Zeitung Heute : Wettlauf mit der Zeit

Die Halbierung der CO2-Werte ist zu schaffen

Stefan Rahmstorf

Der Berufsstand der Klimaforscher steht wie nie zuvor im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Neben unserer eigentlichen Forschungsarbeit, die in der Regel in Fachpublikationen mündet, haben wir eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft. Sie besteht darin, die Ergebnisse unserer Arbeit der Öffentlichkeit so klar, sachlich und neutral wie möglich zu erläutern.

Kürzlich hat ein Kollege in einem Interview erklärt: „Wir müssen den Menschen die Angst vor dem Klimawandel nehmen“. Das glaube ich nicht – sonst verwechseln wir unsere Rolle mit der von Seelsorgern. Wir müssen ihnen auch keine Angst vor dem Klimawandel machen – beides halte ich für gleichermaßen verfehlt. Vielmehr müssen wir die Menschen sachlich und offen über unseren Kenntnisstand in der Wissenschaft informieren, ohne Rücksicht auf Gefühle. Wir dürfen eine fachliche Einschätzung nicht abschwächen, damit keiner Angst bekommt. Noch dürfen wir sie dramatisieren, um Gleichgültige aufzurütteln.

Uns Klimatologen fällt notgedrungen die Rolle des Überbringers einer unangenehmen Nachricht zu – „An Inconvenient Truth“, wie Al Gore es treffend im Titel seines Filmes nennt. Viele wollen diese Nachricht nicht hören, wehren sie ab und attackieren lieber den Boten. Oft heißt es, die Klimatologen würden bewusst übertreiben. Doch täten wir dies, wäre rasch die Glaubwürdigkeit und Reputation dahin – das höchste Gut eines Wissenschaftlers. Wenn viele Kollegen die Lage eher düster sehen, dann weil dies ihre wohl erwogene, professionelle Einschätzung ist.

Der Vergleich früherer Prognosen der Klimaforschung – insbesondere der Berichte des Weltklimarats IPCC, der letztes Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde – mit Messdaten deutet leider darauf hin, dass manches eher unterschätzt wurde. Die Temperatur steigt zwar wie schon seit den 1970er Jahren vorhergesagt an, doch ist der Meeresspiegel in den letzten Jahrzehnten rund 50 Prozent rascher gestiegen und die Meereisdecke auf dem arktischen Ozean wesentlich schneller geschrumpft, als unsere Modelle es erwarten ließen.

Manchmal wird uns Klimatologen eine Neigung zu Extremszenarien vorgeworfen. Dabei gibt es im Gegenteil einen wissenschaftlichen Wettbewerb, um extreme Szenarien möglichst auszuschließen und damit die Unsicherheit über die künftige Klimaentwicklung zu verringern. Am deutlichsten macht sich dies an der sogenannten „Klimasensitivität“ fest. Seit ihrer ersten Abschätzung durch den schwedischen Nobelpreisträger Svante Arrhenius im Jahr 1896 ist dies die wohl wichtigste Kennzahl des Klimasystems: Sie besagt, wie stark die globale Temperatur bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration steigen wird. Sie ist ein Maß dafür, wie empfindlich das Klimasystem auf CO2 reagiert. Von den 13 im IPCC-Bericht gelisteten Studien zur Abschätzung der Klimasensitivität liefert die des Potsdam-Instituts mit 4,3 Grad Celsius die niedrigste Obergrenze. Durch eine innovative Methodik unter Nutzung von Eiszeitdaten konnten wir eine größere Empfindlichkeit des Klimasystems weitgehend ausschließen. Die Unsicherheit in der Klimasensitivität wird im IPCC-Bericht denn auch mit 2-4,5 Grad Celsius angegeben, wobei der wahrscheinlichste Wert um drei Grad Celsius liegt.

Bei einer Klimasensitivität von drei Grad sollten unsere Emissionen bislang eine Erwärmung um 0,7 bis 0,9 Grad verursacht haben – was auch eingetreten ist. Wenn wir die globale Erwärmung auf maximal zwei Grad begrenzen wollen, muss der Ausstoß von Treibhausgasen bis Mitte des Jahrhunderts weltweit mindestens halbiert werden. Dies ist noch zu schaffen – aber es ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Stefan Rahmstorf ist Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam und Mitglied des WBGU.

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