Zeitung Heute : Wettgeflüster

Der Berliner Dirk Paulsen verdient sein Geld damit, dass er die Ergebnisse von Sportereignissen richtig tippt – seit 17 Jahren. Die jüngsten Wettskandale erschweren ihm seinen Job

Mitte der ersten Halbzeit ahnt Dirk Paulsen, dass er einen Fehler gemacht hat. Er hätte seine 1500 Euro wetten sollen, das Spiel war wohl doch nicht manipuliert.

Es ist Donnerstagabend, Paulsen verfolgt in seinem Büro am Fernseher ein Fußballspiel, Uefa-Pokal, Bayer Leverkusen gegen Sparta Prag. Zwei etwa gleich starke Mannschaften. Auf dem Wettmarkt aber wurde Leverkusen vor dem Spiel als klarer Favorit gehandelt. Es kam Paulsen verdächtig vor. Er wollte 1500 Euro setzen, dann hatte er „ein schlechtes Gefühl“. Wie so oft zuletzt, wenn in europäischen Fußballwettbewerben Vereinsmannschaften aus Osteuropa oder Südosteuropa beteiligt sind.

Dirk Paulsen kennt die Indizien, die auf Wettbetrug schließen lassen, er erkennt seltsame Kursentwicklungen. Paulsen, 48 Jahre alt, Mathematiker aus Berlin-Lichterfelde, ist von Beruf Wetter, legal, einer von einem guten Dutzend, die es in Deutschland gibt. Seit 17 Jahren betreibt er sein Geschäft, er ist erfolgreich, er macht im Jahr 125 000 Euro Gewinn. Er hat eine komplizierte Software entwickelt; sein Datenmaterial über den internationalen Fußball braucht immens viel Speicherplatz auf seinem Computer. Sein Verdacht an diesem Abend stellt sich während des Spiels als unbegründet heraus.

Prag wehrt sich. Leverkusen gewinnt 1 : 0, etwas glücklich. Paulsen geht leer aus. Mit 1500 Euro Einsatz hätte er 682 Euro Gewinn gemacht. Er ist Opfer seines Misstrauens, wieder einmal. Es ist der Preis, den er seit ein paar Jahren zahlt. Die vielen Wettskandale verändern sein Geschäft. Ein Generalverdacht belastet den Sport. Paulsen ist verunsichert, im Zweifel geht er auf Nummer sicher.

Im Osten Europas, sagt er, „wird manipuliert, das weiß man“. Der Europäische Fußball-Verband hat soeben eine Liste von 26 Spielen im Europapokal erhalten, die möglicherweise verschoben wurden. Auf der Liste stehen Mannschaften wie Bezanija, Makedonija Skopje oder Tscherno More. Mannschaften aus Serbien, Mazedonien und Bulgarien. Später an diesem Abend wird bekannt, dass die serbische Kriminalpolizei gegen Manager von Roter Stern Belgrad ermittelt. Es geht unter anderem um verkaufte Spiele. Paulsen sagt: „Ich freue mich wieder aufs Wochenende, auf die normalen Liga-Spiele.“ In Deutschland. In Deutschland gab es Robert Hoyzer, jenen Schiedsrichter, der manipuliert hat. Es ist erst drei Jahre her. Trotzdem scheint das Risiko überschaubar im Vergleich.

Das Wochenende ist die wichtigste Zeit für Paulsen. Da setzt er 100 000 Euro auf 50 bis 70 Spiele. Profi-Basketball in den USA, Tennis, Fußball vor allem, in England, Frankreich, Skandinavien, Holland. Und in Deutschland natürlich, er setzt auch auf Spiele in der drittklassigen Regionalliga. Am Wochenende verwandelt sich Paulsens Büro im ersten Stock seiner großzügig geschnittenen Wohnung inmitten einer ruhigen, gutbürgerlichen Wohnanlage in einen Hightech-Gefechtsstand.

Es ist Samstag, kalt, verregnet, der Wind draußen bläst unangenehm. Paulsen hat sein Büro geheizt, fahles Herbstlicht fällt durch die Balkontür und ein Fenster in der schrägen Wand. Links von ihm stehen zwei Fernseher, in der Mitte des Raums Paulsens Schreibtisch mit dem Computer. Hier hat er Zugriff auf sein Computermodell, das Herzstück seiner Arbeit. Auf dem Boden liegt das Fußballfachmagazin „Kicker“, die „Bild“-Zeitung, eine Tageszeitung: seine Informationsquellen. Sind wichtige Spieler verletzt oder gesperrt, beeinflusst das die Siegchance einer Mannschaft, also auch die Paulsens. Paulsen sieht müde aus. Seine Bewegungen sind fahrig, manchmal verliert er beim Reden den Faden. In der vergangenen Nacht saß er um vier vor dem Fernseher, US-Profibasketball, Boston gegen Los Angeles. Er hatte 1000 Euro auf Boston gesetzt. Boston gewann, Paulsen auch, 940 Euro. Erst ein paar Stunden her, aber Vergangenheit. Heute ist Fußball-Bundesliga, und er hat schon 60 000 Euro auf insgesamt 30 Spiele gesetzt in allen möglichen Ligen.

Auf einem seiner Fernseher läuft eine Aufzeichnung des Fußball-Länderspiels Brasilien gegen Uruguay. Paulsen hatte vor dem Spiel 1000 Euro gewettet, dass Uruguay, der Außenseiter, nicht mit mehr als einem Tor Unterschied verliert. Brasilien gewann 2 : 1. Paulsen hat während des Spiels noch 1500 Euro gewettet, dass Uruguay gar nicht verliert. Bilanz der Nachtschicht: 500 Euro Verlust. Paulsen lamentiert. „Uruguay hatte viel mehr Torchancen als Brasilien.“

Auf dem zweiten Fernseher läuft der britische Sender Skysports. Fußball, Erste englische Liga, Newcastle gegen Liverpool. Der Zehnte gegen den Tabellenführer. Liverpool ist nur leicht favorisiert. Denn Liverpool spielt auswärts und tritt drei Tage später schon wieder im Europapokal gegen Porto an, wo das Ausscheiden droht. „Deshalb glauben viele, dass sich Liverpool gegen Newcastle schont und vermutlich verlieren wird“, sagt Paulsen. Er glaubt das nicht, er hat 2500 Euro auf einen Sieg von Liverpool gesetzt, bei einem Kurs von 2,09. Der Kurs jeder Wette ist die entscheidende Größe. Der Kurs besagt, für wie stark eine Mannschaft auf dem Wettmarkt gehalten wird. Je chancenloser eine Mannschaft gehandelt wird, umso höher der Kurs, umso mehr Geld, wenn sie gewinnt.

Paulsen wettet fast nur noch auf das „Asiatische Handicap“. Damit kann er nicht bloß auf Sieg und Niederlage setzen, sondern auf Details. Dass ein Außenseiter nicht mit mehr als einem Tor Unterschied verliert. Oder, bei Livewetten während des Spiels, dass noch mindestens zwei Tore fallen.

Es gibt einen fairen Kurs und einen angebotenen. Paulsen versucht, den fairen Kurs zu ermitteln, das ist sein Erfolgsmodell. Der faire Kurs berücksichtigt so realistisch wie möglich die Spielstärke beider Mannschaften. Diese Spielstärke setzt sich aus unzähligen Ergebnissen in der Vergangenheit und weiteren Parametern zusammen, vielen tausend Daten, mit denen Paulsen sein Computerprogramm gefüttert hat. Es ermittelt den fairen Kurs für ein Spiel. Wenn ein fairer Kurs für einen Sieg von Liverpool 1,99 wäre und der Markt 2,09 anbietet, weil Liverpool unterschätzt wird, dann setzt Paulsen.

Allerdings kennt er die Grenzen seines Computerprogramms. Sein Laptop ist keine Glaskugel, sein Programm basiert auf der Wahrscheinlichkeitstheorie. Der Computer zeigt ihm das häufigste Ergebnis, mit dem vergleichbare Spiele in der Vergangenheit geendet haben. Da im Fußball Ergebnisse nicht ganz so willkürlich eintreten wie bei der Lottoziehung, ist das Programm eine Entscheidungshilfe. Nicht mehr, nicht weniger. „Ich bin nicht computerhörig“, sagt Paulsen. Der Rechner weiß ja nicht, ob sich ein wichtiger Spieler beim Aufwärmen vor einem Spiel verletzt. Paulsen verlässt sich auf eine Mischung aus Zahlenmaterial, Gefühl und aktuellen Informationen. Hobbyspieler verlassen sich meist nur auf ihr Gefühl.

Im Fall Liverpool zahlt sich Paulsens Informationsvorsprung aus. Nach zwölf Minuten hat die Mannschaft zwei große Chancen, der Kurs auf einen Sieg sinkt prompt auf 1,99. In der 27. Minute fällt das 1 : 0. Auf Paulsens Schreibtisch heult eine Sirene. Wie immer, wenn ein Tor in jenen Ligen fällt, in denen Paulsen wettet. Manchmal heult die Sirene im Sekundentakt. Das Telefon klingelt, einer von Paulsens Informanten ist dran. Sie reden über die Bundesliga. Paulsen sagt: „Ich bin der Meinung, man muss Werder Bremen spielen. Du kannst für mich mitsetzen.“ Eine Wette auf einen Werder-Sieg ist ein Risiko. Die Mannschaft ist zwar Tabellenzweiter, Cottbus Letzter, aber Werder-Trainer Thomas Schaaf hat zwei Stürmer auf die Tribüne gesetzt, als Strafe für eine Prügelei. Und Cottbus hat Heimspiel. Trotzdem, sagt Paulsen. Er wettet 1300 Euro auf einen Bremer Sieg mit mehr als einem Tor Vorsprung.

Paulsen hat ein dichtes Netzwerk an Informanten, das gehört zu seinem System. Die Informanten wetten selbst, sie sind spezialisiert auf ein Land. Einer sitzt in Kopenhagen und beobachtet den skandinavischen Markt, ein anderer verfolgt Italien. Den französischen Fußball beobachtet ein gebürtiger Marokkaner, der in Frankreich Fußball gespielt hat und jetzt in Berlin sitzt. Den deutschsprachigen Raum beackert Paulsen selber. Im Gegenzug gibt er seine Informationen weiter.

Als er anfing, 1990, hatte Paulsen noch kein Netzwerk. Er hatte ein Computermodell, das er für die Fußball-WM 1990 entwickelt hatte, sonst nichts. Seit Jahren hatte er sich mit Wetten und Statistiken beschäftigt, er bastelte an dem Modell, als er Software-Entwickler bei einem Elektronikunternehmen war. 1990 hat er gekündigt, um nur noch zu wetten.

Elf Minuten noch bis zum Anpfiff in der Bundesliga. Es ist einer der seltenen Momente, in denen Paulsen seine Statistiken einfach mal ignoriert. Gleich beginnt das Spiel Bayern München gegen VfL Wolfsburg, und Paulsen hat 1000 Euro darauf gewettet, dass mehr als drei Tore fallen. „Ein Witz eigentlich. Das habe ich blind gespielt.“ 2050 Euro setzt er darauf, dass Duisburg höchstens mit einem Tor Unterschied gegen Leverkusen verliert. Kurs 1,9. Er setzt 8000 Euro, mehr nicht, zu viel Risiko, sagt er. Zu groß ist seine Angst vor Manipulationen. Früher hat er schon mal 20 000 Mark pro Einsatz riskiert.

Christian Plenz taucht auf, Paulsen und er wetten seit Jahren zusammen. Plenz ist 33, ein ehemaliger Bankkaufmann. In Leverkusen geht Duisburg 0 : 1 in Führung, überraschend. Plenz tippt ein paar Daten in den Rechner, der Computer erstellt eine Statistik: 229 Spiele, die vergleichbar sind mit Leverkusen gegen Duisburg beim Stand von 0 : 1 in der 10. Minute. In 120 Spielen sind noch drei oder mehr Tore gefallen. Plenz findet einen Kurs für die Wette, dass auch in diesem Spiel insgesamt vier oder mehr Tore fallen. Zu niedrig, findet er. Findet auch Paulsen. Er setzt 400 Euro darauf, dass weniger als vier Tore fallen. Fallen vier Tore, bekommt er seinen Einsatz zurück, fallen fünf, verliert er alles.

Es ist nicht so, dass Paulsen an jedem Wochenende tausende Euro gewinnt. Es gibt ganze Quartale, da steckt er im Minus. Er sagt: „Ich bekomme keine Magengeschwüre bei kontinuierlichen Verlusten.“ Es kann schnell gehen. Er hat mit Plenz mal 240 000 Mark eingesteckt. 1999 , Hamburger SV gegen Basel, Europapokal. Paulsens größter Einzelgewinn.

Elfmeter in Leverkusen, der Gastgeber geht 3 : 1 in Führung, Paulsen hat die Hauptwette verloren, die er vor dem Spiel abgeschlossen hat. „Das war doch ein unberechtigter Strafstoß“, knurrt er. Sieben Minuten später fällt das 4 : 1, jetzt ist auch die Livewette verloren. Er wird langsam zornig. Er schaltet auf ein anderes Spiel.

Der Spieltag bringt ihm 600 Euro Gewinn, das ganze Wochenende gut 4000 Euro. Aber das Leverkusen-Spiel wirkt noch nach. Er hat 3000 Euro verloren. Das Telefon klingelt, ein Kollege ist dran. „Heute haben wir wieder Frust erlebt“, stöhnt Paulsen. Dabei ist das nichts gegen diese Sache 1999. Champions-League-Endspiel, Bayern München gegen Manchester United. Paulsen hat auf einen Sieg der Bayern gewettet. Die führen bis zur Schlussminute, dann gleicht Manchester aus. Paulsen verliert 15 000 Mark. Sekunden später schießt Manchester das 2 : 1. Paulsen verliert weitere 10 000. Er lege sich nach solchen Niederlagen ins Bett, sagt er, und „philosophiere“. Er denkt daran, dass andere Menschen Krebs haben. Er sagt, es tröste ihn.

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