Zeitung Heute : Werkstatt des Glücks

Die Politik streitet über den Umgang mit jugendlichen Straftätern. Ein Aspekt, der dabei aus dem Blick gerückt ist, ist die Prävention: Was tun, um Jugendlichen Halt zu geben, bevor es zu spät ist? Die Gelbe Villa in Berlin-Kreuzberg beantwortet diese Frage täglich

Ali und Ali, elf und zwölf Jahre alt, sitzen in der Milchbar der Gelben Villa. Sie schwärmen von „King Kong“. Das ist ihr Spitzname für eine resolute, freundliche Frau, mit bürgerlichem Namen Ingrid Fliegel. Weil sie so unerschütterlich wirkt, weil sie viel weiß und hier das Sagen hat, ist sie für Ali und Ali die Größte. Ingrid Fliegel ist pädagogische Leiterin dieser ungewöhnlichen Villa, die bis unters Dach Ateliers und Werkstätten birgt. Jetzt, am Nachmittag, herrscht hier Hochbetrieb. Ingrid Fliegel, die eine Runde durchs Haus macht, hat sich zu Ali und Ali gesellt. Die wissen einiges zu erzählen von ihrem Tag.

Ali und Ali sind die Söhne libanesischer Flüchtlinge. Ihre Familien, eine mit sieben Kindern, eine mit fünf, haben die Spannungen im Libanon nicht länger ertragen, die Gefahr und die Angst. Ali und Ali haben inzwischen gut Deutsch gelernt, nur manchmal suchen sie noch nach einem Wort. Seit vergangenem Sommer sind die beiden Jungen Stammgäste des Kreativ- und Bildungszentrums „Gelbe Villa“ für Kinder und Jugendliche in Berlin- Kreuzberg.

Bei Ali und Ali, wie bei vielen anderen Kindern, die in die Villa kommen, ist es zu Hause eng. Die Eltern von Ali und Ali sind froh, wenn die Jungs am Nachmittag nicht vor dem Fernseher sitzen oder durch die Wohnung toben. In der Gelben Villa können Kinder an allen Wochentagen malen, basteln, tanzen, rappen, singen, Hausaufgaben machen, Siebdruck lernen, Videos drehen. Es gibt Kurse für Töpfern, Kochen, Judo, Aikido, Streetdance, Fotografie und vieles mehr. Jeden Tag kommen rund 150 Gäste in die Villa. Fast 10 000 Kinder und Jugendliche haben im vergangenen Jahr allein die Ferienprogramme der Gelben Villa besucht.

Ingrid Fliegel ist seit Aufbau und Gründung der Gelben Villa 2003 dabei, die Diplom-Pädagogin hat das Konzept mitentwickelt. „Prävention“, sagt sie, „ist eine der pädagogischen Säulen unseres Hauses, hier geht es auch um Chancengleichheit.“

Ali der Jüngere ist hingerissen von der Holzwerkstatt. Ein Haus hat er selbst gebastelt, aus Holz, für Vögel, „und ein Gerippe! Und Blumen!“ Auch Ali der Ältere freut sich. „Wir können hier alles ausprobieren, die helfen uns dann. Ingrid ist voll nett!“ Ali der Jüngere streckt ihr die offene Handfläche entgegen, sie klatscht ihre Hand gegen seine. Give-me-five heißt das Ritual unter Kumpels. Ali lehnt sich zufrieden zurück. Ingrid Fliegel, da sind sich die Jungen einig, ist ein Kumpel, und die Gelbe Villa, die ist „toll“.

Wenn man hier ein bisschen in der Milchbar helfe, sagt Ali der Ältere, bekomme man einen Milchshake „ohne Geld“! Nur die Milchbar und das Mittagessen im Kinderrestaurant „Fünf Jahreszeiten“ kosten hier etwas, einen Euro zahlen die Kinder für drei Gänge vom Ökokoch plus Getränk. Alles andere ist gratis, Kurse und Material, alles: Leinwand, Pinsel, Ton, Stoff, Filz, Holz, Film, Farben, Instrumente, Mikrofone, Computer, Siebdrucksachen, Tischtennis. Draußen gibt es einen kleinen Nutzgarten und eine Torwand für kleine Kicker. „Der kostenlose und niederschwellige Zugang zu Bildungsangeboten“, erklärt Fliegel, „ist ein essenzieller Schritt zur Chancengleichheit.“

Sieben feste Mitarbeiter und etwa 40 Honorarkräfte arbeiten hier neben vier Ehrenamtlichen, drei junge Leute verbringen ihr freiwilliges soziales Jahr in der Villa. Etwa 25 Kurse und Workshops laufen am Tag. An den Vormittagen gehört die Villa Schülern und Lehrern, die hier Projektwochen buchen können.

Bei aller Betriebsamkeit strahlt die Gelbe Villa Ruhe aus, wie ein Dampfer, der bei wenig Wellengang unterwegs ist. Hier ist alles exzellent organisiert. Nichts wurde aus dem Sperrmüll gespendet, es gilt nur erste Qualität.

„Wir wollen Werte vermitteln“, sagt Ingrid Fliegel, „und das funktioniert nur, wo wir selber die Kinder wertschätzen.“ Wertschätzung – das ist jedes zweite Wort der Mitarbeiter. Das Haus am Viktoriapark wirkt so utopisch, als hätten Astrid Lindgren die Idee geliefert und die Manager eines Fünfsternehotels sie umgesetzt. Das zitronenfarben gekachelte Gebäude, das an Bauhausarchitektur erinnert, steht auf einem Gründerzeitsockel. Helligkeit und Offenheit strahlt es aus, große Fensterflächen und sogar Durchblicke in den Wänden zwischen den Ateliers verleihen Transparenz. Aus der halben Welt waren schon Experten hier, aus Italien, Amerika, China und die „Kulturkompetenzvermittler“ vom Pariser Centre Pompidou.

Vor dreieinhalb Jahren ließen Kunden der Hamburger Warburg-Bank über die Stiftung Jovita dieses Millionenprojekt entstehen. Die Sponsoren wollen nicht genannt werden, sie legen Wert auf Diskretion. Sie sind in wohlhabenden Elternhäusern aufgewachsen und sich bewusst, dass dieses Privileg ein Zufall war. Einer von ihnen sagt: „Wir schenken nicht wirklich. Sondern wir geben zurück.“ Ein anderer sagt, es sei enorm befriedigend zu sehen, „wie direkt das gespendete Geld Wirkung entfaltet“.

Inzwischen hat die Gelbe Villa weitere Sponsoren, darunter die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, der Paritätische Wohlfahrtsverband, die AOK Berlin und die Robert Bosch Stiftung. Eine halbe Million Euro im Jahr betragen die laufenden Kosten.

Die Kinder wissen von alledem nichts. Sie nehmen die Villa einfach an, wie einen schönen Spielplatz. „Wir gehen hier überallhin, zur Gitarre, in den Hausaufgabenraum, in den Computerraum“ sagt Ali der Jüngere, „und alles ist ganz schön, sehr schön!“ Kleine Pause. „Manchmal ärgern wir die anderen.“ Pause. „Aber nicht mehr so oft!“ Zu Hause sei es langweiliger, sagt Ali, der Elfjährige, „Fernsehen und Rumsitzen immer nur, hier ist es besser“.

Es ist Donnerstag, da riecht es in der ganzen Villa nach Waffeln. Aus der Milchbar im Souterrain zieht Backgeruch hoch in alle fünf Etagen.

Berge von Schulranzen liegen hinter der Rezeption im Erdgeschoss. In einer Werkstatt entstehen aus Recyclingmaterial wie alten Radios und Platinen Skulpturen von Robotern, aus Ton entstehen glasierte Fantasietiere, auf dem großen Tisch im Kunstatelier wächst aus Farbe ein grün-bunter Regenwald, an dem die zehnjährige Abeena mitarbeitet, die herkommt, seit sie sieben war. „Ich seife alle ein“, steht auf ihrem T-Shirt, um ihren Hals baumelt ein kleiner silberfarbener Colt als Anhänger. „Der Dschungel wird ein Bühnenbild für ein Theaterstück“, erklärt Abeena. Sie arbeiten mit einer Schule zusammen, das Stück handelt „von Baumfällern, Affen, Schlangen“.

Im schallgedämpften Zimmer probt derweil die Musiklehrerin Judith Müller mit der wilden Mädchenband „The Furious“. Auf der Warteliste von Judith Müller stehen zwei Dutzend Kinder, die sich nach Instrumentalunterricht sehnen. Viele Kinder besitzen keine Instrumente, also hat die Villa Gitarren und Keyboards angeschafft. Im Computerraum vergnügen sich der achtjährige Mohammed und der etwas ältere Jurica aus Kroatien mit Geschicklichkeitsspielen. Eine Stunde Computer pro Kind und Tag wird erlaubt, stets ist ein Betreuer dabei, Killerspiele sind geblockt, Chatten ist eingeschränkt gestattet. Ein Raum im Haus ist nur zum Entspannen da, bei gedämpftem Licht kann man auf dem Wasserbett unter einem weißen Baldachin Musik oder Märchen hören.

Ali dem Jüngeren fällt etwas Wichtiges ein: „Hier gibt es, ähm ...“, er fragt den Freund Ali auf Arabisch nach einem Wort. „Regeln!“, sagt der. „Ja, das. Hier gibt es Regeln!“ Ali der Jüngere zählt sie auf, er scheint fasziniert: „Man darf hier keinen schlagen, man darf kein’ Walkman haben, kein’ Nintendo, man soll kein’ Scheiß bauen, kein Handy benutzen, nicht klauen, nicht Sachen wegschleppen und so, man soll nicht and’re ärgern …“ Er spricht mit Verve und erinnert sich an den ganzen Kanon. Ingrid Fliegel ist überrascht und gerührt. „Ali! Du kennst ja alle Regeln!“

Ali und Ali, die manche Regeln gelegentlich noch brechen, sind stolz darauf, dass sie sich in einer neuen Welt zurechtfinden. Ein Kreativhaus: So was gab es in ihrem früheren Leben nicht. Manche Eltern der kindlichen Stammkunden waren noch nie hier. Manchmal rufen welche an und erkundigen sich auf der Suche nach einem Spross, ob der gerade in der Villa sei. Andere Eltern wählen gezielt Kurse aus, bringen und begleiten ihre Kinder. Die Schauspielerin Beate Ehlers etwa hat ihre wache, lebhafte Tochter Shanna, sieben Jahre alt, zum Töpferkurs in die Villa begleitet. „Wunderbar ist es, dass die Gruppen hier absichtlich klein gehalten sind“, sagt Ehlers, „und dass Kinder von Künstlern lernen, über ihre Arbeiten zu sprechen.“ Am Ende der Stunde erklären sie den anderen ihre Tierfiguren oder Tonbauten. „Sie basteln nicht bloß“, sagt Shannas Mutter, „was sie hier machen, bekommt Sinn, Bedeutung.“

Ali der Jüngere erklärt seiner Mutter, die von der Villa wenig weiß: „Ich übe da Deutsch.“ Und das findet sie gut, sagt er.

Ali und Ali mögen es, in den Morgen hineinzuradeln. Lange, ehe ihr Unterricht losgeht, überqueren sie mit dem Fahrrad den Berliner Mehringdamm, auf dem der Frühverkehr rauscht, plaudern auf Arabisch und erforschen die Stadt vor dem Sonnenaufgang. „Am Morgen seh ich da, dass in der Gelben Villa schon Licht ist!“, sagt Ali, der Elfjährige. Verheißungsvoll leuchtet der Bau, verspricht einen glücklichen Nachmittag. Am Vormittag, in der Schule, wo auf dem Pausenhof häufig Fäuste regieren, wie beide Alis erfahren haben, wissen sie dann, worauf sie sich freuen. „Jede Schule sollte eine Gelbe Villa haben“, findet Ali der Jüngere, der andere Ali nickt.

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