Zeitung Heute : Wider die Amalgam-Angst

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Neues zu alten Zahnfüllungen

Hartmut Wewetzer

Was ist eigentlich aus Amalgam geworden? Noch vor wenigen Jahren machten die quecksilberhaltigen, seit 150 Jahren eingesetzten Zahnfüllungen Schlagzeilen, weil sie angeblich der Gesundheit schadeten. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Depressionen und unzählige andere Beschwerden – immer sollte Amalgam dahinter stecken. Da konnten Fachleute noch so sehr dagegenhalten, es half alles nichts. Die Angst war stärker. Und die Deutschen beschlossen in aller Stille, aus dem Amalgam aus- und auf Kunststoff umzusteigen. Heute haben Kunststoff-Füllungen (Komposite) hier zu Lande die Oberhand gewonnen. Amalgam ist kein Thema mehr. Oder?

Das stimmt aus zwei Gründen nicht so ganz. Zum einen werden weltweit jedes Jahr etwa eine Milliarde Füllungen mit Amalgam gelegt. Und zum anderen haben auch bei uns immer noch viele Leute die Legierung in ihren Zähnen oder entscheiden sich sogar neu für Amalgam. Etwa, weil die Krankenkasse die Kosten übernimmt und man nichts dazuzahlen muss. Für diese Menschen gibt es nun Grund für gute Laune. Denn eine neue Risikobewertung von Amalgam kommt zu dem Schluss, dass das Material nur in seltenen Fällen Nebenwirkungen hervorruft.

Die neue Amalgam-Studie wurde von einem unabhängigen amerikanischen Expertenteam mit Namen Life Sciences Research Office im Auftrag von US-Gesundheitsbehörden erstellt. Ihre Ergebnisse decken sich weitgehend mit den Ergebnissen anderer Gremien, die von der EU oder der Weltgesundheitsorganisation beauftragt worden waren. Das Besondere an der aktuellen Auswertung ist, dass sie sämtliche Untersuchungen zum Thema Amalgam-Nebenwirkungen von 1996 an berücksichtigte. Das waren immerhin 950 Studien, von denen knapp ein Drittel wissenschaftlichen Kriterien genügte und in die Analyse einging.

Die wichtigsten Ergebnisse:

– Für einen Zusammenhang zwischen Amalgamfüllungen und Nierenschäden, Hirnleiden (insbesondere Alzheimer- und Parkinson-Krankheit) oder Erkrankungen des Immunsystems wie Multiple Sklerose gibt es keine Belege.

– Sehr selten kann es zu Überempfindlichkeitsreaktionen an Haut oder Schleimhaut kommen. Wird das Amalgam entfernt, schwinden die Symptome.

– Zwar führen manche Menschen Störungen ihrer Befindlichkeit und allerlei Beschwerden auf Amalgam zurück, doch findet sich kein echter, ursächlicher Zusammenhang mit dem Füllstoff.

Das bestätigt auch Professor Klaus Ott von der Zahnklinik Münster, an der seit rund 20 Jahren ein Untersuchungszentrum zu Amalgam besteht. Ott ist Beschwerden, die von Patienten mit Amalgam in Verbindung gebracht werden, nachgegangen. „Abgesehen von seltenen Amalgam-Allergien konnten wir keinen Zusammenhang mit den Zahnfüllungen finden“, lautet Otts Resümee.

Amalgam, so wird man vielleicht irgendwann im Rückblick sagen, war besser als sein Ruf. Die spannende Frage ist, ob die Zahn-Kunststoffe halten werden, was sie heute versprechen.

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