Zeitung Heute : Wetter zu vermieten

Der Tagesspiegel

Von Henry Steinhau

„Nichts eignet sich als Inhalt mehr für das Internet als Wetterdaten.“ Norman Gabler ist sich seiner Zukunft ziemlich sicher. Schließlich schreibt die von ihm 1998 gegründete und geführte Visiomedia GmbH ihre schwarzen Zahlen mit dem Internet-Service wetter.net. Unter dieser Website finden sich meteorologische Fakten, wie Luft- und Wassertemperaturen, meteorologische Dokumentationen durch Satellitenbilder und -filme und natürlich meteorologische Prognosen – für Deutschland, für Europa, für den ganzen Globus.

Das hört sich etwas spröde an, und ist es auch, denn die Seite wirkt zunächst erschreckend farblos, weil ganz auf den Informationsnutzen reduziert. Das Angebot ist aufgefächert in Straßenwetter, Wochenwetter, Biowetter, Reisewetter, Inselwetter, Wintersportwetter und weitere Fokussierungen, die sich jeweils auf Städte, Regionen und Länder spezifizieren lassen. Ergänzt um Klimadaten, ein Wetterlexikon oder Pollenprognosen, erweckt die gewöhnungsbedürftige Informationsvielfalt von wetter.net den Eindruck, eine Seite für alles und jeden sein zu wollen.

„Wir reden von Gebrauchswetter“, sagt Gabler. Schnelle, pragmatische Informationen für den Reisenden sollen es sein, verständlich aufbereitet und befreit vom wissenschaftlich begründeten Meteorologen-Duktus. „Keine Wolkenkarten, die kein Mensch versteht.“ Diese Hinwendung zum Endverbraucher sei bei wetter.net, im Vergleich zu Wettbewerbern, wie wetter.com, Donnerwetter, Deutscher Wetterdienst, Wetter-Online oder Meteomedia besonders ausgeprägt.

Tatsächlich würden laut Analyseprotokollen die meisten wetter.net-Benutzer sehr gezielt auf Informationen zugreifen, die sich auf kurze Dienstreisen oder Urlaub beziehen. Und tatsächlich konnte sein Dienst in der Gunst der Online-Nutzer zuletzt mächtig zulegen. Mit über 1,2 Millionen, nach IVW-Methoden gezählten Besuchern lag wetter.net im Januar 2002 vor dem direkten Konkurrenten wetter.com, die Zahl der Seitenabrufe kletterte gar auf 3,2 Millionen. Ein Erfolg, der aus Gablers Sicht nicht von ungefähr kommt, sondern System hat. Denn die steigende Publikumsgunst ist für die zehnköpfige Visiomedia GmbH kein realer Umsatzzuwachs – nur ein überzeugendes Werbe-Argument. Bezahlen muss der Endverbraucher für die Online-Wetterberichte nämlich nichts.

Der Verkauf von (Banner-)Werbung, Sponsoring und Wetter-Gutachten mache laut Gabler allenfalls 30 Prozent der Einnahmen aus. Viel entscheidender an der nach eigenen Angaben seit drei Jahren positiven Geschäftsbilanz ist der Verkauf der Wetterdaten und -prognosen an Lizenznehmer mit eigenem Web-Server und -Publikum. Beispielsweise der Sparkassen- und Giroverband ( www.sparkasse.de ) mit seinen regionalisierten Banking-Seiten. Oder die „Financial Times Deutschland“. Oder das Suchportal Abacco. Eine „deutlich im oberen Bereich zweistellige Zahl“ an Kunden sei derzeit assoziiert. Woher das Wetter kommt, würden die Besucher der jeweiligen Firmen-Sites selten merken: Das Zurücktreten des „Content-Lieferanten“ wetter.net hinter die Marke des Lizenznehmers ist allerdings auch teurer als die ebenfalls mögliche „Powered-by-wetter.net“-Variante.

Flexibilität bei den Verträgen, mit den gelieferten Inhalten und auch in technischer Hinsicht, darin sieht Gabler nicht nur sein, sondern ein generelles Erfolgsgeheimnis für Geschäfte mit Inhalten im Web, die eben mehrheitlich Geschäfte mit Firmen sind, nicht mit Endverbrauchern. So ließen sich die wetter.net-Daten entweder als täglich versendetes Paket in Standardformaten (FTP, ASCII) erhalten, um automatisch in die eigene Website eingebaut zu werden, oder aber als Komplettlösung vom wetter.net-Server „mieten“ (ein Beispiel für das unter der Abkürzung ASP bekannt gewordene Verfahren des „Application Service Providing“).

So oder so steht und fällt die Praxistauglichkeit internetgestützter und damit weitgehend automatisierbarer Content-Integration mit der zugrunde liegenden Datenbank. Zwei Jahre Entwicklung in ihr Datenbank-System investierte die Visiomedia und sieht daher für sich einen technologischen Vorsprung gegenüber den Mitbewerbern.

Doch neben den Informatikern prägen das Bild von Visiomedia vor allem die analytisch und redaktionell tätigen Meteorologen, die ihr Handwerk der medialen Vermittlung von Wetterinformationen einst bei den ZDF-Wetterfröschen erlernten und danach bei Meteoconsult optimierten. In den ersten Jahren finanzierte sich das Start-up-Unternehmen zum großen Teil über die Belieferung der gesamten Kirch-Gruppe mit TV-Wetterberichten, „direkt aus unserer Datenbank heraus“, so Gabler.

Als der Umzug der Kirch-Sender nach Berlin anstand, entschieden sich Gabler und sein Team bewusst für die Eigenständigkeit. Angesichts der aktuellen Lage bei Kirch dürften sie froh darum sein. Vermutlich spürten sie schon zu diesem Zeitpunkt, wie wertvoll der „Content“ Wetter für interaktive Medien und Dienstleistungen sein wird, vermutlich auch im mobilen Bereich, den wetter.net in Kürze ebenfalls bedienen will.

Dynamik in der Strategie, Beharrlichkeit in der Operation – diese Erkenntnis scheint auch für den erfolgreichen Internet-Dienst wetter.net zu gelten. Man muss einem nützlichen Service und seinen Nutzern wohl nur genug Zeit lassen, sich aneinander zu gewöhnen, um in der nächsten Stufe darauf nicht mehr verzichten zu wollen. Zu diesen, auch im Internet gültigen Gesetzmäßigkeiten gehört offenbar, lieber länger an einem zwar spröden, aber den Nutzern vertrauten Anblick festzuhalten.

Der Erfolg hat aber auch ganz einfach mit dem gut vermittelbaren Inhalt zu tun. Wetterdaten sind ein internationales Geschäft. Die so genannten Rohdaten kauft wetter.net – täglich frisch – beim staatlichen Deutschen Wetterdienst (DWD), beim British MetOffice oder anderen Quellen ein. Das sind zunächst nur die Meldungen von 10 000 Mess- und Wetterstationen weltweit, ohne Vorhersagen-Qualität. Dazu kommt noch die Nutzung von Vorhersage-Modellrechnungen. Das sind beispielsweise computergestützte Auswertungen des DWD, wie sich das Wetter wahrscheinlich entwickelt. Aus diesen Rohdaten und ersten, modellhaften Berechnungen erstellt die net-Redaktion dann die Wettervorhersage.

Bei Berichten und Prognosen gehen die Meteorologen und ihre Software von 1500 deutschen Städten aus, die in 68 Bezirke eingeteilt sind, in denen es wiederum so genannte Stützpunkt-Städte gibt. Für diese 68 Stützpunkte berechnet die wetter.net-Software die wahrscheinlichste Wetterentwicklung und pegelt dies auf die anderen 1432 Städte ein.

Für private Verbraucher ist der Abruf der Informationen von wetter.net kostenlos. Wer aber gewerblich auf die Wetterdaten zugreifen will, um sie auf seiner Website einzusetzen, muss dazu Vertragspartner sein und für den täglich erneuerten Content entsprechend bezahlen, etwa 75 Euro monatlich. Dafür bekommt er ein Paket aus Deutschland-Grafiken, EU-Grafiken, 5-Tages-Vorhersagen in journalistischer Form, Städtewetter und Deutschlandwetter. Die Höhe der Lizenzgebühren richtet sich zudem nach Darstellung der Prognosen – etwa unter eigenem Label oder als wetter.net-Bericht erkennbar.

Im Internet: www.wetter.net

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