Zeitung Heute : Widersprüche und Kontraste

Ingo Dahlern

Ein so blitzsauberes Rollfeld haben wir selten gesehen. Incheon - Südkoreas neues Tor zur Welt. Ein Airport auf einem dem Gelben Meer abgerungenen Polder, knapp 45 Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt Seoul entfernt. Er ist ebenso neu wie die zwischen April und Dezember 2001 fertiggestellten zehn Fußballstadien mit Platz für knapp eine halbe Million Zuschauer, wo vom 31. Mai an die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird - mit Korea, in dessen Hauptstadt Seoul die Eröffnung stattfindet, und Japan, wo das Finale ausgetragen wird, als Gastgebern.

Auf das Ereignis hat sich Korea seit Jahren intensiv vorbereitet. Ein Land, das nach 35 Jahren japanischer Kolonialherrschaft und nach einem dreijährigen Bruderkrieg durch eine Demarkationslinie in einen kommunistischen Norden und einen westlich orientierten Süden geteilt wurde. Der Süden, vor knapp 50 Jahren ebenso wie der Norden völlig verarmt, startete den Wiederaufbau - und ist zu einer der großen fernöstlichen Industrie- und Wirtschaftsmächte gewachsen. Dabei ist das Land gerade zweieinhalb mal so groß wie die Schweiz.

Südkorea ist trotz unverkennbarer Parallelen doch ganz anders als das nur 130 Kilometer entfernte Japan. Die in fünf Jahrtausenden gewachsene sehr eigenständige Kultur und Tradition werden bewusst gepflegt. Und dabei achtet das Land konsequent darauf, von Fremden nicht mit Japan in einen Topf geworfen zu werden. Das Trauma der japanischen Besetzung, des harten Kolonialregimes und die bislang nicht offiziell ausgesprochene Entschuldigung dafür sitzt auch heute noch tief. Es macht Koreaner stolz, wenn es ihnen gelingt, besser als Japan zu sein. Japan einzuholen, ja zu überholen, den einstigen Gegner auf friedlichem Weg zu "besiegen", entpuppt sich in vielen Gesprächen mit Koreanern als wichtige Triebfeder für höchstes Engagement.

Da überrascht es dann auch gar nicht mehr, wenn man auf Koreas Straßen so gut wie kein japanisches Auto sieht - gerade einmal ein Lexus begegnet uns in vier Tagen -, dafür umso mehr Europäer, wobei "Benz" und BMW in diesem Land besonders beliebt sind. Als Prestigeobjekt. Denn zügig fahren kann man in Korea allenfalls auf den Autobahnen. Seoul leidet tagtäglich an nur mühsam dahin kriechenden Autoschlangen, die auch Busfahrten immer wieder zu einem zeitlich schwer kalkulierbaren Experiment werden lassen.

Dennoch empfiehlt es sich, für ein erstes Kennenlernen der koreanischen Hauptstadt in die komfortablen Busse der Seoul City Tour zu steigen, die von 9 bis 20 Uhr im Halbstundenrhythmus auf festen Routen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten fahren, in denen man Erläuterungen auch in Englisch bekommt und auf deren Touren man mit einem Tagesticket für 8000 Won (ein Euro entspricht rund 1100 Won) jederzeit aus- und wieder zusteigen kann.

Orientierung kein Problem

Wer die Zwölf-Millionenstadt Seoul lieber auf eigene Faust erkunden möchte, der sollte, auch wenn das einem Sightseeing auf den ersten Blick widerspricht, in die Unterwelt steigen. Denn Seoul hat ein geradezu faszinierendes hochmodernes und täglich bis kurz vor Mitternacht betriebenes U-Bahnnetz, in dem man für wenig Geld - das Standardticket kostet 600 Won - jeden wichtigen Punkt der Stadt erreicht - das gilt auch für das Weltcup-Fußballstadion. Und das ohne das Risiko, sich zu verirren. Denn diese saubere und großzügige U-Bahn hat ein so narrensicheres Leit- und Informationssystem mit durchnummerierten Stationen und Hinweisen auch in Englisch, dass man problemlos ans Ziel kommt - und sich als Berliner geradezu dafür schämt, wie klein unsere Bahnhöfe und wie dürftig unsere Leitsysteme sind.

Was für die U-Bahn gilt, trifft für die gesamte Wegweisung zu. Denn überall gibt es Straßenschilder in lateinischer Schrift. Als Sprache der Wahl empfiehlt sich Englisch, obwohl man auch dort schnell an die Grenzen stößt, selbst in internationalen Geschäften. Und da Koreaner Konsonanten wie "F, V und W" nicht kennen, klingt ihr Englisch oft ausgesprochen schwer verständlich, wird aus Fifa schlicht "Pipa", aus Volkswagen ein "Polksbagen".

Seoul steckt voller Widersprüche und Kontraste. Vergebens versuchen wir auf den ersten Touren ein Zentrum zu erkennen in dieser bunten Mischung aus kleinstädtischen Altstadtquartieren, Hochhaus-Wohnsiedlungen, repräsentativen und architektonisch fasziniernden Wolkenkratzern und Jahrhunderte alten Stadttoren und Palästen mit großzügigen Parks und Gärten. Und schließlich verstehen wir, dass es ein klassisches Zentrum gar nicht gibt, dafür aber in oft weit voneinander entfernten Quartieren der vom breiten Han-Fluss durchquerten Metropole attraktive Schwerpunkte und Einkaufsmeilen. Wobei uns jene, in nahezu allen Reiseführer empfohlene, in Itaewon eher enttäuscht. Kleinstädtisch, billig und auch ein wenig schmuddelig wirkt sie, viel Ramsch wird angeboten. Gleichwohl: Der Hemdenmacher in dem nur handtuchbreiten Geschäft mit seinen Maßhemden für rund 26 000 Won überzeugt durch wirklich gute Arbeit und absolut pünktliche Lieferung ins Hotel.

Seidenraupen im Topf

Wer edle Geschäfte, Boutiquen und Kaufhäuser sucht, findet sie rund um das Welthandelszentrum und das Kongress- und Ausstellungszentrum in der Gegend von Samseong-dong, einem attraktiven, in den 70ern entstandenen und seitdem konsequent ausgebauten modernen Viertel. Ein absolutes Kontrastprogramm dazu bietet der als eine der Hauptattraktionen für Touristen geltende Namdaemun-Markt. Hier bietet sich eine lebendige Mischung aus Groß- und Einzelhandel dar, für alles was nur denkbar ist. In den zahlreichen Garküchen dampfen nicht nur Seidenraupen in den Töpfen, sondern auch so manche selbst für Europäer durchaus appetitliche koreanische Spezialitäten.

Die Geschäfte sind zum Teil rund um die Uhr geöffnet, und selbst um Mitternacht kann man sich neue Brillengläser schleifen lassen. Oder auch ein Rolex-Imitat für ein Spottgeld erstehen. Apropos Mitternacht. Ob in der U-Bahn oder auch auf den Straßen, wir fühlten uns selbst zu später Stunde in dieser Stadt nie unsicher.

Unsicher werden kann man allerdings, wenn es ums Essen geht. Wer Experimente scheut, für den gibt es eine Vielzahl internationaler und auch europäischer Restaurants - bei denen man allerdings oft recht tief in die Tasche greifen muss. Wobei uns im italienischen Restaurant ganz oben im 63-stöckigen KLI-Hochhaus mit einem fantastischen Panoramablick verblüfft, dass ein delikater Hummer für 35 000 Won angeboten wird, während die große Pizza stolze 25 000 Won kostet - aber die ist selbst im Flughafen-Imbiss mit 12 000 Won recht teuer. Für dieses Geld bekommt man in schlichten und sauberen koreanischen Restaurants ein komplettes Menü. Auf Matten am Boden sitzend und mit Stäbchen hantierend, kann man hier wunderbare vegetarische Speisen und Fleischgerichte oder auch rohen Fisch mit Gewürzen und Knoblauch in Sesamblätter eingewickelt genießen - und natürlich Kimchi, jenen zu jedem koreanischen Essen gehörenden wie Sauerkraut fermentierten und mit scharfem roten Pfeffer gewürzten Kohl ähnlich unserem Chinakohl. Wer lieber japanisch oder chinesisch isst - Seoul dient auch damit.

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