Zeitung Heute : West-Östliche Diva

Sie sammelt Schuhe und badet in Milch und Honig – ist das türkisch? Oder eher deutsch? Hatice Akyün hat ein Buch über ihr Leben in zwei Welten geschrieben.

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In Husum hat sie zwei Stunden vorgelesen, und es hätte noch länger dauern können. Husum an der Nordsee nennt sich die graue Stadt am Meer. Viele Krabben, wenig Ausländer. Vor so einer Kulisse ist Hatice Akyün natürlich ein schriller Klecks.

Sie kommt aus einem Dorf, dessen Bruttosozialprodukt aufs Jahr gerechnet unter dem liegen dürfte, was sie im Monat für Schuhe ausgibt. Stilettos, Pumps, Riemchensandalen mit stöckeligen Absätzen, Mindesthöhe zehn Zentimeter, ein Paar von Manolo Blahnik. Die schönsten stehen in einem fünfstöckigen Glasregal, das an der Wand ihres Berliner Wohnzimmers hängt. Ein Schrein. Außerdem badet sie gelegentlich in Milch und Honig (vier Liter Vollmilch und eine Tube „Flotte Biene“ ins Wasser geben und rühren), das ist gut für die Haut, sagt sie, und sie liebt Ohrringe.

Hatice Akyün wurde in Akpinar Köyü, Ostanatolien, geboren, aufgewachsen ist sie in Duisburg. Sie ist 36 Jahre alt und solo. Sie hat ein rundes Gesicht mit dunklen Augen, und wenn sie lacht, zeigt sie glänzende weiße Zähne. Sie ist eine deutsche Türkin oder eine türkische Deutsche, man verliert schnell die Lust an solchen Gedanken. Sie sind so unangemessen, als würde man selber immer darauf reduziert, aus Itzehoe, Kaufbeuren oder Coermigk zu kommen, obwohl man längst Börsenhai in Tokio ist. Seit fünf Jahren lebt Hatice Akyün in Berlin, als Journalistin. Sie arbeitet für „Emma“, den „Spiegel“ und auch den Tagesspiegel. Jetzt hat sie ein Buch über ihr deutsch-türkisches Leben geschrieben. Es geht um geizige deutsche Männer, alberne türkische Komplimente, perfekte Augenbrauen, Achselhaare, kochende Mütter, Auto fahrende Väter, kinderreiche Schwestern und prollige Brüder. Das Buch heißt „Einmal Hans mit scharfer Soße“ (Goldmann). Es macht sich lustig. Ein seltener Ton in der Debatte über Deutschtürkisches. Die Botschaft ist: Kulturkonflikt, ja, aber alles nicht so schlimm. „Ich hatte durchaus Angst zu verharmlosen“, sagt Hatice Akyün, als sie auf ihrer Lesereise einen Stopp in Berlin macht. Aber sie wollte etwas Normales, etwas Liebenswertes zeigen.

In ihrer Wohnung gibt es keinen Teppich, es gibt Oberlichter und schräge Fenster. Hatice Akyün wohnt in der Ecke von Berlin-Mitte, wo das Bettenhaus der Charité steht und um die Ecke das Deutsche Theater. Es ist ein Niemandsland. Das Haus gehörte früher zur Universität, die Wege zu ihrer Wohnung sind verschlungen, aber sie lohnen sich. Es gibt einen tollen Ausblick, das Regal mit den Schuhen, Kleiderstangen, an denen Abendroben hängen, lange Röcke, bunte Blusen.

Literaturagenten haben Hatice Akyün gefragt, ob sie ein Buch über ihr Leben schreiben wolle. Sie sagte zu – unter der Bedingung, dass es kein Schicksalsroman werden müsse. Von denen gibt es einige: „Erstickt an euren Lügen“ – „Mich hat keiner gefragt“ – „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“. Sie schildern das Leben von türkischen Frauen oder Mädchen, die unterdrückt wurden, in die Ehe gezwungen, bedroht, geschlagen. Hatice Akyün kennt solche Schicksale. Sie hat für den „Spiegel“ eine Titelgeschichte geschrieben über „Allahs rechtlose Töchter“. Sie hat Mädchen getroffen, die unter falschen Namen und in andauernder Angst leben, weil ihre Väter drohen, sie umzubringen. Das Leben dieser Mädchen sei entsetzlich. „Aber ist das türkisch?“, fragt sie. Wenn, wie in Hamburg, Eltern ihre Tochter verhungern lassen: „Ist das deutsch? Nein, das ist unmenschlich.“ Egal, woher die Täter kommen.

Hatice Akyün hätte aus ihrem Leben auch ein dramatisches Buch machen können. Sie hätte über den 15.Juni 1987 schreiben können. In der Nacht nach ihrem 18.Geburtstag ist sie von zu Hause weggelaufen. Sie wollte dem Leben entfliehen, das für sie Hauptschule, Heim und Herd vorsah. Oder über ihren Kampf gegen das Kopftuch. Das sie hässlich machte, wie sie fand. Das sie nicht tragen wollte, aber musste, seitdem sie 13 war.

Als Jugendliche hat sie das Türkische abgelehnt. Gehasst, sagt sie. Weil es sie einschränkte, erstickte. Noch lange nach der Flucht hat sie Türken gemieden. Wegen einer vagen wabernden Angst, die könnten sie nach Hause zurückbringen. Dass dann alles umsonst gewesen wäre.

Wenn Hatice Akyün über Probleme von Türken in Deutschland redet, hält sie oft inne und findet es anmaßend, dass sie für die Türken sprechen soll. Wie könnte sie? Sie findet die üblichen Worte unpassend. Sie mag „westlich“ nicht, wenn es um das Gegenteil von türkisch geht. Oder Zwang, wenn es um Deutschkurse für Ausländer geht. Sie würde lieber von Pflicht sprechen, sagt sie: „Pflicht ist mein Lieblingswort.“ Dann lacht sie laut.

Drei Jahre hatte sie nach der Flucht keinen Kontakt zur Familie. Eine Lehrerin hat ihr in dieser Zeit geholfen, die für sie schmerzhaft war. Ihr Buch übergeht das. Als sie weggelaufen ist, hat sie die Eltern und fünf Geschwister ratlos, bestürzt, wütend zurückgelassen. Hatice Akyün sagt, bei den Türken sei wichtig, was die anderen denken – in dieser Beziehung seien sie ziemlich deutsch. Und ein ausgerissenes Kind, das war schrecklich, aber auch peinlich. Die Eltern haben den anderen erzählt, Hatice sei zur Ausbildung fortgegangen.

Erst in diesem Sommer, 2005, 18 Jahre später, hat sie mit ihrem Vater darüber gesprochen. Als sie sich getroffen haben in den Ferien im Dorf Akpinar Köyü. Sie hat dort aus dem Buch vorgelesen, ihre Schwester, die in Istanbul lebt, hat übersetzt. Die hat den Vater auch vorbereitet auf Textstellen, die ihm Bekannte in der Moschee an den Kopf werfen könnten. Dass die Tochter Alkohol trinkt und Sex vor der Ehe hat. Musste sie das unbedingt schreiben, hat der Vater gefragt und schließlich ein Ja akzeptiert. Später an dem Abend hat Hatice Akyün ihren Vater beiseite genommen und ihn gefragt: „Papa, wie war das damals für dich, als ich weggelaufen bin?“ Unter dem Oberlicht ihrer hellen Wohnung bricht Hatice Akyün ab. Das war erst in diesem Sommer. Es ist noch so nah. Wie groß die Wunde war, die sie damals in ihre Familie gerissen hat, reißen musste, um den Traditionen zu entkommen, ist wieder gegenwärtig.

Der Vater hat ihr verziehen. Sie sagt, er habe erkannt, dass seine zweitälteste Tochter so gehandelt hat wie er, als er vor langer Zeit sein Dorf verließ. Sie habe einen Schnitt gemacht und sich in eine Ungewissheit gestürzt im Vertrauen darauf, dass die ihr Gutes bringen werde.

Der Vater war Schafhirte, als er 1972 hörte, dass sie Arbeit haben in Deutschland, dass man dort Geld verdienen kann. Also zog er los. „Er wusste doch überhaupt nicht, was das ist: Deutschland“, sagt die Tochter. Kurze Zeit später holte er die Frau, die weder lesen noch schreiben konnte, nach und die zwei kleinen Mädchen. Hatice Akyün zeigt ein verblichenes Foto. Eine Frau mit Kopftuch lehnt an einer groben Steinwand. Sie hat ein derbes Gesicht, trägt lange Röcke übereinander. Auf dem einen Arm hält sie ein Kind. Neben ihr steht ein zweites. Alle drei gucken ernst. Sie, ihre Mutter, ihre ältere Schwester. „Das ist doch ein Bild wie aus dem vorletzten Jahrhundert“, sagt Hatice Akyün.

Wie beim Vater hat die Hoffnung auf ein besseres Leben sie nicht enttäuscht. „Ich hab’s geschafft“, sagt sie. Obwohl das bei ihrer Geburt nicht abzusehen war. Sie könnte jetzt genauso gut in einem anatolischen Dorf sitzen, eine Analphabetin mit vielen Kindern. Sie sieht sich um. Die Wohnung, die Schuhe, die Kleider, das Buch. Unglaublich, oder?

Wenn sie zu den Eltern nach Duisburg fährt oder nach Akpinar Köyü, dann passt sie sich an. In engen Hosen vor dem Vater aufzutauchen, kommt nicht in Frage. Sie würde sich genieren. Im Buch tauscht sie ihre „geliebte Jeans gegen einen sauberen langen Rock“ und bindet „mit zwei Knoten unter dem Kinn das Kopftuch zusammen“. So beginnen die Türkeiferien seit Jahren und auch heute noch.

Die Eltern haben inzwischen ein Haus in Duisburg gekauft. Über die Jahre sind die Reden von der Rückkehr in die Türkei leiser geworden. Sie werden hier bleiben. Und wenn jetzt die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union anfangen, erfülle ihren Vater das mit Stolz. „Er war ein Pionier damals“, sagt Hatice Akyün, und nun folge sein Land ihm nach.

Neulich ist Hatice Akyün von einer langjährigen deutschen Freundin gefragt worden, ob ihre Eltern sie auch mal zwangsverheiraten wollten. Die Frage hat sie überrascht, weil die Freundin die Familie doch gut kennt. Aber es habe sie nicht geärgert. Weil es nett gemeint war. In der Schule habe man sie oft gefragt, woher sie stamme, erzählt Hatice Akyün. Ich bin Türkin, habe sie gesagt und als gutmütige Antwort gehört: „Okay, macht nichts.“ Sie lacht. Sie habe sich auch darüber nicht geärgert, sagt sie. Das ist ziemlich untürkisch. Und ziemlich undeutsch. Das ist ziemlich großzügig.

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