Zeitung Heute : Wetten gegen die Zeit

Möglicherweise fällt heute das staatliche Wettmonopol, längst aber boomt die Branche im Netz: ein Ortstermin

Mathias Klappenbach[Wien]

Mit einem Dutzend Kollegen sitzt Andi, seinen Nachnamen gibt er nicht preis, in einem Bürogebäude in einem Gewerbegebiet außerhalb Wiens. Hier hat sein Arbeitgeber Interwetten.com seine Zentrale. Andi ist 23 Jahre alt und noch neu in einem neuen Beruf – einem Beruf in einer Wachstumsbranche. Für seine Arbeit braucht er nur einen Fernseher und einen Computer. Andi ist Live-Wetten-Buchmacher. Vom herkömmlichen Buchmacher, der vor Beginn eines Spiels oder Wettkampfes die Quoten für die Wetter festlegt, unterscheidet er sich dadurch, dass er diese Quoten permanent revidieren kann. Im Grunde ist also auch Andi ein Zocker, nur wettet er eben professionell für seine Firma. Er verfolgt den Spielverlauf und muss ständig Entscheidungen treffen, die ein Plus oder Minus von mehreren tausend Euro bedeuten können. Er muss die Wetter mit attraktiven Quoten locken, gleichzeitig aber das Risiko managen.

Rechtlich gelten in der EU Sportwetten nur in England und Österreich als Geschicklichkeitsspiel. In Deutschland, wo Sportwetten dem staatlichen Glücksspielmonopol unterliegen, agieren die Wettbüros in einer rechtlichen Grauzone. Heute wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob das auch weiterhin so bleibt. Doch unabhängig von Gerichtsurteilen boomt der private Wettmarkt längst im grenzenlosen Internet.

1990, als Interwetten gegründet wurde, haben drei Mitarbeiter die Wetten per Telefon angenommen. Heute arbeiten bei dem zweitgrößten deutschsprachigen Anbieter 70 Mitarbeiter, der Umsatz betrug im vergangenen Jahr 220 Millionen Euro. Der Anteil der Live-Wetten liegt bereits bei 35 Prozent. Tendenz steigend, 50 Prozent sollen es werden. „Ein Ende des Wachstums ist nicht absehbar“, sagt der Vorstandsvorsitzende Heinz Patzelt. „Wir wollen insgesamt um 30 Prozent pro Jahr zulegen.“

Dann werden immer mehr Arbeitskräfte wie Andi gesucht werden. Er starrt gerade auf den Fernseher – gibt der Schiedsrichter jetzt Elfmeter oder nicht? Die Situation auf dem Rasen ist wegen der blau-gelben Spielertraube im Strafraum für ein paar Sekunden unübersichtlich. Andi tippt schnell auf seiner Computertastatur und schließt sicherheitshalber alle Wetten in dem Bundesligaspiel Schalke – Dortmund, die von der Entscheidung des Schiedsrichters betroffen sein können.

In den letzten paar Minuten haben die Online-Wetter immer höhere Einsätze darauf gesetzt, dass vor der Halbzeit kein Tor mehr fällt – auch weil Andi eine kleine Unaufmerksamkeit unterlaufen ist. Er hat die Quote für diese Wette vielleicht eine Minute zu spät ein wenig nach unten gesetzt. Sofort haben einige der mehr als 400 000 registrierten Kunden, die irgendwo auf der Welt vor einem Computer sitzen, eine kleine Chance gesehen und auf die mit der näher rückenden Halbzeit steigende Wahrscheinlichkeit, dass bis dahin kein Tor mehr fällt, gesetzt.

Welche Mannschaft schießt das nächste Tor? Fallen in dem Spiel null bis zwei Tore oder mehr? Gibt es eine rote Karte? Wird in den 90 Minuten ein Elfmeter gepfiffen? All das kann Gegenstand der einzelnen Live-Wetten sein.

„Ich bin noch ein bisschen nervös, aber es geht langsam besser“, sagt Andi. Es ist erst sein sechstes Spiel als Live-Wetten-Buchmacher. Deshalb guckt auch Martin Smahel mit auf den Bildschirm, der gleichzeitig die verschiedenen Wetten, deren Quoten und die einlaufenden Einsätze anzeigt. Smahel leitet die Live-Wetten-Abteilung, er ist seit 1998 bei Interwetten.

„Schwer zu beschreiben, was ein Live-Buchmacher können muss“, sagt Smahel. „Man darf keine Angst haben, sollte mit Niederlagen leben können, ein gutes Urteilsvermögen besitzen. Und sich keine Gedanken darüber machen, um wie viel Geld man spielt.“

Tennis in Miami, morgens um drei. Basketball in Toronto oder Fußball irgendwo in der zweiten griechischen Liga. Gewettet wird immer, und es kommt für den Live-Wetten-Buchmacher nicht unbedingt darauf an, viel über die Mannschaften zu wissen, die gerade spielen. Der Live-Wetten-Buchmacher reagiert vor allem auf Einsätze und Spielverläufe, das Fachwissen hat der klassische Buchmacher. Er macht die Quoten, auf die man vor dem Spiel setzen kann. So wie beim guten alten Toto, auf Sieg, Unentschieden oder Niederlage. Mit dieser Quote beginnt Andi zu arbeiten. Grundlage hierfür sind Informationen wie umfangreiche Statistiken, die letzten Spiele oder etwa der Ausfall eines wichtigen Spielers. „Wenn Ronaldinho beim FC Barcelona nicht mitspielt, kann sich die Quote auf Sieg spürbar verändern“, sagt Werner Reinwald, der Chef-Buchmacher bei Interwetten.

Bei einer Live-Wette im Internet hingegen kann der Informationsvorsprung auch aus Zeit bestehen. Es kommt für den Spieler unter Umständen nur darauf an, schneller als Andi zu sein. So werden nur Sportereignisse angeboten, die irgendwo im Fernsehen übertragen werden. Ist die Satellitenübertragung eines Spiels vom FC Barcelona bei Andi aber fünf Sekunden langsamer als in Spanien und dort das Tor eher zu sehen, kann das teuer werden, weil viele Live-Wetter so etwas sofort mit hohen Einsätzen ausnutzen. Die Wetter haben ein Konto, auf das sie erst einzahlen müssen, was sie dann während des Spiels setzen – auch das geht durch neue Bezahlsysteme im Internet in Sekundenschnelle. Bei dem Live-Spiel mit den ständig neuen Wettmöglichkeiten sind Manipulationsskandale wie der im deutschen Fußball vor einem Jahr eine Randerscheinung.

Andi wechselt nach dem Ende seines Spiels den Platz und wartet an einem anderen Computer auf die Auswertung. Schalke hat 0:0 gegen Dortmund gespielt. Und Andi hat Plus gemacht.

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