Zeitung Heute : West-Berlin ist Ost-Berin

ANTJE SIRLESCHTOV

Vorgestern die Gasag in Wilmersdorf, gestern die Bewag in Kreuzberg, heute Mannesmann-Seiffert in Tempelhof - kaum ein Tag vergeht, in der die deutsche Hauptstadt von Hiobsbotschaften am Arbeitsmarkt verschont bleibt. Stellenabbau, Entlassungen, Vorruhestand und Betriebsschließungen. Ob bei privaten Unternehmen, Betrieben in öffentlicher Hand oder solchen, die das Land Berlin gerade erst in die Selbständigkeit entlassen hat. Berlin stößt noch immer wirtschaftlichen Ballast ab und entläßt seine Arbeiter zu tausenden in die Ungewißheit. Ein Traum bleibt die gerade erst aufkeimende Hoffnung der Berliner, daß der Abwärtsstrudel der heimischen Industrie nun endlich zum Stillstand gekommen ist und der seit Jahren flehentlich herbeigesehnte Aufschwung durch Dientleister und Bundesverwaltung wirklich die Oberhand gewinnen wird.Berlin geht jetzt durch ein zweites Tal. Zehn Jahre lang hat sich der Strukturwandel der hiesigen Wirtschaft nach der Wiedervereinigung mit besonderer Wucht im Osten der Stadt abgespielt. Ob der Werkzeugmaschinenbauer Niles, der Elektrobetrieb Elpro oder die einstige Inter-Fugflotte der DDR: Stück für Stück haben die Westberliner quasi in der ersten Reihe mit angesehen, wie brüchig der wirtschaftliche Boden im anderen Stadtteill war. Lange Jahre galten Köpenick und Lichtenberg als Stadtbezirke des Zusammenbruchs,waren Marzahn und Hohenschönhausen Sinnbilder für 300 000 Arbeitsplätze, die der Wettbewerb den Ostberlinern genommen hat. Daß das Wirtschaftswachstum der Stadt auch heute noch nicht an das Niveau anderer deutscher Regionen heranreicht, hat zum großen Teil seine Ursachen im Osten der Stadt.Und jetzt? Jetzt zeigt sich, daß der Westen Berlins kaum besser dran ist, als es der Osten war. Die Wahrheit ist, daß sich die alte Bundesrepublik vierzig Jahre lang wohl politisch zum eingemauerten Berlin bekannt hat. Der West-Berliner Wirtschaft ist das nicht gut bekommen: Die Milliardengaben aus Bonn - zeitweilig machten sie jede zweite Berliner Haushaltsmark aus - haben den Berlinern eine Leistungsfähigkeit suggeriert, die es in Wirklichkeit nicht gab. Was die Frontstadtpolitik 1990 hinterließ, war ein aufgepumpter Verwaltungsdienst und eine Unternehmenskultur, die den Blick für das ökonomisch Notwendige verloren hatte. Für den Querdenker Wolf-Jobst Sieder vereinigte sich Berlin zu einer Stadt, in der "der Hinkende den Lahmen stützt"."Gestrandete Investments" nennen die Fachleute emotionslos schon jetzt all das, was Westberlin in die neue Zeit zu retten versucht, und was der Wettbewerb dennoch aussortieren wird. Fachleute der Gasag, BVB und Stadtreinigung. Mitarbeiter der lokalen Geldinstitute. Kraftwerke der Bewag. Stück für Stück schmilzt dahin, was in den vergangenen Jahren im Westen der Stadt wie in einer verschworenen Gemeinschaft zusammengerückt ist. Und gehofft hat, daß die bitteren Zeiten ohne größere Blessuren vorüberziehen.Die jüngste Geschichte der Berliner Krone AG ist dafür nur ein Beweis. Fest verankert im Kartell der West-Berliner Unternehmerschaft konnten die Telekommunikationsbauer nach 1990 wie kaum ein Zweiter vom Wiederaufbauprogramm Ost profitieren. Mit dem Strippenzieher Telekom gewann der Berliner Traditionsbetrieb Krone bei jedem Meter Telefonkabel, das zwischen Rostock und Suhl verlegt worden ist. Was Krone bei der Sonderkonjunktur verpaßte, war schlicht der Anschluß an den technischen Fortschritt. Nun ist der Osten verkabelt, Krones Konkurrenten haben sich in High-Tech-Märkten etabliert - und die Berliner? Selbst die neuen Eigentümer aus dem ostdeutschen Thüringen sind froh über den Weiterverkauf von Krone an einen Amerikaner.Schon wieder sind es die anderen, die den Berlinern zeigen, wie Wettbewerb funktioniert. Der Münchner Dussmann, der die Berliner Politiker trickreich zum Spätverkauf zwang. Japaner und Stuttgarter als Investoren am Potsdamer Platz. Franzosen bei den Berliner Wasserbetrieben. Amerikaner in der Bewag. Genau wie damals, als es Fremde waren, die die Ostberliner Marktwirtschaft lehrten. Nur, daß jetzt West-Berlin Ost-Berlin ist.

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