmeister und Zehngeboteschreiber oder Sopher. Unter Rabbi Fränkel, der damals in Dessau Oberrabbiner war, studierte ich Talmud. Nachdem sich dieser gelehrte Rabbi durch seinen Kommentar über den hierosolymitanischen Talmud bei der jüdischen Nation großen Ruhm erworben, ward er im Jahre 1743 nach Berlin berufen, wohin ich ihm noch im selben Jahr folgte . . ."

Wie das große Berlin hatte das kleinere Dessau seinen jüdischen Bürgern nicht nur geistige Anregungen, sondern auch ein tatkräftiges Unternehmertum und soziales Engagement zu verdanken. Im Turm der teilweise wiederaufgebauten Marienkirche ist eine Ausstellung den "Spuren jüdischen Lebens in Dessau" gewidmet, die außer am alten israelitischen Friedhof in der Straße am Leipziger Tor und am Kantorhaus heute kaum noch sichtbar sind. An große Namen wie Cohn, Friedheim, Tuchmann, Hagelberg, Herz und Weill wird erinnert. Dem schon in seiner Dessauer Jugendzeit begeistert komponierenden Kurt sind eine Gedenktafel in der Kantorstraße und seit 1992 das weltweit einzige Kurt-Weill-Fest gewidmet. Stücke aus allen Schaffensperioden des ins Exil Getriebenen sind zu hören - aus der Berliner, der Pariser und der amerikanischen Zeit. Jeden März erklingt die gesamte Stadt im Weill-Sound, finden Lesungen, Konzerte und Opern an den unterschiedlichsten Orten statt: von der Bauhaus-Aula über das Feininger-Haus bis zum 1000 Plätze fassenden Anhaltischen Theater.

An diesem raumgreifenden Koloss, mit dem sich die Bauherren von 1936 ein "Bayreuth des Nordens" erschaffen wollten, schwenken wir von der Bauhausroute auf den "städtebaulichen Pfad" über. Diese Tour stellt Dessau als Teil der EXPO 2000-Korrespondenzregion Sachsen-Anhalt vor: als eine Stadt im sozialen und kulturellen Wandel mit Glanzlichtern und Narben und einer Fülle vielversprechender Zukunftsprojekte. In S-Form geschwungene Informationswände helfen bei der Orientierung. Wir passieren den Stadtpark mit den Denkmälern von Mendelssohn und Wilhelm Müller, dem Dichter von "Am Brunnen vor dem Tore", und halten kurz auf dem Schlossplatz hinter der Marienkirche, um dem legendären "alten Dessauer", Leopold I., Fürst von Anhalt, unsere Reverenz zu erweisen. Den volkstümlichen Beschreibungen zufolge war der Landesvater ein bodenständiges Organisationstalent, das es Ende des 17. Jahrhunderts zum preußischen Generalfeldmarschall gebracht und seinem Fürstentum durch eine geschickte Finanz- und Ansiedlungspolitik einen blühenden Aufschwung beschert hatte. Von seiner einstigen Residenz blieb nur der Johannbau in der Nähe seines Denkmals, ein für die EXPO-Ausstellung herausgeputzter Renaissance-Flügel, mit einem freundlichen Café und einem Stadtmuseum.

Weltkrieg, Abrisswut und Straßenbau haben aus der harmonisch gegliederten und zur Mulde hin orientierten dreiflügeligen Schlossanlage einen zwischen der

B 185 und grauen Plattenbauten eingekeilten Lückenbüßer gemacht. Linderung wird versprochen: Hier, am Ort des früheren Lustgartens und der Mühleninsel, von wo der Weg einmal direkt ins Wörlitzer Gartenreich führte, soll das Muldeufer neu gestaltet werden und als innerstädtisches Gewässer wiedererstehen.

Dessaus große Epoche als Industriestadt lässt sich im alten Gasviertel nahe dem morbid-pittoresken Wörlitzer Bahnhof studieren. Von dort kam 1856 das erste Gas für die Stadt. In dem ehrwürdigen Gemäuer tat sich 1888 Hugo Junkers mit dem Gasmotorspezialisten Wilhelm von Oechelhäuser zusammen, um bald eine beispiellose Karriere als Erfinder, Techniker und Unternehmer zu machen. Junkers brachte es auf 300 Patente und konstruierte unter anderem Gas- und Schwerölmotoren, Raumheizgeräte sowie Hallen- und Hochbauten. In seinem Bestreben, Funktionalität und Ästhetik miteinander zu vereinen, fand er in den Bauhaus-Meis-tern kongeniale Partner. Der Stahlrohrstuhl von Marcel Breuer war eines der bekanntesten Gemeinschaftsprodukte. Junkers, der das erste Ganzmetallverkehrsflugzeug der Welt und später das größte Luftfahrtunternehmen in Deutschland schuf, wurde von den Nazis aus seinen Werken verdrängt. Er sah sich als Pazifist und sperrte sich gegen die Einbeziehung seines Unternehmens in die Kriegsrüstung. Wenigstens das Gasviertel als seine unternehmerische Urzelle wird demnächst wiederbelebt: Zusammen mit dem Wörlitzer Bahnhof wird es zum Sitz des von Berlin nach Dessau ziehenden Umweltbundesamtes ausgebaut.

Der nahe Park des Georgiums ist Eingang zu dem vielleicht größten Umweltprojekt des 18. Jahrhunderts, dem Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Die weitläufige Oase in der Stadt ist jederzeit frei zugänglich, so wie es dereinst schon die Fürstenfamilie Anhalt-Dessau bürgernah für alle Schlossanlagen von Mosigkau bis zum Luisium verfügt hatte. Hier lässt sich auf verträumten Pfaden an antiken Säulen, Skulpturen und Tempeln entlang lustwandeln, bevor man den verwunschenen Bereich des Beckenbruchs mit blubbernden Tümpeln und Fließen erreicht. TIPS FÜR DESSAU

Anreise: Dessau ist mit dem Pkw über die A 9 in gut einer Stunde (Ausfahrt Dessau Ost) oder mit der Bahn - Regionalbahn oder Interregio - im direkten Anschluß zu erreichen.

Unterkunft: Im sogenannten Atelierflügel können Zimmer mit Dusche und WC auf der Etage (50 Mark pro Doppel- und 30 Mark pro Einzelzimmer) gemietet werden; Vorbestellung unter Telefon: 03 40 / 560 83 18. Frühstück ist im Preis nicht enthalten, kann aber täglich im Bauhaus-Club oder in der Mensa eingenommen werden.

Weniger Sparsame können im neugotischen Schlangenhaus der Schloßanlage Luisium (Preis je nach Personenzahl pro Nacht zwischen 90 und 220 Mark) ein Zimmer mieten.

Führungen: Das Bauhaus, Gropiusallee 38, ist von Dienstag bis Sonntag (10 bis 17 Uhr) geöffnet. An geführten Rundgängen kann man ohne Anmeldung von Montag bis Freitag (11 und 15 Uhr) sowie am Sonnabend und Sonntag (14 Uhr) teilnehmen. Für das Gebäude und die Bauhausstadt Dessau insgesamt gibt es auch Führungsprogramme (Vortrag mit Führung sowie Vortrag mit Rundfahrt sind für jeweils 75 Mark pro Stunde zu buchen).

Besichtigungen: Das Feininger-Haus mit dem Kurt-Weill-Zentrum in der Ebert-Allee 63 ist Dienstag bis Freitag (10 bis 17 Uhr) sowie Sonnabend und Sonntag (12 bis 17 Uhr) zu besichtigen.

Das Moses-Mendelssohn-Zentrum am Mittelring 38 in der Siedlung Törten ist täglich in der Zeit von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Innenbesichtigungen einer Wohnung in den Laubenganghäusern in der Peterholzstraße 40 oder des Arbeitsamtes von Walter Gropius können wie die anderen BauhausTouren mit der Stiftung Bauhaus Dessau (Telefon: 03 40 / 650 82 51) vereinbart werden.

Das berühmte Kornhaus von Carl Flieger direkt an der Elbe bietet neben der stilechten Ausstattung sehr gutes Essen. Die Stadt und das gesamte Dessau-Wörlitzer Gartenreich ist nicht zuletzt durch die Anbindung an den internationalen Fernradweg R 1 (Holland-Frankfurt/O.) und den Elberadweg R 2 (Hamburg-Dresden) ein Paradies für Radler.

Ein kulturelles Highlight ist das jährliche Kurt Weill Fest, das immer in der ersten Märzwoche stattfindet.

Auskunft: Tourist-Information Dessau, Zerbster Straße 2"c, 06844 Dessau; Telefon: 03 40 / 20 41 14 42 und 03 40 / 194 33). Dort sind unter anderem Faltblätter über die Bauhausgebäude, den Kulturpfad Dessau, die Bauhaus-Radtour, den städtebaulichen Pfad der Expo 2000 sowie eine Übersichtskarte über die Stätten jüdischen Lebens und Erinnerns zu erhalten.

Außerdem gibt es dort Faltblätter über die Schlossanlage des Georgiums und über den 45 Kilometer langen Fürst-Franz-Weg von Dessau nach Wörlitz und zurück, Tips für Fahrradverleihzentren eingeschlossen.
© 1999

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar