WG mit Honecker : Der Feind in meinem Haus

Es war die seltsamste WG der Welt: das Ehepaar Honecker und Pfarrer Holmer. Der Theologe gewährte dem kranken SED-Chef Kirchenasyl, um ihn vor Lynchjustiz zu schützen. Er bekam Schmähbriefe, Bombendrohungen. Aber sein Erbarmen konnte nichts irritieren. Und heute sagt er: „Wir haben uns am Ende gemocht. Es ließ sich nicht vermeiden“.

Tobias Kurfer[Serrahn]
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Freigang. Erich Honecker, eskortiert von zwei Rotarmisten und einem Leibwächter, bei Beelitz. Im April 1990 wurde er in das...ullstein - Schoelzel

Die Andacht der Trinker beginnt mit einem Geständnis. „Mein Name ist Mike“, sagt ein Mann, der sich von seinem Stuhl erhebt, „und ich bin alkoholkrank.“ Anerkennendes Gemurmel steigt auf von den Sitzreihen, „Hallo Mike“, brummt es aus heiseren Kehlen. Dann tritt Uwe Holmer vor seine verschlafene Gemeinde.

Serrahn, Mecklenburg, 8 Uhr 15, ein Dienstag. 31 Männer und Frauen hängen, nachtschwer noch, in den Stühlen eines Mehrzweckraums der Entzugsklinik. Bei der wöchentlichen „biblisch orientierten Lebenshilfe“ wird Pastor Uwe Holmer über John D. Rockefeller sprechen, den Milliardär, der süchtig war nach Geld, der seine Sucht überwand und glücklich wurde. Die Menschen werden Uwe Holmer zuhören, dem Pastor, der für ein paar Wochen der berühmteste Geistliche der Republik war – und der umstrittenste.

Dies ist seine Geschichte.

Berlin, im November 1989, die Mauer ist gefallen. Das Land berauscht sich am Glück, da macht sich Lynchstimmung breit. Im Visier der wütenden Bürger finden sich die Staatslenker von einst, allen voran: Erich Honecker.

Noch wohnt der krebskranke Honecker mit seiner Frau Margot, zuletzt Volksbildungsministerin, gut bewacht in Wandlitz bei Berlin. Doch sie müssen ihre Bleibe zum 31. Januar räumen, schließlich war der SED-Chef am 18. Oktober, heute vor 20 Jahren, gestürzt worden. Das Problem: Niemand weiß wohin mit den beiden. Die Genossen von einst zucken die Schultern. Die Unterbringung in einem Hotel wäre zu gefährlich – die Honeckers, so die Befürchtung, könnten einem Lynchmob zum Opfer fallen. In der Not bittet ein Intimus der Honeckers, der Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg um Asyl.

Die Kirche. Ausgerechnet.

Die erste Reaktion ist ungläubiges Kopfschütteln. Bischof Gottfried Forck lässt mitteilen, der Fall Honecker sei Sache des Staates. Vier Anfragen werden abschlägig beschieden. Erst als auch der Staat die Hilfe versagt, besinnt sich die Kirchenleitung. Der Bischof bietet Lobetal, ein 30 Kilometer nordöstlich von Berlin gelegenes Dorf, als möglichen Unterschlupf an. Hier betreibt die Diakonie ein Heim für Alte und Behinderte, sämtliche Gebäude im Ort gehören der Kirche – was einen gewissen Schutz bieten könnte, so die Überlegung. Noch weiß Uwe Holmer, der damalige Anstaltsleiter, nichts von den Plänen.

Eine Woche später, an einem Nachmittag zwischen Weihnachten und Silvester 1989, drückt ein Mann auf den Klingelknopf des Lobetaler Pfarrhauses. Berlin, sagt er, schicke ihn – mit einer Anfrage. Pastor Uwe Holmer bittet den Besucher herein. Am Abend wird er einwilligen, die ungewöhnlichste Wohngemeinschaft der deutschen Geschichte aus der Taufe zu heben: Theologe und oberster Atheist, Ideologiefeinde unter einem Dach. Zehn Wochen werden die Honeckers bei den Holmers wohnen, von Ende Januar bis Anfang April 1990.

Warum er damals zugestimmt hat? Uwe Holmer sagt: „Wir konnten doch nicht im Vaterunser beten ,Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‘, und dann nicht danach leben.“

Am Abend des 30. Januar 1990 rollen zwei schwarze Limousinen vor das Lobetaler Pfarrhaus. Die Wagen halten, ein gebrechlicher Mann stemmt sich aus einem Auto, gefolgt von seiner Frau und ein paar Zivilschützern, bullige Typen mit Reisekoffern in den Händen. Ein Schwarm aufgebrachter Bürger und sensationsheischender Journalisten folgt Erich Honecker. Über Wochen werden sie das Haus belagern, werden Uwe Holmer beschimpfen für sein Erbarmen, werden seiner Familie mit dem Tode drohen. Es hat Uwe Holmer nicht irritiert.

Serrahn, 8 Uhr 51, nach der Andacht. Ein kleine Gruppe Raucher hat sich vor der Klinik versammelt, träge steht man beieinander, wortkarg. Es sind schwere Fälle unter den Trinkern, die hier trocken werden sollen mit Gottes Hilfe. Menschen, die Freunde auf der Straße aufgesammelt haben, irgendwo in Deutschland, brabbelnd, verwahrlost, verdreckt. Serrahn ist eine jener Einrichtungen, in denen auch die unterkommen, um die sich Krankenkassen nicht mehr kümmern, weil sie längst keiner Krankenkasse mehr angehören. Uwe Holmer würde wohl sagen: Serrahn ist ein Ort, an dem Gott den Menschen nah ist.

Holmer, 80-jährig, asketische Erscheinung, akkurater Scheitel, ein Mann, der mehr hanseatische Sachlichkeit verströmt als Wärme. Einer, der ruhig spricht und mit Bedacht, der nur feurig wird, wenn er predigt.

Holmer grüßt die Gruppe freundlich. Man habe eine gute Erfolgsquote hier, sagt er. 20 bis 30 Prozent der Patienten blieben dauerhaft trocken. Vielleicht, weil sie in Serrahn mehr bekommen als Psychotherapie und Medikamente. Auf Knien hat Uwe Holmer mit Trinkern Gott um Erlösung angefleht: Hilf, oh Herr, dass dieser Mensch frei wird vom Alkohol! Wer Gott findet, sagt Holmer, hat gute Chancen auf Heilung.

Der Alkoholismus des geeinten Deutschlands ist ein anderer als der Alkoholismus der BRD und der DDR. Er ist zersetzender, einsamer. Viele Betroffene tränken alleine, sagt Holmer, und dass sie sich nebenbei vom Fernsehprogramm hypnotisieren lassen. „Manche sind, wenn sie nach Serrahn kommen, nur noch menschliche Hüllen. Ohne Sinn und Inhalt.“

Uwe Holmer wird am 6. Februar 1929 im mecklenburgischen Wismar an der Ostsee als ältestes von fünf Geschwistern geboren, die Eltern sind Christenmenschen. Man nimmt die Bibel beim Wort. Auch der kleine Uwe hat sich die Grundsätze der Schrift bald einverleibt. Im Alter von 15 Jahren wird er sie mutig verteidigen: Der Hitlerjunge weigert sich, der SS beizutreten. Aus Gewissensgründen, wie er zu Protokoll gibt. Er kommt damit durch. Als die Eltern und Geschwister 1953 über Berlin nach Westdeutschland fliehen, bleibt Uwe zurück. Seiner weinenden Mutter sagt er zum Abschied: „Ich muss hier bleiben. Hier im Osten werden Pastoren gebraucht.“

Auch in der DDR leistet Holmer nach Kräften Widerstand. Er geht nicht zur FDJ, geißelt die deutsche Teilung auf der Kanzel, in einem Interview mit der Aktuellen Kamera weigert er sich, den Arbeiterstaat zu loben. Brandgefährliche Aktionen sind das. Acht Inoffizielle Mitarbeiter hat die Staatssicherheit allein in Lobetal auf ihn angesetzt, jener Heilanstalt, die er ab 1983 leitet.

Nur einmal gibt er klein bei. Als sich abzeichnet, dass keines seiner zehn Kinder studieren darf, will sich der Pastor zunächst an den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen wenden. Doch der Bischof rät zur Zurückhaltung. Er sagt: Sie haben eine Bibelschule, die der Staat zu gerne schließen möchte, geben Sie ihm keinen Anlass. Holmer lenkt ein, die Familie trägt die Entscheidung.

Dann beginnt der Ostblock zu bröckeln. Als die Mauer fällt, weinen sie Tränen der Freude im Hause Holmer.

Drei Monate später sitzen die Holmers erstmals mit den Honeckers zum Abendbrot bei Tisch. Beim Gebet falten die Holmers die Hände, die Honeckers legen die ihren übereinander. Nach dem Essen beziehen die Gäste ein Kinderzimmer im Obergeschoss des Hauses. Die Holmers lassen Spüle und Herd installieren. Damit Margot Honecker Schonkost zubereiten kann für ihren hinfälligen Mann.

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Der Unbeirrbare. „Wir können doch nicht im Vaterunser beten ,Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‘,...


Während man sich drinnen aneinander gewöhnt, wächst draußen die Wut. Bis zu 100 Menschen versammeln sich bald täglich vor dem Zaun des Pfarrhauses, skandieren „Honni nach Bautzen“ und „Keine Gnade“. Es gibt Protestanrufe, mehr als 1500 Schmähbriefe und vier Bombendrohungen flattern in den kommenden Wochen ins Haus. Einmal muss die Polizei das Gebäude räumen. Anderentags stehen drei Arbeiter in Blaumännern vor der Tür, einer hat einen dicken Kälberstrick in der Hand, das Seil ist zur Schlinge gebunden. Der Mann sagt: „Jetzt hängen wir das Schwein auf.“

Holmers Frau Sigrid versucht draußen die Aufgebrachten zu beschwichtigen, drinnen feudelt Margot Honecker das Treppenhaus. Der Ex-SED-Chef sitzt derweil hinter dicken Vorhängen – wie viel er mitbekommt von dem Trubel, ist unbekannt. Honecker liest die „Bild“-Zeitung, seine Tochter Sonja bringt das Blatt ins Haus, außerdem Lebensmittel. Insgesamt hat das alte Ehepaar wenig Besuch.

Ob den Honeckers die Gastfreundschaft peinlich war? Uwe Holmer weiß es nicht, er sagt: „Vermutlich ja.“

Sicher ist: Auch in der WG bleiben Konflikte nicht aus. Täglich geht Holmer mit dem Ehepaar um einen nahe gelegenen See spazieren, Honeckers Arzt hatte den Pastor darum gebeten. Die drei bleiben unbemerkt, sie schleichen sich durch die Hintertür aus dem Haus. Man spricht über Privates bei diesen Ausflügen, über die Familie, die Gesundheit; das Thema Politik bietet zu viel Zündstoff, die Differenzen sind unüberwindbar. Holmer schwärmt für Gorbatschow. Einmal, als er ihn einen „großen Mann“ nennt, versteinert sich Honeckers Miene.

Auch zwischen den beiden Frauen kommt es zu unangenehmen Situationen. Irgendwann sagt Margot Honecker zu Sigrid Holmer: „Das wusste ich ja gar nicht mit Ihren Kindern.“ Sie meint die Verweigerung von Studienplätzen. „Natürlich hat sie es nicht gewusst, aber sie hat die Direktive dazu gegeben“, sagt Holmer. „Wir haben dazu geschwiegen.“ Dennoch verteidigt der Pastor seine Gäste immer wieder. Einer Lokalzeitung sagt er, der ehemalige Staatsratsvorsitzende sei ein Fanatiker, aber ein grausamer Mensch sei er nicht. Auch dafür erntet Holmer Kopfschütteln und wüsten Protest.

Am 3. April 1990 verlassen Margot und Erich Honecker Lobetal. Man bringt sie nach Beelitz, in ein sowjetisches Militärhospital. Umarmungen zum Abschied. Man habe sich gemocht, sagt Uwe Holmer. Menschlich. Das ließ sich nicht vermeiden.

Erich Honecker stirbt am 29. Mai 1994 in Santiago de Chile. Bis heute schickt seine Frau Grußkarten zu Weihnachten und gratuliert zu Geburtstagen. Eine Entschuldigung, ein Wort des Bedauerns kam nie. Verbittert ist Pastor Uwe Holmer darüber nicht.

Serrahn 2009, Dorfspaziergang mit Uwe Holmer. Irgendwo hinter der Kirche greift eine Kreissäge kreischend ins Holz, kratzt ein Laubrechen über den Asphalt. Die kleine Gemeinde mit ihren 100 Einwohnern ist ein nordostdeutsches Idyll, an dem seine Bewohner täglich fleißig zimmern und schrauben. So weit die Oberfläche.

Was man nicht sieht: Serrahn ist ein Dorf der Ehemaligen. Jeder zweite Bewohner hier war entweder Patient der Klinik, Mitarbeiter der Klinik oder Familienangehöriger einer dieser Gruppen. Vielleicht ist es das Erfolgsgeheimnis von Serrahn: Wer nach dem Entzug ein neues Leben beginnt, in neuer Umgebung, mit neuen Freunden, der hat die größten Chancen, dauerhaft trocken zu bleiben.

Ein kräftiger Arbeiter, etwa 55 Jahre alt, grauer Schnauzbart, kommt von der anderen Straßenseite herüber, um guten Tag zu sagen. Der Pastor befragt den Mann: Wie es geht, was die Wohnung macht. Der Mann gibt Zweiwortsätze zur Antwort, am Ende lädt Holmer ihn zum Gottesdienst ein. Seit vielen Jahren sei der Mann trocken, sagt der Pastor später, nun führe er ein wertvolles Leben. Ein gottgefälliges.

So ist sie sortiert, die Welt des Uwe Holmer: übersichtlich in gottgefällig und gottlos. Noch in der allergrößten Zumutung des Lebens vermag der bekennende Konservative das Werk Gottes zu erkennen, vermag er Prüfungen zu sehen, in deren Bewältigung eine Chance auf den Himmel liegt. Der Fall Honecker: eine Prüfung?

Uwe Holmer hat später viele Briefe bekommen, voller Anerkennung für das, was er tat im Jahr 1990. Sie haben ihn gefreut, gewiss.

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