WHITE FUNK Jamie Lidell : Expedition ins Gestern

Falls man nach Beispielen fahndet, um die These des Popjournalisten Simon Reynolds zu entkräften, nach der sich zeitgenössische Popmusik in einer endlosen Retro-Referenzspirale dreht, sollte man nicht gerade bei Jamie Lidell mit der Suche anfangen. Der Brite Lidell, in Nashville lebender Multiinstrumentalist und begnadeter Falsettsänger, taucht auf seinem fünften Soloalbum mit Hingabe in einen Soundozean, dessen lichtlose Tiefen schon lange niemand mehr so beherzt durchmessen hat. Denn bei allen Retrowellen der vergangenen Jahre blieb dieser Bereich aus guten Gründen ausgeklammert: Der kalte, sperrige Funk der Achtziger, der seinerzeit sowohl von exaltierten Egozentrikern wie Prince und George Clinton als auch von durchformatierten Bands wie Cameo oder Shalamar gespielt wurde, galt lange als soundtechnisch überholt, war noch nicht wieder hip wie der Soul und Funk vorausgegangener Jahrzehnte. Doch Lidell demonstriert in großartigen Stücken wie „You Naked“ oder „What A Shame“, wie man schroffen Synthiesounds und grobmotorischen Rhythmuspatterns so energisch neues Leben einhaucht, dass das Ergebnis ganz nach Gegenwart klingt.

Interessanterweise bekommt Lidell dieser Tage auf seinem Forschungsgebiet Konkurrenz: Justin Timberlakes am Freitag erscheinendes drittes Soloalbum könnte, wenn man den vorab ausgekoppelten Singles glaubt, zu einer ähnlich investigativen Funk-Ahnenforschung ausarten. Wer also wird das Rennen machen: der Superstar mit dem Zahnpastalächeln oder der sympathische Nerd von nebenan? Entscheiden Sie selbst!Jörg Wunder

Kesselhaus, Mi 20.3., 20 Uhr, 27 €

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