Zeitung Heute : Wider die Ruhe der Macht

Sechs Autorinnen und Autoren aus aller Welt mit Auszügen aus ihren Essays über das Engagement des Schriftstellers

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Der Internationale PEN tagt vom 22. bis zum 28. Mai in Berlin. Motto des Kongresses ist „Schreiben in friedloser Welt“. Davon legen viele Schriftsteller auch in öffentlichen Lesungen Zeugnis ab. Am 24. Mai gibt es einen Essaynachmittag mit u.a. Nadine Gordimer (Südafrika), Johano Strasser (Deutschland), Sergio Ramírez (Nicaragua), Adam Krzeminski (Polen), Haroon Siddiqui (Indien/Kanada), Dubravka Ugresic (Kroatien). Wir veröffentlichen Auszüge aus ihren Texten. Tsp

NADINE GORDIMER

Zeugnis ablegen

Als die Zeit und die veröffentlichten Bücher bestätigten, dass ich Schriftstellerin bin, und dass Zeugnisliteratur, wenn sie denn ein besonderes Genre der Umstände meiner Zeit und meines Ortes ist, meine Literatur ist, musste ich herausfinden, wie ich meine Lauterkeit gegen das Wort, die heilige Verantwortung des Schriftstellers, wahren konnte. Mir wurde klar – und so geht es, glaube ich, vielen Schriftstellern – dass die existentielle Bedingung der Zeugenschaft, statt die ästhetische Freiheit zu beschränken, zu hemmen oder roh zu rauben, darin besteht, ästhetische Freiheit zu vergrößern, zu inspirieren, die früheren Beschränkungen meines Formempfindens und meines Sprachgebrauchs aus der Notwendigkeit zu durchbrechen, Form und Gebrauch neu zu schaffen. (...)

Es gibt keinen Elfenbeinturm, der die Flut der Wirklichkeit davon abhalten kann, gegen seine Mauern zu schlagen, wie Flaubert entsetzt bemerkte. Das bezeugt die Fantasie; sie ist nicht irreal, sondern die tiefere Realität. Was sie verlangt, kann niemals einen Kompromiss mit kulturellen Konventionen und – wie Milosz das nennt – amtlichen Lügen zulassen. Edward Said, dieser hervorragende, kompromisslose Intellektuelle, fragte: Wer, wenn nicht der Schriftsteller, soll „die Auseinandersetzungen aufdecken und aufklären, das auferlegte Schweigen und die zur Norm gewordene Ruhe der Macht angreifen und zu besiegen hoffen?“

JOHANO STRASSER

Friedlose Welt

Immer wieder haben Dichter gegen den Krieg angeschrieben, mit Romanen, mit Gedichten, mit Artikeln und Manifesten. Geholfen hat es nicht. Auch, weil immer wieder andere Dichter den Krieg verherrlicht, ihn herbeigeschrieben haben, von Marinetti über Jünger bis zu Karadzic und Konsorten. Leo Tolstoi, Bertha von Suttner, Romain Rolland, Multatuli, Karl Kraus, Erich Maria Remarque, George Orwell, Wieslaw Mysliwski, Claude Simon, Tschingis Aitmatow, Yi Munyol – niemand kann die Namen all der Schriftsteller aufzählen, die gegen den Krieg anschrieben, gegen den Krieg der Staaten, die dem jeweiligen Staatsvolk einredeten, es gehe um seine Existenz, sein Recht, seine legitimen Interessen, es gehe um sein Glück und die Zukunft seiner Kinder. (...) Die Gewalt, die uns heute überall auf der Welt entgegenschlägt, ist uns nicht so fremd, wie wir vorgeben. Nur, wenn wir begreifen, dass sie auch mit uns, mit unserer Art, zu leben und die Welt zu formen, mit unseren eigenen Ängsten und Obsessionen zu tun hat, wenn wir sie als unser Problem und nicht als das gänzlich andere, uns äußerliche Böse begreifen, haben wir eine Chance, sie einzudämmen, vielleicht gar sie ganz zu überwinden.

Wir, das sind die Menschen in den Ländern des Westens, die unter Gewalt, Krieg und Terror nicht weniger leiden als die Menschen anderer Länder und Kulturen. Wir, das sind die Schriftsteller, die, auch wenn sie sich nicht als intervenierende Intellektuelle begreifen, wenn sie sich als unpolitisch verstehen, wenn sie im Sinne eines l’art pour l’art an Auswirkungen ihres künstlerischen Schaffens auf die profane Welt gänzlich uninteressiert sind, dennoch den Raum des Denkbaren und damit auch des Machbaren wesentlich mitgestalten. Schreiben in friedloser Zeit – das heißt auch heute, dass die Schriftsteller sich der Verantwortung für Zivilität und Humanität – so oder so – nicht entziehen können.

SERGIO RAMÍREZ

Eigenes Modell

Das große Epos ist schließlich nicht mehr als die Summe aus all den kleinen Epen, der Dramen, die vielleicht in den dunkelsten Ecken der Bühne aufgeführt werden, zwischen Elend und Korruption, aus dem Aufbruch zu den Trugbildern und dem perversen Epos des Drogenhandels und nicht zuletzt aus unserer sich permanent wiederholenden Vergangenheit. Denn die Vergangenheit neigt dazu, sich beharrlich zu wiederholen, und obwohl wir genau dieselben Bilder sehen wie gestern, überraschen diese Bilder, die wir kennen, uns doch immer wieder. Tyrannen und Caudillos. Marktschreier, die gefärbtes Wasser feilbieten als Elixier, das alle übel heilen kann. Sie waren im Leben, in der Geschichte und im Roman. Das Rad dreht sich, und schon sind sie wieder da.

Wenn alles geprägt ist vom Zufall und den Überraschungen der Geschichte, von den Improvisationen des Schicksals und der Abnormalität der Ereignisse, dann wird es immer Geschichten zu erzählen geben. Als Schriftsteller bedrängt mich die Düsternis der Wirklichkeit, und doch habe ich den besten Beruf der Welt. Ich muss mir mein eigenes Modell bauen.

ADAM KRZEMINSKI

ABC-Schützen

Die Welt war immer friedlos, auch wenn Dichter so gerne inmitten einer kriegerischen Welt ihrer eigene Idylle besangen oder ihre biedere Enge zur inneren Freiheit erhoben. Und man darf sich nichts vormachen: Schreiben allein macht die Welt nicht friedlich. Im Gegenteil, die Reihe dichtender Diktatoren und Massenmörder war nicht gerade kurz. Man braucht nicht gleich Adolf Hitler als Buchautor zum Hauptangeklagten machen, auch wenn sein Machwerk im „Tausendjährigen Reich“ immerhin höhere Auflagen als die Bibel erreichte. Aber sein zähes Deutsch macht es leicht, ihn aus der schreibenden Zunft auszuschließen. Das gilt jedoch nicht mehr für Mao Tse-tung, dessen rotes Zitatenbüchlein ja auch im Westen seinerzeit von den rebellierenden Studenten geschwenkt wurde. Und noch weniger gilt es für einen immer noch international gesuchten Lyriker, Radovan Karadzic, dessen Hetztiraden den Balkankrieg 1989 mit vorbereiten halfen. Dies betrifft nicht nur Deutsche, Chinesen oder Serben, in jeder Sprache wurden herzergreifende Gedichte geschrieben, die dann – so steht es zumindest in den Fibeln der ABC-Schützen – von der patriotisch tapferen Jugend auf zahlreichen Schlachtfeldern gesungen wurden, gleich, ob diese Schlachten glorreich gewonnen oder ehrenhaft verloren wurden.

HAROON SIDDIQUI

Kolonialwaren

Die antimuslimische Stimmung ist zum Teil wohl deutlich durch die Ängste nach dem 11. September 2001 ausgelöst worden, aber auch durch den Mangel an rudimentären Kenntnissen des Islams. „Wir haben hier keinen Kampf der Zivilisationen, sondern wir stehen in einem Kampf gegen die Ignoranz“, sagte mir der Aga Khan, das geistliche Oberhaupt der Ismailiten, der in Aiglemont bei Paris wohnt und von Genf aus agiert. „Man kann in der jüdisch-christlichen Welt ein gebildeter Mensch sein, ohne auch nur das Geringste – also im Grunde gar nichts – über die islamische Welt zu wissen. Demokraten gehen von der Annahme aus, dass Elektorat und Politiker über die wesentlichen Fragen von nationaler oder internationaler Bedeutung informiert sind. Ohne ein besseres Verständnis der islamischen Welt werden die Demokratien nicht fähig sein, sich über islamische Probleme zu äußern.“

Der Westen und die Welt des Islams sind in diesem globalen Dorf längst keine getrennten Planeten mehr. Angesichts von Millionen muslimischer Mitbürger bleibt das, was wir weltweit wie auch im Westen über einander sagen, nicht ohne Nachwirkungen. Wie der Westen sich verhält, ist ein Prüfstein unserer pluralistischen Zivilgesellschaft, unserer kosmopolitischen Kollektivität und der elementarsten Prinzipien unserer Demokratien.

Vereinigungen wie der Internationale PEN sind somit aufgerufen, die intellektuelle und moralische Führung zu liefern, um sicherzustellen, dass das literarische und populäre Gedächtnis unserer Zeit Zeugnis ablegt von unseren höchsten gemeinsamen Zielen, nicht aber von unseren niedersten Instinkten.

DUBRAVKA UGRESIC

Kultursouvenirs

Nur in Zeiten und Konstellationen starrer, fest zementierter politischer, religiöser, moralischer und ästhetischer Werte konnte ein Schriftsteller/Intellektueller einen Sonderstatus genießen (wie er es hier und da auch heute noch tut), die „Stimme des Volkes“ sein, die Position eines moralischen Schiedsrichters einnehmen. In den heutigen postpolitischen, postmodernen, marktwirtschaftlich orientierten Kulturzonen ist der Intellektuelle hingegen nur ein „Spieler“. Zuerst muss er kämpfen, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Verlässt er einmal sein Umfeld, stellt er alsbald fest, dass seine Stimme nur eine von Millionen anderer ist. Unser Intellektueller wird ferner die ironische, aber auch befreiende Tatsache entdecken, dass er selber eine Ware ist, dass seine Bücher Marktprodukte sind, und dass demzufolge die intellektuelle Subversivität nur an ihrer Markteffizienz gemessen wird. Und schließlich wird er entdecken, dass ein Schriftsteller/Intellektueller – ob transformiert oder nicht, ob authentisch oder nicht, ob Konformist oder Nonkonformist – nur einer von vielen Teilnehmern am globalen Marktspektakel ist, dass er nur ein Darsteller, ein Performer, ein Verkäufer von „Kultursouvenirs“ ist. (...) Intellektueller: Substantiv, männlich, eine soziale und kulturelle Kategorie, entstanden in Paris zur Zeit der Dreyfus-Affäre, ausgestorben in Paris Ende des zwanzigsten Jahrhunderts.

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