Zeitung Heute : „Where in America is Germany?“

Michael Nentwich leitet das Goethe Institut in Atlanta

-

20 Millionen Menschen lernen im Ausland Deutsch. Der größte Anbieter von Deutschkursen im In und Ausland ist das Goethe Institut (seit 2001 vereint mit Inter Nationes – bislang eine Einrichtung politischer Öffentlichkeitsarbeit unter Kontrolle des Bundespresseamts). Das Institut ist auch ein attraktiver Arbeitgeber. In weltweit über 120 Dependancen mit insgesamt 3400 Mitarbeitern unterrichten ausschließlich deutsche Muttersprachler. Hier sind Akademiker gefragt, eine Zusatzausbildung in Deutsch als Fremdsprache ist gern gesehen. Um eine der begehrten Stellen zu ergattern, hilft vor allem Hartnäckigkeit. Michael Nentwich ist einer von denen, die es geschafft haben. Der promovierte Philosoph startete 1982 in der Münchner Zentralverwaltung, arbeitete später als Deutschlehrer in Madrid und als Institutsleiter in Düsseldorf. 1992 ging er als regionaler Koordinator der pädagogischen Verbindungsarbeit für Brasilien nach Sao Paulo. Heute ist Nentwich Leiter des Goethe Instituts in Atlanta, Georgia, und dort zuständig für das Kulturprogramm und die pädagogische Arbeit.

Was war Ihr erster Auslandsaufenthalt?

Mein Geburtstag, wenn man so will. Ich bin in Prag geboren, das damals, 1941, zum deutschen Protektorat Böhmen und Mähren gehörte. Meine Eltern, die aus dem nördlichen Sudetenland stammten, waren aber als tschechische Staatsbürger aufgewachsen.

War es dadurch naheliegend für Sie, später im Ausland zu leben und zu arbeiten?

Bereits als kleiner Junge bin ich mit meiner Familie häufig umgezogen, lebte in Österreich und England, bevor die Bundesrepublik in den fünfziger Jahren zur neuen Heimat wurde. Als Schüler saß ich oft vor Atlanten und reiste mit dem Finger auf der Landkarte und viel Fantasie in der Welt herum.

Wann kam es zum ersten Kontakt mit dem Goethe Institut?

Nach meinem Anglistikstudium bewarb ich mich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst für ein Gastlektorat in einem englischsprachigen Land. Man schlug mir eine Stelle an der Chinesischen Universität Hongkong vor, das damals britische Kronkolonie war. Dort arbeitete ich viel mit dem örtlichen Goethe Institut zusammen, und die Kollegen und Kolleginnen fanden, ich solle mich doch mal bewerben. Ich gab meine Hochschulkarriere auf, um stattdessen mit Goethe weiter um die Welt zu ziehen.

Welche Qualifikationen mussten Sie mitbringen, um für das Goethe Institut zu arbeiten?

Fremdsprachenkenntnisse, Interesse an Kultur im engeren und im weiteren Sinn, Erfahrung als Sprachlehrer, Offenheit gegenüber allem, was fremd ist, und Flexibilität, vor allem ständig neue Anpassungsbereitschaft. Man muss immer wieder die Zelte abbrechen, was ziemlich schmerzhaft sein kann.

Wie gefällt es Ihnen in den USA?

Immer wieder beeindruckt bin ich von der Flexibilität der Amerikaner und den ganz anderen Größenverhältnissen hier. Ein wenig vermisse ich allerdings das soziale und kulturelle Engagement der öffentlichen Hand in Deutschland und seine bildungsbürgerlichen Traditionen.

In welchen Ländern haben Sie als Deutschlehrer gearbeitet?

Neben Hongkong, Spanien, Brasilien und den USA habe ich in Kanada, Uruguay, Argentinien, Polen und Russland unterrichtet – manchmal ein paar Wochen, manchmal ein paar Jahre.

Eine Anekdote von Dr. Nentwich abroad?

Ich machte einen Abendspaziergang in Kyoto, Japan. Ein Junge, der mit seinem Fahrrad an mir vorbeifuhr, hielt an und fragte mich in schlechtem Englisch: „You from America?“ Ich antwortete: „No, from Germany“. Er: „And where in America is Germany?“ Auch nachdem ich ihm klar gemacht hatte, dass Deutschland nicht in Amerika liegt und Deutsche Deutsch und nicht in erster Linie Englisch sprechen, fragte er mich weiter nach Amerika und bat mich, mit ihm Englisch zu sprechen, damit er üben könne. Deutschland interessierte ihn überhaupt nicht. Damals, 1976, wurde mir zum ersten Mal klar, dass die Welt Deutschland keineswegs für ihren Nabel hält und wir, wenn wir andere für uns interessieren wollen, hart daran arbeiten müssen.

Welche Sprachen sprechen Sie?

Muttersprachlich Deutsch, fast muttersprachlich Englisch, fließend Portugiesisch, etwas rostig Spanisch, Italienisch und Französisch.

Ihr persönlicher Tipp für Leute, die es ins Ausland zieht?

Mach es! Die Chancen stehen gut, dass Du es nie bereust.

Das Interview führte Nike Weiss.

Das Goethe Institut ist in allen größeren deutschen und vielen ausländischen Städten vertreten. Hauptsitz ist das Goethe Institut Inter Nationes, Sonnenstraße 25, 80331 München, 089 / 551 90 30, Internet: www.goethe.de (mit allen Adressen weltweit).

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben