Zeitung Heute : "Whale-Watching": Motor aus. Stille. Da hinten, da schwimmt was!

Ole Töns

Es soll gestandene Männer geben, die weiche Knie und feuchte Augen bekommen, wenn eines dieser eleganten Wesen das Wasser durchbricht und sie das erste Mal ansieht. Verwunderlich ist es nicht. Haben Wale und Delfine doch gewissermaßen den Ruf, des Menschen besseres Gegenüber im Tierreich zu sein. Der junge Berliner Biologe Fabian Ritter hat solch überraschende Gefühlsregungen schon öfter beobachtet - die Begegnung von Mensch und Meeressäuger ist seine Profession.

Der Spezialist für Waltiere ist Wahl-Berliner und Inselbewohner zugleich. Wenn er mal in der Stadt ist, geht er jobben, damit er sich wieder neue Forschungsreisen leisten kann. Denn das zweite Leben des Schöneberger Biologen spielt sich über mehrere Monate im Jahr an auf der Insel La Gomera ab. Rund um die Kanareninseln kann man viele Arten von Delfinen und Walen beobachten - für die Tierschützer auch ein neuer Markt innerhalb des weltweit boomenden Geschäftes mit der Natur. Der 34-jährige Biologe erforscht die faszinierenden Tiere - und will dabei helfen, den sanften Tourismus zu fördern. Die kleinen Fischerboote, auf denen er Wissenschaftler und Touristen begleitet, hetzen den Tieren nicht wie andere Veranstalter hinterher. Gerade mal ein Dutzend Gäste findet an Deck Platz.

Motor aus. Stille. Gucken. Suchen. Sehen. Fantastisch, dort hinten bewegt sich etwas! Was für ein Anblick.

Der Verzicht auf starke Motoren und ein erst im letzten Jahr erneuerter Regelkanon für alternativen Waltourismus sollen verhindern, dass die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung allzusehr gestört werden.

Delfine sind schnelle, kunstvolle Schwimmer. Auch Fabian Ritter erlebt es immer wieder, dass etwa atlantische Fleckendelfine in den Bugwellen der Boote herumtoben und Beobachtern bis auf wenige Meter nahe kommen. Und Große Tümmler bringen es im Spurt zu Spitzengeschwindigkeiten von über 20 Knoten. Dennoch weiß der Biologe, dass Ausflugsboote mit Hunderten von Pferdestärken durchaus eine Delfinschule verfolgen und in die Enge treiben können.

Große Delfine bringen es während der Jagd auf bis zu 50 Stundenkilometer. Aber die Geschwindigkeit, mit der sich eine Delfinschule über längere Strecken bewegt, schätzt Ritter auf nur noch sieben Kilometer pro Stunde. Er hat es vor Gomeras Nachbarinsel Teneriffa schon erlebt, dass in dem immer hitziger werdenden Geschäft mit den beliebten Meeressäugern bis zu fünfzehn vollbesetzte Boote mit Touristen hinter einem halben Dutzend verunsichereter Tiere herjagte "wie der Teufel hinter der armen Seele".

Der Berliner Biologe bittet deswegen Urlauber, sich während Ausflügen auf dem Meer wie ein Gast zu verhalten. Und wenn einem einmal, wie in den Wintermonaten, kein Meeressäuger vor die Linse schwimmt, nicht allzu enttäuscht zu sein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar