Zeitung Heute : Wider den „Koffer-Gau“

In der noch zu installierenden Gepäckförderanlage steckt ausgeklügelte Technik. Sie wird dem Komfort der Flugpassagiere dienen – und nicht zuletzt auch der Sicherheit

Mit leichtem Gepäck. Manfred Körtgen (Geschäftsführer Betrieb/BBI der Berliner Flughäfen) übergab die Gepäcksortierhalle an Friedhelm Pielen (Vanderlande Industries). Foto: Günter Wicker/Ligatur/Berliner Flughäfen
Mit leichtem Gepäck. Manfred Körtgen (Geschäftsführer Betrieb/BBI der Berliner Flughäfen) übergab die Gepäcksortierhalle an...

Kaum ist der Flieger gelandet, die Maschine zum Stillstand gekommen, die Triebwerke abgeschaltet – schon gibt es kein Halten mehr: Alle Passagiere wollen raus, zum Gepäck und ab durch die Mitte. „Gemach“, möchte man den Mitreisenden zurufen, „Sie müssen ohnehin ewig an der Gepäckausgabe warten.“ Aber das sagt man besser nicht laut. Und damit am neuen Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg jeder Lügen gestraft wird, der so etwas auch nur denkt, wird der neu installierten Gepäckförderanlage besonders intensive Aufmerksamkeit geschenkt.

Schnell, sicher und punktgenau sollen Taschen, Koffer, Kinderkarren nach der Landung zu den ankommenden Passagieren befördert werden. Denn, klar, wenn draußen schon die Lieben warten, möchte niemand eine Minute länger als nötig an der Kofferausgabe verbringen.

Also ist die Gepäckbeförderung auch für der Airport ein ganz zentrales Thema. Und obwohl jetzt zunächst einmal erst das Richtfest für das Terminal gefeiert wird, hat das Mönchengladbacher Unternehmen Vanderlande, Weltmarktführer im Bereich Gepäcksortierung, nach einer europaweiten Ausschreibung längst damit begonnen, die komplexe Anlage zu installieren. Fahrtstrecken und entsprechender Platz für die Schlepper mit Gepäckwagen sind in der vorgesehenen Halle bereits abgesteckt und zur Zufriedenheit abgefahren worden.

Spätestens sechs Monate vor der geplanten Eröffnung des Airports am 30. Oktober 2011, wird an der dann komplett installierten Anlage damit begonnen, zahllose Simulationsläufe zu absolvieren. Schließlich wollen sich Vanderlande und Flughafenbetreiber gleichermaßen nicht die Blöße geben wie andere Airports, wo es nach Eröffnung neuer Terminals bei der Gepäckbeförderung zu massiven Störungen, ja zum „Koffer-Gau“ kam. Bis zu 15 000 Gepäckstunde pro Stunde könnte die neue Anlage in Schönefeld bewältigen. Weit mehr, als in der Startphase des neuen Flughafens bei stündlich maximal 6000 Passagieren benötigt wird.

Doch nicht nur der fixe Weg vom Flieger zur Gepäckausgabe liegt den Anlagenbauern am Herzen. Nicht minder wichtig ist, dass jeder Koffer auch den Weg auf den richtigen Flieger findet. Denn nichts ist ärgerlicher für Passagiere, als am Zielflughafen in der Fremde ohne ihre Siebensachen dazustehen. Im vergangenen Jahr wurden weltweit rund 25 Millionen Gepäckstücke als vermisst gemeldet. Die meisten fehlgeleiteten Teile tauchten zwar binnen 48 Stunden wieder auf – doch immerhin: Etwa 850 000 Stücke blieben verschollen.

Da diese für Passagiere oft schmerzlichen Verluste auch für die Airlines teuer werden, ist die Flughafengesellschaft hoch motiviert, ihren Kunden auch in dieser Hinsicht den besten Service zu bieten. Die Gepäckstücke werden einzeln in Wannen befördert. Ein angebrachter Strichcode weist ihnen den Weg vom Check-in über die Gepäckhalle bis zum Flieger.

Untersuchungen großer Airlines haben ergeben, dass es für die meisten fehlgeleiteten Gepäckstücke zwei Ursachen gibt: Ein defekter Drucker erzeugt einen fehlerhaften Strichcode oder ein verschmierter Scanner liest einen korrekten Strichcode falsch. In Schönefeld ist dieses Problem erkannt, die Vorkehrungen sind entsprechend.

Vor dem Abflug durchlaufen alle Gepäckstücke auch eine dreistufige Sicherheitskontrolle, wobei der Schwerpunkt darauf liegt, nichts an Bord gelangen zu lassen, was zu Feuer oder Explosion führen könnte. Selbstverständlich wird auch das Gepäck ankommender Flugzeuge überprüft: Auf Drogen und Waffen wird dabei besonders geachtet. Speziell ausgebildete Spürhunde bekommen hier sogar ihr eigenes Laufband, auf dem sie ihre wertvolle Schnüffelarbeit verrichten können.

Ankomende Passagiere nehmen ihr Gepäck nach der Landung an einem von insgesamt acht Gepäckkarussells wieder in Empfang. Die vollautomatisierte Technik soll sicherstellen, dass die Wartezeiten verkürzt wird und sich somit der Reisekomfort spürbar erhöht.

Trotz aller Technik: Ein wenig Geduld werden die Passagiere nach dem Verlassen des Flugzeugs auch am neuen Flughafen weiterhin aufbringen müssen. Also: Bleiben Sie wenigstens solange angeschnallt sitzen, bis die Triebwerke abgeschaltet sind. Happy Landing – alles wird gut! gws

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