Zeitung Heute : Wet-Gel, Synthie & Kajal

Sie hatten peinliche Frisuren und ihr Name klingt bis heute doof: Depeche Mode. Aber nach 25 Jahren ist klar: Sie waren Avantgarde.

Inga Humpe

Ihre Musik nannte man Anfang der 80er Jahre Synthie-Pop. Das klingt ein wenig nach Plastik-Musik – die Gattung hat auch nicht lange überlebt, ebenso wenig wie die meisten Bands aus dieser Zeit. Nur eine, Depeche Mode, anfangs als Teenie-Band belächelt, ist bis heute erfolgreich und feiert dieses Jahr ihren 25. Geburtstag. Sogar Johnny Cash hat einen Song von ihnen gecovert: „Personal Jesus“. Danach hat Marilyn Manson den Song noch einmal aufgenommen. Und ein neues Album mit Remixen stieg letzten Oktober in die deutschen Albumcharts auf Platz 2 ein. Über das Phänomen Depeche Mode und ihren Einfluss auf die Popmusik erzählt hier Inga Humpe. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Tommi Eckart ist sie 2raumwohnung, eine der erfolgreichsten deutschen Bands.

Als ich zum ersten Mal Depeche Mode hörte, war das für mich Verrat. Es muss 1982 gewesen sein, damals war ich noch in meiner Punkphase. Daniel Miller, der Chef der Independent-Plattenfirma Mute, hatte Depeche Mode unter Vertrag genommen. Ich kannte Daniel ein bisschen und war geschockt. Wie konnte der auf einmal Popmusik machen?

Jetzt ist Depeche Mode schon seit 25 Jahren erfolgreich. Jeder, der Popsongs schreibt, landet irgendwann bei ihrem Songwriter Martin Gore. Er hat es über all die Jahre geschafft, immer wieder anders zu klingen – auf seinem Soloalbum singt er sogar den deutschen Nachkriegsschlager „Das Lied vom einsamen Mädchen“ – und doch hört man stets diese besondere Atmosphäre heraus, die typisch für Depeche Mode ist. Allein die Song- und Albumtitel: „Black Celebration“ und „Music for the masses“, das hat was Sakrales und sehr Dramatisches.

Aber so was gut zu finden, habe ich mir 1982 noch nicht erlaubt. Damals ging es mir weniger um die Musik, als viel mehr um die Ideologie. Allein dieser bescheuerte Name: Depeche Mode. Der Sänger Dave Gahan hatte die Idee dazu. Er las während seiner Ausbildung an der Londoner Kunstschule eine französische Modezeitschrift mit dem Titel „Dépêche Mode“. Mir war alles, was mit Mode zu tun hatte, suspekt, ich wollte auf keinen Hype hereinfallen. Ich lief lieber mit einer Plastiktüte herum, als mir eine Handtasche zuzulegen.

Bei den Platten, die ich zwischen 1979 und 1982 mit der Punkband Neonbabies machte, ging es vor allem um eine Lebenseinstellung. Ich war mit einer irrsinnigen Wut im Bauch von Hagen nach Berlin gekommen. Schon als Teenager empfand ich den Staat als verlogen, von den RAF-Leuten dachte ich damals, dass sie als Einzige etwas verändern könnten. Als sich Ulrike Meinhof das Leben nahm, war ich 20 Jahre alt und entschlossen, Mitglied der RAF zu werden. Zum Glück kam es nie dazu, stattdessen entdeckte ich 1977 Punk für mich.

Mit den Neonbabies haben wir auch als Vorgruppe zu The Clash gespielt. Auf den Konzerten warf das Publikum gerne mal mit Bierdosen, die bekam ich dann an den Kopf und warf sie wieder zurück. Depeche Mode mit ihrem Synthiepop und Neonbabies – das waren zwei völlig verschiedene Welten.

Später hatten sie aber sogar denselben Produzenten wie wir: Gareth Jones. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass Depeche Mode einfach Post-Punk war. Ihre Musik war die logische Gegenbewegung zum Punk. Sie verwendeten Synthesizer, um Melodien zu erzeugen. Das fand ich für sich genommen noch ganz interessant, ich habe mir sogar selbst ein Synthesizer gekauft und ein bisschen darauf rumgeübt. Aber die Haltung, die hinter einer Popband wie Depeche Mode stand, fand ich damals unmöglich. So ist das eben in dem Alter: Von der ersten selbst gefundenen Ideologie will man nicht so leicht abrücken.

Das Hansastudio in der Köthener Straße, in dem wir aufnahmen und in dem zwischen 1983 und 1985 auch Depeche Mode ihre Platten einspielten, war ein legendärer Ort. In den 70er Jahren war Brian Eno hergekommen, hier entstand David Bowies Song „Heroes“. Allein, dass er hier war, sorgte für eine ganz besondere Aura. Da standen alte Synthesizer rum, es war ziemlich dunkel und total staubig. Wir sangen in diesem riesigen, alten Orchesterraum, in dem man sich ganz verloren vorkam. Nur ein paar einsame Lampen spendeten Licht. Gleichzeitig hatte dieses vierstöckige Studio ultramodernes Equipment. Vom Mischraum aus sah man direkt auf die Mauer am Potsdamer Platz, auf den Todesstreifen und die patrouillierenden Soldaten der DDR. Dieser Ort war ein Stück Geschichte. Und das zog eine Menge Leute aus dem Ausland an. Leute wie Depeche Mode.

Ihr Songschreiber Martin Gore hat sich immer schon für deutsche elektronische Musik interessiert, für Kraftwerk. Auch für Krautrock von Bands wie Neu! . Beim gleichen Plattenlabel wie Depeche Mode waren außerdem die Einstürzenden Neubauten und DAF, die mit „Tanz den Mussolini“ einen Hit hatten. Auf dem Song „People are People“, mit dem Depeche Mode 1983 den Durchbruch schaffte, hört man den Einfluss der Neubauten raus: Dieses Schlagen auf Metallinstrumente haben sie erfunden.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann das war, aber irgendwann um 1983 rum habe ich dann die Jungs von Depeche Mode kennen gelernt. Mit unserem gemeinsamen Produzenten gingen wir in einen Club in der Damaschkestraße. Martin und ich hatten einen ziemlich ähnlichen Haarschnitt damals. An den Seiten kurz rasiert und oben die blonden Locken wie eine Tolle. Heute muss ich sagen: Das sah grauenhaft aus. Die Fotos von damals sind ein Brüller.

1983 war für mich ein Wendepunkt. Ich verabschiedete mich von meiner engen Punkideologie und landete mit „Codo“ einen Nummer-eins-Hit. Von da an konnte ich auch Bands wie Depeche Mode gut finden. Nach drei Jahren Punk hatte sich bei mir eine Desillusionierung eingestellt, und die drückte sich in der Musik aus. Punk war eben doch nicht die ewige, heilsbringende Familie, die ich mir vorgestellt hatte, die erste andere Familie nach den Eltern. Irgendwann ist das bei jeder Jugendbewegung so: Man ist enttäuscht , weil es kommerzialisiert wird. Mit DÖF und dem Song „Codo“, von dem die meisten noch die Refrainzeile „Ich düse im Sauseschritt“ kennen, habe ich mich bewusst gegen meine musikalische Vergangenheit gestellt. Ich sagte mir: So, jetzt mache ich mal Schlager und werfe alles durcheinander. Von meinen alten Freunden hat mich danach keiner mehr angerufen.

Dass ich in meiner Haltung lange so hart war, ist sicher auch ein Ergebnis meiner protestantischen Erziehung. Protestantismus ist ja sehr unfrei, man kann nicht beichten, Sünden werden einem nicht vergeben. Sehr unsexy. Deswegen war ich auch so kleinkariert. Für mich gab es immer nur einen sehr schmalen Grat, auf dem ich mich bewegte. Und als ich feststellte, dass die Punkbewegung nichts taugt – diese Coolness, dass man sich immer schön auf Abstand hielt – schwang ich ins Gegenteil um.

Martin war damals mit einer Deutschen zusammen, Christina Friedrichs. Nach dem Abend in der Damaschkestraße haben wir uns immer mal wieder gesehen und angefreundet, Martin war zwischen ’83 und ’86 sehr oft in Berlin. Als ich mit meiner Schwester Humpe&Humpe gründete, hat Martin von Depeche Mode auf einem unserer Alben gespielt. Das war wieder im Hansa-Studio, er nahm gerade oben eine Platte auf und als wir ihn fragten, spielte er eine Synthesizerline für einen unserer Songs.

Schon bald danach merkte ich, dass ich in Deutschland musikalisch nicht weiterkomme. Ich träumte von einer Fusion aus Dancemusik und klassischen Songs, aber das gab es in Deutschland nicht. Ich musste weg und ging nach London, denn da gab es Bands, die genau das machten. Als ich dann 1986 nach England umzog, wohnte ich bei Christina, zu diesem Zeitpunkt Martins Ex-Freundin. Ich traf ihn und die anderen drei von Depeche Mode immer wieder beim Ausgehen und auf Privatpartys. Wir wohnten im selben Viertel. Einmal gab es einen legendären Abend bei Christina. Alle von Depeche Mode kamen, ein paar von Pink Floyd waren da. Und weil wir in England feierten, kam dann der Klassiker: Dave Gahan nahm sämtlichen Alkohol, den er finden konnte, schüttete ihn in einen Eimer und alle tranken daraus. So nach dem Motto: Die Party ist erst gut, wenn man kotzt. Dave hat dann im Suff blöde Sprüche gemacht über Hitler, und mir ging das alles auf die Nerven. Ich glaube, ich bin dann irgendwann in mein Zimmer, habe die Tür zugemacht und mich geärgert.

Wahrscheinlich war ich ein bisschen empfindlich, aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich als Musikerin, zumal als deutsche, in England nicht ernst genommen wurde: Frau ist eben Frau und nicht Musikerin. Martin war da die Ausnahme.

Martin Gore ist sehr weiblich für einen heterosexuellen Mann. Früher zog er gerne mal einen Rock an und trug enge schwarze Tops, die so tief ausgeschnitten waren, dass sie seinen Brustkorb zeigten. Wenn man so spielen und sich als Popwesen darstellen kann, ohne die eigene Person dabei zu verlieren, muss man sehr stark und bei sich sein. Und das ist er. Martin war wohl der erste metrosexuelle Mann. Erst viel später wurde das durch Leute wie David Beckham Mode.

Ich glaube, es liegt nicht nur an Martins unglaublichem Talent als Songwriter, dass Depeche Mode seit 25 Jahren Hits produzieren. Andere, wie zum Beispiel die Pet Shop Boys, konnten ihren Erfolg einfach nicht so lange halten. Depeche Mode konnte sich nämlich in der Techno- und sogar in der Countrybewegung etablieren. Sie hatten immer hervorragende Remixe, Westbam hat zum Beispiel schon vor Jahren Songs von ihnen neu abgemischt, und Johnny Cash hat „Personal Jesus“ gesungen. Auf den Konzerten von Depeche Mode sind fast alle Altersgruppen vertreten, von den ganz jungen bis zu den 40- bis 50-Jährigen.

Techno hat eine unglaubliche Energie frei gesetzt, das muss Depeche Mode auch gespürt haben und hat das in die Musik aufgenommen. Ich kann mich noch erinnern, als ich 1988 zum ersten Mal auf einem Rave war. Ich war da mit der Technoformation KLF unterwegs, die sind mit dem Lastwagen losgefahren und riefen die Leute über Piratensender zusammen. Wir fuhren an geheime Plätze außerhalb von London, und dann ging die Party los. Das Ganze war streng verboten: Spontane Raves mit mehr als 100 Personen fielen in England unter den „Criminal Justice Act“ und waren strafbar. Es war schon unglaublich, wenn dann die Polizei aufkreuzte und wir wegrennen mussten. Verhaftet worden bin ich aber nie. Als dann 1989 die Mauer fiel, bin ich sofort zurück nach Berlin. Kurz darauf gab es die ersten Partys im Tresor, und das war viel besser als in England, weil es hier kein Gesetz dagegen gab. Es ist schwer zu sagen, was mich am Techno so fasziniert hat, aber es war wohl dieser monotone Beat, dieses Minimalistische, dieses Bumm immer auf der Vier.

Mitte der 90er Jahre sah es bei Depeche Mode so aus, als könnten sie auseinanderbrechen. Alan Wilder stieg aus. Dave Gahan versuchte sich 1995 das Leben zu nehmen, und ein Jahr später wäre er fast an einer Überdosis Heroin gestorben. Dave war noch sehr jung, als der Erfolg losging. Der kam aus einer englischen Kleinstadt und hatte damals schon Frau und Kind. Wenn sich dann plötzlich das Leben mit einem Mal so radikal verändert, kommen viele überhaupt nicht damit klar.

Ich bin jetzt seit 25 Jahren Musikerin, und dass mein Freund Tommi Eckart und ich mit 2raumwohnung so erfolgreich sind, darüber kann ich mich einfach den ganzen Tag nur freuen. Mich inspiriert das, und ich trenne auch nicht Musik und Privatleben. Klar fällt man in ein Loch, wenn man nach einem Konzert, wo einem die Fans zugejubelt haben – bei Depeche Mode waren das bis zu 80000 Menschen – in ein Loch. Du kommst von der Bühne und plötzlich bist du einfach wieder nur ein Mensch. Das Ego in den Griff zu bekommen, ist wohl das Schwierigste am Erfolg. Ich bin sehr froh, wenn ich mich dann mit Leuten aus der Crew unterhalten kann. Wir reisen auf unseren Touren im Bus, damit wir nach dem Konzert zusammen sind. Das tut mir sehr gut. Früher war ich öfter mal alleine auf dem Hotelzimmer, das ist gar nicht schön.

Ich habe Martin schon länger nicht mehr gesehen, er lebt, soviel ich weiß, in Los Angeles. Letztes Jahr im November legte er im „Cookies“ auf, leider hatte ich keine Zeit hinzugehen. Beim Songschreiben denke ich bis heute immer an Martin Gore. Ich lese mir seit Jahren all seine Songtexte durch. Unser Song „Freie Liebe“ ist inspiriert von „Free Love“, das auf dem letzten Depeche-Mode-Album ist. Martin erfindet wunderschöne Bilder, und wie er Gefühle transportiert – man merkt, dass er Erlebtes in Songs umwandelt.

Mein schönstes Erlebnis mit Martin war eine Party in London bei einer Freundin. Wir saßen in ihrem Schlafzimmer, Martin hatte mir gerade seine Frau Suzanne vorgestellt. Und irgendwann sang ich ihm ein Lied vor, das ich gerade geschrieben hatte. Einfach so, ohne Gitarre. Martin hat mir seinen letzten Song vorgesungen. Und dann haben wir über alte Freunde geredet. Das war ein sehr warmer Moment. Da war Glück im Raum.

Mein Lied von damals ist übrigens nie veröffentlicht worden. Ich werde es Martin noch mal vorsingen, wenn ich ihn das nächste Mal wiedersehe.

Aufgezeichnet von Annabel Wahba

Inga Humpe , 49, war Anfang der 80er Sängerin der Punkband Neonbabies. Ihr neues Album mit 2raumwohnung erscheint im Sommer. Derzeit ist sie auf Tour (www. 2raumwohnung.de).

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