WESTERN-SPEKTAKEL „Lone Ranger“ : Schatten des Verrats

Foto: WDS
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Für Hollywood-Verhältnisse ist dieser Film subversiv. Er kommt als traditioneller Sommer-Blockbuster daher. Die Macher der überaus profitablen „Fluch der Karibik“-Reihe haben die hohe See gegen den Wilden Westen getauscht, doch das Konzept scheint identisch: unbeschwerte Unterhaltung für die ganze Familie, mit viel Action und Humor. Bis sich herausstellt, dass der von Johnny Depp verkörperte komische Held eine tragische Vergangenheit hat. Und in dem Zusammenhang wird die Tragödie eines ganzen Volkes thematisiert. „Lone Ranger“ betreibt etwas, was dem US-Kino nie so ganz gelegen hat: Vergangenheitsbewältigung.

Im Jahr 1933 verirrt sich ein kleiner Junge auf einem Rummelplatz und steht plötzlich vor dem uralten Indianer Tonto (Johnny Depp). Der Junge trägt die Maske des Westernhelden Lone Ranger, und Tonto behauptet, diesen persönlich gekannt zu haben. Ungeschickterweise führt er ihn als Bankräuber ein. Wie kann ein strahlender Held eine Bank überfallen? Tonto korrigiert sogleich seine Erzählung und stellt John Reid (Armie Hammer) als netten und biederen Anwalt vor, den die Umstände in die Rolle des Banditen zwingen.

Die anfängliche Konfusion ist beabsichtigt. In „Lone Ranger“ geht es wie einst bei den Western von John Ford um das Gefälle zwischen Mythos und Wahrheit. Regisseur Gore Verbinski bedient alle möglichen Westernklischees um Besiedlung und Eisenbahnbau und lenkt erst später den Blick auf die Opfer. Dabei leistet er sich eine Tabuverletzung, die nicht mal Quentin Tarantino in „Django Unchained“ gewagt hat: Die Guten, überwiegend Indianer und ein paar Weiße wie der Lone Ranger, schießen auf US-Soldaten. Man jubelt, wenn Armeeangehörige vom Pferd fallen, und trauert um die getöteten Indianer. Dann stellt sich auch noch heraus, dass Tonto als kleiner Junge aus Habgier zum Verräter am eigenen Volk geworden ist.

Zu den Helden, die den Lone Ranger und Tonto im Kampf gegen korrupte Regierungsbeamte unterstützen, gehört eine Bordellbesitzerin (Helena Bonham Carter). Das lässt sich als Kampfansage an die religiöse Rechte im Lande deuten. Man spürt generell das Bedürfnis, Heuchelei und ungesühnte Verbrechen anzuprangern. Die Unterhaltung kommt dabei nicht zu kurz, das macht den Film subversiv: Er versteckt unbequeme Botschaften in einem temporeichen 250-Millionen-Dollar-Spektakel. Unterhaltung mit Tiefgang. Frank Noack

USA 2013, 149 Min., R: Gore Verbinski, D: Johnny Depp, Armie Hammer, Ruth Wilson

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