Zeitung Heute : Wichtig sein

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Kürzlich, als Berlin mal wieder im absoluten Glamour-Rausch vor sich hintaumelte, hatte sich Besuch aus der tiefsten Provinz angesagt. Bei solchen Gelegenheiten fröne ich gern meinem heimlichen Laster und gebe ein bisschen an mit der tollen Stadt und den tollen Events und den für Provinzler exotischen Ritualen, die es in dem Zusammenhang gibt. Irgendwann unterbrach mich der Besuch und fragte: „Sag mal, was ist ein VIP?“ Es dauerte eine Weile, bis ich angesichts solcher Unschuld meinen Mund wieder zu bekam. „Was vermutest du denn, was das ist?“, fragte ich zurück. „Na, irgendwas Führendes vielleicht, so eine Art Leithammel?“ So schlecht war die Frage vielleicht doch nicht.

Very Important Persons, kurz VIPs, oder auch mal auf gut deutsch gesagt, Sehr Wichtige Persönlichkeiten (SWiPs) haben in den letzten Jahre an Bedeutung gewonnen. Sie bilden eine eigene Gesellschaftsschicht. Die ihnen oft gezeigte Beflissenheit ist vergleichbar der, die man früher dem Adel entgegenbrachte. Auch eine bürgerlich demokratische Welt braucht halt Figuren, die sich herausheben aus der Masse. Die sozialistischen Länder haben sich lange der Illusion hingegeben, so was sei nicht nötig, und haben dann doch die Kader erfunden, die zwar meist total graumäusig waren, aber dafür den doppelt genähten VIP-Status auch bei fortgeschrittener Arteriosklerose noch einklagten.

Heute haben viele, die sich ein bisschen anstrengen, die Chance, ein SWiP zu werden. Sogar Vorabendseriendarsteller kommen in den Genuss. Top-Politiker gehören chronisch dazu, berühmte Filmschauspieler sowieso, bildende, musizierende Künstler dito, Dauerbewohner veröffentlichter Gästelisten, wie zum Beispiel Charity-Ladys, Fernsehmoderatoren etc.

Für sie gibt es bei großen Events in der Regel abgetrennte Bereiche, die etwas luftiger sind als der Rest des Geländes und die ihnen allzu neugieriges Anstarren und die üblichen Rempeleien ersparen. Mit ein bisschen Glück sieht der Sekt nur aus wie der Sekt draußen und ist in Wirklichkeit Champagner. Außerdem kennen sich die sehr wichtigen Menschen oft untereinander und können sich also gleich verschärftem Networking widmen. Da es so viele VIPs gibt, müssen sie zur besseren Erkennbarkeit bei Mammutveranstaltungen manchmal Plastikbändchen tragen oder Anstecknadeln. Ersteres sieht ein bisschen nach Schlachtvieh aus und wirkt etwas schrill, wenn farblich nicht zur Garderobe oder den Armjuwelen passend, dafür ruinieren sie sich mit den Nadeln allenfalls Seidenstoffe, und die sind derzeit ja gar nicht so in.

Das Problem liegt ganz woanders. Je öfter jemand in den VIP-Status gerät, desto verwöhnter wird er. Wirklich große Menschen, zum Beispiel Künstler, können da in der Regel ganz gut mit umgehen, weil sie sowieso extrem diszipliniert sind. Aber es sind eben nicht nur Künstler VIPs. Der Rest lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes verwöhnen und bezahlt mit schlechter Laune oder gar tiefer Depression, wenn er den VIP-Status aus welchen Gründen auch immer mal verliert und wieder unter die Fuselsekt trinkenden Normalos gemischt wird.

Ach ja, ein Landei müsste man sein. Und von manchen Sorgen nicht mal wissen, wie sie heißen.

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