Zeitung Heute : Wessi-Mädels mitten im Kiez

Marzahn, Wedding, Charlottenburg: Drei Design-Studentinnen erkunden für ihr Magazin „Berlin Haushoch“ die Bezirke

Leo Wild

In wohl keiner Stadt gibt es so viele Programm-Magazine wie in Berlin: Veranstaltungskalender, Booklets zu Sonderthemen wie „Baden in Berlin“, Gastronomieführer, Lesben- und Schwulen-Guides und selbst fremdsprachliche Berlin-Magazine füllen die Regale der Kioske. Mit ihrem Stadtteil-Magazin „Berlin Haushoch“ jedoch haben Alexandra Bald, Ana Lessing und Esra Rotthoff etwas geschaffen, das in dieser Form einmalig ist: eine Zeitschrift, die, indem sie Menschen, Situationen und Räume porträtiert, den „Geist“ des jeweils vorgestellten Bezirks einfängt.

Vor zwei Jahren haben die drei jungen Frauen „Berlin Haushoch“ im Rahmen ihres Studiums der visuellen Kommunikation an der UdK Berlin ins Leben gerufen, und seither sind sie Herausgeberinnen, Autorinnen, Grafikerinnen, Fotografinnen und Models in einem.

„Im Grunde machen wir genau das Gegenteil von dem, was alle Stadtmagazine machen“, sagt Esra Rotthoff. „Restauranttipps oder Kneipenführer interessieren uns nicht – uns geht es um die Menschen, die hier leben. Wir tauchen in den jeweiligen Bezirk ein, den wir porträtieren, gucken genau hin und zeigen die Menschen, die uns begegnen, ohne sie bloßzustellen – egal ob Kleingärtner, Charlottenburger Witwe oder Obdachloser. So machen wir uns fern jedes Klischees unser ganz persönliches Bild, das wir dann den Lesern zu vermitteln versuchen.“

Und das tun die drei mit Erfolg. Vier Preise haben sie bereits erhalten, und mit dem renommierten „iF Communication Design Award“ auch einen, für den sie mit Teilnehmenden aus 19 Ländern konkurrierten. Jede Ausgabe ist einem Berliner Bezirk gewidmet, und dafür richten sich die drei 26-Jährigen eine Redaktion in dem Kiez, den sie erkunden wollen, ein. Die erste Ausgabe entstand in Marzahn. Hier hatten sie monatelang rund um die Wittenberger Straße 85 mit ihrer Kamera „tolles Material“ eingefangen und sich als „Wessi-Mädels“ mit Geduld das Vertrauen der Anwohner erkämpft. Ein besonderer Teil jeder Ausgabe ist die Fotostrecke, in der sich die drei im Flair des jeweiligen Bezirkes in Szene setzen: An der Fleischtheke im türkischen Supermarkt, unter der Haube im Frisör-Salon oder in luftiger Höhe im Plattenbau.

Nach der 1000 Exemplare starken Premiere von „Berlin Haushoch“ im Mai 2006 zogen die drei für die vor kurzem erschienene Wedding-Ausgabe in die Osram-Höfe. Im Dezember 2008 kommt die dritte Nummer auf den Markt: Dieses Mal haben sie Quartier in einer alten Hausmeisterwohnung in Charlottenburg bezogen. „Mitten drin“ lacht Esra Rotthoff, „und das Verrückte ist, mittlerweile sind wir schon so bekannt, dass die Leute hier anklopfen und uns von sich aus ihre Geschichten erzählen.“

Das Low-Budget-Projekt ist gleichzeitig ihre Diplom-Arbeit, die Fons Hickmann, UdK-Professor und Design-Koryphäe, betreut. Dafür verbringt das Trio nun jeden Tag in Charlottenburg; in einem Kiez, in dem früher als in Kreuzberg Hausbesetzerprojekte entstanden. „Von wegen muffiges Charlottenburg – wir erleben hier täglich das genaue Gegenteil.“

Außer dem Spiel mit Klischees sind ihnen Kontraste wichtig: „Vom ‚grauen' Marzahn in den ‚bunten' Wedding hin zum ‚spießigen Charlottenburg“, erklärt Alexandra Bald die Wahl ihrer bisherigen Kieze. Von der ersten Idee bis zum Layout, von den Release-Partys bis zur Auslieferung an den Buchhandel macht das Trio jeden Handgriff selber.

Auf dem Magazinmarkt sehen sie sich außer Konkurrenz: nicht anzeigenfinanziert, sondern gesponsert – noch. Die aktuellen Räume in Charlottenburg sind mietfrei von einer Wohnungsbaugesellschaft zur Verfügung gestellt, für ihre Fotoshootings kooperieren sie mit Kameraverleihen und kaufen in Second-Hand-Läden.

„Die Zielgruppe von 'Berlin Haushoch' sind alle Leser mit Liebe zum Detail“, sagt Ana Lessing. Springt auf und eilt mit ihren Kolleginnen los zum Bahnhof Zoo – zu einem Termin mit der Bahnhofsmission.

Während des Rundgangs 08 ist „Berlin Haushoch“ für 6 Euro am Stand des UdK-Ladens erhältlich. www.berlinhaushoch.de

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