Zeitung Heute : West- östliche Diven

Angela Merkel feiert Uschi Glas zum 60. Geburtstag

Elisabeth Binder

Dass sie schwesterlichen Parteien angehören, sieht man Angela Merkel (CDU) und Uschi Glas (CSU) an diesem Morgen durchaus an, wo sie so einträchtig beieinander stehen unter den Kronleuchtern der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft. Beide im schwarzen Hosenanzug, die dunkelbraun gebrannte Schauspielerin tief ausgeschnitten mit spitzen Stöckeln an den Füßen, die Politikerin mit weißem T-Shirt und Blockabsätzen. Es geht aber weder um Parteien noch um Stil, sondern um ein Thema, für das man, wie es Inge Gringel formuliert, „am besten zeitig vorsorgt“. Die 60-Jährige ist eines von 55000 Mitgliedern der Patientenschutzorganisation für Schwerstkranke und will, dass ihre Kinder wissen, „wo’s langgeht“, wenn sie es ihnen selber nicht mehr sagen kann. Es geht ums Sterben.

Seit acht Jahren arbeitet Uschi Glas für die Deutsche Hospizstiftung daran, das Thema Sterben von seinen Tabus zu befreien. Die Initialzündung gab der langsame Lungenkrebs-Tod ihres Vaters. Es gab so viele Unsicherheiten und Fragen, die die Familie nicht beantworten konnte. Als sie kurz danach gefragt wurde, ob sie die Schirmherrschaft übernehmen wollte, empfand sie es „wie eine Fügung des Schicksals“. Obwohl die Leute bei Film und Fernsehen vor Imageeinbußen warnten.

Sie blieb dabei, und eigentlich wollte sie sich jetzt gar nicht loben und feiern lassen. Das betonen die Männer in ihren Reden, das sagt das altgediente Schätzchen aber auch selbst ganz unumwunden. Der Grund, warum sie dann doch in diesen einzigen öffentlichen Empfang zu Ehren ihres 60. Geburtstags einwilligte, war die Laudatorin. „Als ich hörte, dass Angela Merkel sprechen will, hat mich das total umgehauen.“ Wo die doch immer so wichtige Sachen zu tun hat.

Wichtige Sachen, wie das wiederholte Lächeln, das sie Richtung des Vorsitzenden der sozialdemokratischen Arbeitnehmerschaft, Ottmar Schreiner, schickt, den sie später mit aufs Foto winkt, oder eine frotzelige Bemerkung für den Stiftungsratsvorsitzenden Friedhelm Farthmann vielleicht? Könnte ja immerhin sein, dass es wirklich das Thema ist, das sie zu diesem recht verspäteten Geburtstagsempfang gelockt hat. Tod und Sterben, findet Angela Merkel, sind nämlich sehr wichtige Themen, „auch wenn sie verdrängt werden und in den schnellen Rhythmus der Globalisierung überhaupt nicht passen: Dabei werden sich immer mehr Jüngere mit dem Sterben der Älteren auseinander setzen müssen.“ Es aushalten zu können, dass jede Sekunde eine Katastrophe in unser Leben treten kann, das eben falle so schwer. Wenn ein solches Thema zwei doch sehr ungleiche Prominente zusammenbringt, fällt es offensichtlich schon nicht mehr ganz so schwer, darüber zu reden. Angela Merkel sieht während ihrer ganzen Rede konzentriert auf Uschi Glas. Lobt sie als selbstbewusste, starke Frau, die hilft, „das Leben in seiner Gänze“ wieder unter die Menschen zu bringen. In der Schauspielerei sei es ja wohl nicht anders als in der hektischen Politik, was sich an Schwäche zeige, werde als nicht passend empfunden. Die so gelobte Schauspielerin guckt sehr ernst. Später, als die beiden wieder nebeneinander stehen, gleitet das Lächeln geschmeidig über die Züge der Schauspielerin, während es bei Angela Merkel eher entschlossen aufleuchtet.

Bis fünf nach zwölf bleibt die Politikerin, insgesamt eine gute Stunde. Dann verabschiedet sie sich von „der Jubilarin“ und eilt aus dem Saal. Uschi Glas redet derweil mit routiniertem Charme weiter auf die Fernsehkameras und Mikrofone ein. Hat sich ihre eigene Einstellung zum Sterben verändert? „Ja“, sagt sie. „Früher hatte ich mir das Ende so gewünscht: umfallen und tot sein. Heute möchte ich eher den Sterbeweg gehen, mich verabschieden, Adieu sagen.“

Und die Einstellung zu Angela Merkel? Freundinnen seien sie nicht, sagt sie. Dass sie es aber trotzdem ganz toll fände, wenn sie Kanzlerin würde. „Wir müssen doch in dieser Krise rigoros umdenken. Das nächste Auto kann’s einfach nicht mehr sein. Eine Frau hat viel mehr Herz und Urkraft, den notwendigen Klimawandel in Gang zu setzen.“

Bunte Prominenz ist so gut wie nicht vorhanden an diesem Morgen, es sind eher ältere Leute dabei, die guten Grund sehen, ein bisschen vorzusorgen. Inge Gringel hat mit ihrer Kamera inzwischen selbst ein paar Schnappschüsse gesammelt und ist überaus angetan von Angela Merkel: „Sonst redet die immer nur politisch. Hier war sie so… nicht direkt gefühlvoll, aber immerhin …“ So in Richtung Gefühl? „Ja. Einfach toll!“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!