Zeitung Heute : „Wichtiger als alle Zeugnisse“

Etikette-Kurse vermitteln Berufseinsteigern Wissenswertes über gutes Benehmen

Regina C. Henkel

Wenn Sie das nächste Mal niesen müssen und Ihr Kollege wünscht Ihnen nicht „Gesundheit“ – halten Sie ihn dann für einen unerzogenen Stiesel? Das sollten Sie noch einmal gut überlegen, Ihr Urteil könnte überholt sein, je nachdem, welcher Benimm-Schule Sie sich zugehörig fühlen. Immer mehr professionelle Etikette-Berater empfehlen eher „geflissentliches Überhören“. Zum Beispiel Inge Wolff vom Online-Ratgeber „Stil & Etikette“ in Bonn. Ihre Begründung: Die Zahl der Allergiker steige rasant und diese würden oft von regelrechten Nies-Attacken geplagt. Sie fühlten sich sowieso schon als Störenfriede und eine Bemerkung mache alles noch peinlicher.

Was sich gehört und was nicht, war lange Jahre wie in Stein gemeißelt. Adolf Freiherr von Knigges „Über den Umgang mit Menschen“ stammt aus dem Jahr 1788, wurde unzählige Male neu aufgelegt und kann sich gegenüber den meisten neuen Ratgebern immer noch gut behaupten. Doch Benimmregeln passen sich den gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen an. So kann sich auch die etikettegestählte ältere Generation nicht mehr unbedingt in Sicherheit wiegen. Die Benimmregeln des Arbeitskreises „Umgangsformen International“ etwa werden ständig aktualisiert. Benimm-Bücher und Online-Ratgeber in Sachen Umgangsformen gehören zum festen Programm von Verlagen und Medienanstalten.

Auch an Volkshochschulen hat das gute Benehmen seinen festen Platz – und neues Gewicht. Dort sollen die Studierenden jetzt nämlich ein „Basis-Zertifikat Interkulturelle Kommunikation“ (BaZiK) erwerben können. Dazu muss – neben etlichen Seminaren an der Uni Chemnitz – mindestens ein Semester und ein sechswöchiges Praktikum im Ausland absolviert werden.

Auf die praktische Erfahrung kommt es an, denn: „Nicht was jemand denkt, tut und sagt, ist entscheidend“, heißt es bei der Knigge-Akademie, „sondern wie er es nach außen vermittelt.“ Davon ist man auch an der Knigge-Akademie in Essen überzeugt. Auftreten, Habitus und eine natürliche Souveränität seien laut einer Studie der Universität Dortmund „für die Karriere wichtiger als alle Zeugnisse.“

Am allerbesten sei freilich eine gute Kinderstube, denn: „Kinder aus gutem Elternhaus haben es leichter. Von kleinauf an die richtigen Umgangsformen gewöhnt, gelingt ihnen mit größerer Selbstverständlichkeit, was andere sich mühsam im Erwachsenenalter antrainieren.“

Kein Wunder, dass auch Kinder-Kurse angeboten werden. Immerhin 87 Prozent der Bevölkerung zählen die Tugenden Höflichkeit und gutes Benehmen zu den wichtigsten Erziehungszielen, und zu dem, was Kinder frühzeitig lernen sollten. Der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband (ADTV) hat bereits vor drei Jahren darauf reagiert und ein „Anti-Blamierprogramm“ für Kinder und Jugendliche initiiert. Im Vordergrund stehen „Survivaltrainings“ mit Messer und Gabel – also Tischmanieren.

Weitere Infos im Internet:

www.knigge-akademie.de, www.wdr.de/tv/service/familie, www.tu-chemnitz.de/phil.ikk, www.stil-und-etikette.de, www.sekretaerinnen.com, www.teachersnews.net, www.diefineart.de

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