Zeitung Heute : Westwaffen bewundern

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

Als ich meinen ersten James Bond-Film sah, musste ich jederzeit mit Gefechtsalarm rechnen. Ich saß in einem Bunker und trug einen Gummianzug, eine Gasmaske lag auf meinem Schoß. An der Heizung lehnte die Kalaschnikow, eine Maschinenpistole, wie sie auch die bösen Häscher trugen, die James Bond durch den Schnee jagten.

Schuld an der Fernsehpause in meiner Soldatenausbildung war die miese russische Rechentechnik. Die war eigentlich dazu da, beim Manöver auf den Radarschirmen imperialistische Aggressoren zu simulieren. Wenn sie versagte, und das tat sie oft, gab es eine Gefechtspause, wenn sie wieder rechnete, gab es neuen Gefechtsalarm. Damit in der Zwischenzeit der Kampfgeist nicht nachließ, verkündeten die Manöververantwortlichen, dass der Feind mit Gasbomben geworfen habe, wir also unsere Gummianzüge und Gasmasken überziehen sollten (wenn der Kampf nach der Reparatur fortgesetzt wurde, gab es kein Gas mehr, da wir keine Gasmasken mehr tragen sollten – mit denen war man zu schlecht durch die Funkgeräte zu verstehen).

Nun gab es neben der Radarstation einen Bunker mit einem Fernseher drin. Mit dem konnte man auch West-Fernsehen gucken. Das war natürlich verboten, aber während der Manöverpause waren die Sittenwächter der höheren Dienstränge ja mit der Reparatur der Russentechnik befasst. So saß ich also mit zwei Genossen Soldaten einen halben Meter unter der Erde, und wir drückten nicht nur dem britischen Geheimdienstler im Kampf gegen den Ostblock die Daumen. Wir hofften auch auf die Beständigkeit des Fehlers im russischen Rechensystem. Bevor der aber behoben war, erschien doch einer der Offiziere in unserer Fernsehhöhle. Ich konnte gerade so den Westsender wegschalten, unsere Gasmasken aufzusetzen schafften wir aber nicht mehr.

„Genossen, Sie sind jetzt alle tot, kapiert!“, klang es dumpf aus der Gasmaske des Offiziers. Er muss ziemlich gebrüllt haben hinter seinem Filter. Dass der Fernseher lief, störte ihn nicht weiter, es war ja nun ein Ostprogramm. Dass wir aber die Gaswarnung missachtet hatten, das war ein schlimmer Verstoß gegen die Spielregeln. Die Offiziere schrauben an der Russentechnik herum (und sehnen sich wahrscheinlich in eine tolle Westarmee mit toller Westtechnik), dabei schwitzen sie in ihren Gasmasken, während die Soldatenwürmer vom Radar vor der Glotze ungefilterte, aber zu Giftgas erklärte Luft atmen.

Wir bekamen zwei Wochen Ausgangssperre, und den Bond-Film habe ich nie zu Ende gesehen. Ich nehme an, er ist gut ausgegangen.

Dass die Russentechnik der DDR-Armee nichts taugte, war allen klar. Wie überlegen uns der Westen aber tatsächlich war, habe ich erst jetzt in einer Ausstellung gelernt, in der sie die ganzen James-Bond- Filmkulissen zeigen mit den Superkanonen, den Raumstationen und den fliegenden Autos. In den Filmausschnitten, die da gezeigt werden, sieht man’s auch ganz deutlich: Die Westtechnik hat immer funktioniert, wenn sie nicht gerade zerschossen oder zerbombt wurde. Ein Glück, dass wir rechtzeitig zum Klassenfeind übergelaufen sind.

Ken-Adams-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, bis 24. Februar, Mittwochs bis Montags 10-20 Uhr.

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