Zeitung Heute : Wettlauf mit der Zeit im Bereich Online-Musik

HENRY STEINHAU

"Wir müssen uns vehement gegen das wehren, was uns derzeit zugemutet wird", klagt Martin Schaefer, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft, Dachverband der Plattenfirmen und Deutsche Landesgruppe der internationalen Industrieorganisiaton Ifpi.Schaefer sieht die Musikindustrie in einem Zwei-Fronten-Krieg gegen das illegale Kopieren und Vertreiben von urheberrechtlich geschützter Musik verwickelt.

Massiv verbreitet sind die sogenannten CD-Recordern, mit denen man von einem handelsüblichen PC mit entsprechender Software seine eigenen Audio-CDs selbst "brennen" kann.Als Ausgangsmaterial für hausgemachte Musik-CDs dienen in zunehmenden Masse auch digitale Musikstücke, die direkt aus dem Internet auf den PC heruntergeladen (downloaden) werden können.Etwa 25 000 bis 75 000 musikrelevante Web-Seiten zählte die amerikanische Marktforschungsfirma Forrester Research Anfag 1998, wobei die Zahl der Sites, die Musik als "Downloads" anbieten, derzeit auf mehrere hundert zu schätzen sei.Primär kommt hierbei eine Software zum Einsatz, die das Erlanger Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) gemeinsam mit der internationalen Elektronik-Gruppe Thomson entwickelt und Anfang letzten Jahres kostenlos ins Internet gestellt hat.

Mit den sogenannten MP3-Encodern, die das IIS jetzt allerdings nur noch kontrolliert an zahlende Lizenznehmer abgibt, läßt sich digitale Musik in seinem Speicherbedarf so weit komprimieren, daß die Übertragung eines vollständigen Songs nicht mehr eine Stunde oder länger dauert, sondern nur noch wenige Minuten.Zum Abspielen solcher MP3-Dateien benötigt man nur noch entsprechende Software, die kostenlos erhältlich ist.Mittlerweile gibt es auch kompakte Abspielgeräte, wie der MP3-Rio-Player von Diamond Multimedia.

So oder so, die MP3-"Klone" dürften laut geltendem Urheberrecht nur zum privaten Zweck angefertigt und nicht weiterverteilt, schon gar nicht verkauft werden.Doch genau das geschieht im Internet mittlerweile im großen Stil.Webseiten wie www.mp3.com bieten bereits mehrere zehntausend Titel an.Es gibt auch Sites, die primär Raubkopien vertreiben, und denen internationale Verwertungsgesellschaften, wie die deutsche GEMA auf der Spur sind.

Um dieses auch moralische Problem an der technischen Wurzel zu packen, muß Musik zukünftig schon bei ihrer allerersten Veröffentlichung durch Künstler oder Plattenfirma mit entsprechenden Schutzmechanismen versehen werden.Deshalb hat sich die Musikindustrie Ende 1998 auf die Erarbeitung von Standards geeinigt, die schon im Sommer zum Einsatz kommen sollen.Die "Initiative Sichere Digitale Musik" (SDMI), an der sich gleichermassen grosse Plattenfirmen und deren Verbände, wie Unterhaltungselektronik- und Softwarehersteller bis hin zu Internetfirmen beteiligen, will dabei mehrere Verfahren, die es bereits gibt, unter einem Dach zusammenführen und kompatibel zueinander machen.Jeder Song soll mit einer Art Wasserzeichen versehen werden, welches Informationen über die Urheber und Lizenzinhaber trägt, die sogar bei der Umwandlung in ein analoges Musikstück erhalten bleiben.

Welche Verfahren im Rahmen von SDMI zum Einsatz kommen, ist völlig offen.Dementsprechend tobt der Kampf auf dem Markt.So haben sich im Januar knapp 50 Firmen zusammengetan, darunter auch das erwähnte Fraunhofer IIS, um unter dem Label "Genuine Music" entsprechende Wasserzeichen-Standards zu etablieren.Federführend ist hierbei die amerikanische Firma Liquid Audio, die bereits eine komplette Kette von Software und entsprechenden Sicherheitswerkzeugen entwickelt.Zu den Partnern von Liquid Audio gehören nicht nur Warner/Chapell, einer der grössten Musikverlage der Welt, sondern auch Diamond, Hersteller des erwähnten MP3-Players Rio, Chip-Hersteller Texas Instruments sowie RealNetworks, deren Software zum Abspielen von Hörproben als sogenannte "Streams" die größte Internetverbeitung hat.Eine weitere Lösung für Online-Musik kommt von der Deutschen Telekom.Im Auftrag mehrerer Major-Firmen evaluiert IBM im kalifornischen San Diego ihre als "Madison"-Projekt bekanntgewordene Entwicklung, der Telekom-Riese AT&T hat schon länger sein a2b-Music-Projekt in Aktion, während Sony kürzlich ein eigenes Online-Musik-Projekt aus der Schublade zog.Von Berlin und New York aus will "Media City" in diesem Frühjahr endgültig ans Netz gehen.

Es ist ein Wettkampf mit der Zeit: Auf der einen Seite buhlen Musikindustrie und Gerätehersteller, Software- und Internet-Firmen um die Pole Position, auf der anderen Seite verbreitet sich das - leider noch weitgehend illegale - MP3-Treiben im Internet schneller und schneller.

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