Zeitung Heute : Wichtig ist eine feste Struktur für Tage und Wochen

Die Mitarbeiter im Barbara von Renthe-Fink Haus sind besonders geschult im Umgang mit Menschen, die an Demenz oder Altersdepression leiden

Daniela Martens

Seine Telefonleitung führe „direkt zum lieben Gott“, sagt Charlie Wesner. Der altmodische Apparat steht in einer Ecke seiner „Zelle“. So nennt der 70-Jährige sein Zimmer im Barbara von Renthe-Fink Haus liebevoll und mit einem schelmischen Grinsen fügt er hinzu: „Ich habe eben eine sarkastische Ader“. Vieles, was er sagt, meint er nicht ganz ernst. Denn außer ihm würde den gemütlichen Raum wohl niemand als Zelle bezeichnen. Die Sonne scheint vom Balkon ins Zimmer. Gegenüber von Bett und Telefon stehen Toaster und Kühlschrank. An den Wänden hängen unzählige Fotos. Daneben eine leicht vergilbte Urkunde mit dem Stempel des Heims: „Zum 20-jährigen Jubiläum. Wir danken für die engagierte Mitarbeit im Heimbeirat.“

Charlie Wesner ist in dem Pflegeheim an der Bundesallee zu Hause, inzwischen schon seit 25 Jahren. Seit er mit 46 nach zwei Gehirnblutungen nicht mehr alleine leben konnte.

Er fällt hier aus dem Rahmen: Die meisten anderen der 86 Bewohner sind weiblich und erst viel später im Leben hergekommen. Das Pflegeheim hat sich auf Gerontopsychiatrie spezialisiert, alle Pflegekräfte haben eine Zusatzausbildung. Sie sind besonders geschult im Umgang mit Patienten, die an Demenz oder Altersdepressionen leiden. Ein Mal im Monat würden die Mitarbeiter weiter fortgebildet, sagt Pflegedienstleiterin Marion Müller. Sie steht mit Hausleiterin Kathrin Gatz auf der Dachterasse im fünften Stock und blickt in den grünen Innenhof hinunter. „Der Garten ist unsere Oase“, sagt sie.

Auf der anderen Seite der „Oase“ steht ein Neubau: die gerade eröffnete Friedrich von Bodelschwingh-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Die beiden Einrichtungen gehören zum Verbund der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel. „Wir wachsen zusammen: Wenn unsere Bewohner krank werden, profitieren sie von der Klinik und die Klinikpatienten können nach der Behandlung im Krankenhaus zu uns kommen.

Was aber macht nun ein gutes Pflegeheim aus? „Satt und sauber reicht nicht aus“, sagt Marion Müller. „Wir legen viel Wert auf Beschäftigungen und versuchen auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner einzugehen.“ Jeder Bewohner hat eine feste Bezugsperson beim Pflegepersonal. Ist der Pfleger nicht im Haus, gibt es einen Ersatzansprechpartner. Jede Pflegekraft ist für vier oder fünf Bewohner zuständig.

„Wenn jemand gern länger schläft, wird er bei uns nicht um sieben aus dem Schlaf gerissen“, sagt Marion Müller. Wie Ida Wuntke. Die mit 107 Jahren älteste Bewohnerin hat außerdem eine Vorliebe für Griesbrei und Zuckerstückchen pur. „Ich schmecke ja fast nichts mehr.“ Man muss sehr laut mit ihr sprechen, sie hört sehr schlecht: Wie gefällt es ihnen hier? „Alle sind sehr nett und schimpfen nicht mit mir, wenn ich einen Fehler mache.“ Das Sprechen fällt ihr nicht ganz leicht, deshalb erzählt Marion Müller, dass die alte Dame besonders gern bei den regelmäßigen Gruppenausflügen mitfährt. „Wie wär’s mal mit einem Besuch bei Knut im Zoo?“ „Oh, ja“, sagt Ida Wuntke strahlend. Mit ihrer rosa Kapuzenjacke und dem passenden Chiffonschal sieht sie sehr chic aus, aber man sieht auch, dass es ihr an diesem Tag nicht so gut geht. Trotzdem war sie gerade im Gemeinschaftsraum im fünften Stock, bei der Ratespielstunde, wie jeden Freitag.

„Eine feste Tages- und Wochenstruktur ist sehr wichtig“, sagt Kathrin Gatz. Mittwochs Bingo, donnerstags Hundebesuchsdienst. „Das können sich auch schwer demente Bewohner merken, und das ist jedes Mal ein kleines Erfolgserlebnis für sie“, sagt Marion Müller.

Ein Mal in der Woche gibt es einen ökumenischen Gottesdienst und eine Singstunde. „Dabei wollen wir mehr und mehr die Kirchengemeinde mit einbeziehen“, sagt Kirsten Bielfeld. Die Diakonin und Bereichsleiterin Pflege ist an diesem Tag aus Bethel gekommen, um sich in Wilmersdorf um das „Qualitätsmanagement mit geistlichem Unterbau“ zu kümmern. Sie will mit den 35 Mitarbeitern zum Beispiel über das christliche Leitbild des Pflegeheims diskutieren und über Neuerungen.

Für Neuerungen ist auch Bewohner Charlie Weser zu haben, ihn stört auch mal etwas im Haus. „Aber dann reiße ich eben die Schnauze auf. Was mir nicht passt, das sage ich auch“. Er ist eines der umtriebigsten Mitglieder im Heimbeirat. Das Bewohnergremium hat ein Mitspracherecht beim Essen, Pflegesatz und bei Festen. Neulich haben die Mitglieder eine Markise für die Dachterrasse erstritten. Kein Wunder, das Charlie Wesner zufrieden ist in seinem Zuhause: „Ich fühle mich sauwohl hier“, sagt er lachend.

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