Zeitung Heute : Wider das Vergessen

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Ein Medikament senkt das Alzheimer-Risiko

Hartmut Wewetzer

Wer älter wird, wird auch vergesslicher. Das ist ganz normal. Wie hieß noch der Hauptdarsteller aus dem Krimi gestern Abend? Wann hat mein Neffe Geburtstag? Das Gedächtnis!

Und doch gibt es Probleme im Alter, die mehr sind als Schussligkeit, aber noch nichts mit der gefürchteten Alzheimer-Krankheit oder einer anderen Form von Demenz, geistigem Verfall, zu tun haben müssen. „Leichte kognitive Störung“ lautet der Fachbegriff. Dahinter verbirgt sich ein ganzes Spektrum von Gesundheitsproblemen wie Vergesslichkeit, Teilnahmslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen und Essprobleme.

Mit speziellen Tests lassen sich Gedächtnisprobleme erkennen, die auf eine „leichte kognitive Störung“ hindeuten. Die darf man dann leider nicht so „leicht“ nehmen. Denn neue Untersuchungen haben gezeigt, dass eine leichte kognitive Störung oft das erste Zeichen für Alzheimer oder eine gefäßbedingte Demenz ist. Vor allem dann, wenn Gedächtnisprobleme im Mittelpunkt stehen.

Amerikanische Ärzte sind nun der Frage nachgegangen, ob man den Zug in Richtung Alzheimer aufhalten kann, wenn ein Patient bereits unter einer leichten kognitiven Störung leidet. Die Antwort lautet: man kann, zumindest ein wenig. Knapp 800 Personen nahmen an der drei Jahre dauernden Untersuchung teil. Sie bekamen entweder das Alzheimermittel Donezepil (vermarktet als „Arizept“), Vitamin E oder ein wirkstoffloses Scheinmedikament.

Während Vitamin E versagte, konnte Donezepil das Risiko für den Ausbruch von Alzheimer in den ersten zwölf Monaten um knapp 60 Prozent senken. Danach aber verschwand dieser Effekt. Nach drei Jahren gab es keinen Unterschied mehr zwischen den Patienten, die das Medikament oder denen, die nur das Scheinmittel bekommen hatten.

Also doch keine gute Nachricht? Obwohl das Medikament nur für manche Betroffenen einen Aufschub bringt, ist Isabella Heuser, Alzheimer-Expertin an der Berliner Charité, optimistisch. „Selbst wenige Monate sind schon ein Riesengewinn“, sagt sie. Das Ergebnis rechtfertige zumindest eine „Diskussion“ zwischen dem Arzt und dem Patienten, schreiben die US-Wissenschaftler über das Ergebnis ihrer Studie im Fachblatt „New England Journal of Medicine“.

Zugelassen zur Alzheimer-Vorbeugung ist in Deutschland weder Donezepil noch eines der anderen Mittel aus der Gruppe der Cholinesterase-Hemmer. Sie können also nur im Rahmen „individueller Heilversuche“ verordnet werden.

Für Deborah Blacker von der Harvard Medical School in Boston ist die Untersuchung ein Indiz dafür, Gedächtnisverlust ernst zu nehmen, bevor „der Alzheimer“ da ist. Sie setzt darauf, dass es mit Hilfe neuartiger Substanzen eines Tages gelingen wird, die krankhaften Veränderungen bei Alzheimer-Kranken zu stoppen oder sogar umzukehren. „Es gibt jeden Grund anzunehmen, dass zumindest einige dieser Substanzen sich als wirksam erweisen und, frühzeitig eingesetzt, die Krankheit bei noch intaktem Gehirn stoppen.“ Na hoffentlich!

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