Zeitung Heute : Widerstand im Reihenhaus

In der Hortensienstraße 50 trafen sich die Anführer des bürgerlichen Widerstands gegen das NS-Regime

Harald Olkus

Die führenden Köpfe des bürgerlichen Widerstands gegen das NS-Regime trafen sich in Steglitz – in einem Reihenhäuschen in der Hortensienstraße50. Kreisauer Kreis nannte sich die Gruppe um Helmuth James Graf von Moltke. Nach seinem Familiengut in Niederschlesien ist der Kreis benannt. Etwa 40 Mitglieder, die über eine Neuordnung Deutschlands nach einem Sturz des NS-Regimes nachdachten. Der Treffpunkt Hortensienstraße50 war das Haus des Ehepaares Marion und Peter Graf York von Wartenburg. Während der alliierten Bombardierung wohnten dort auch Moltke und seine Frau Freya. „Wegen der Bombengefahr und auch, um die intensive Zusammenarbeit fortzusetzen“, sagt der Historiker Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin. Die Treffen blieben von der Gestapo lange unbemerkt, obwohl die Gruppe sich beinahe im Hinterhof der Zentrale des Terrors befand: Eine Straße weiter, Unter den Eichen 135, war das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt untergebracht, dem ab 1942 sämtliche Konzentrationslager im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten unterstellt waren. Während Besucher wie Adam von Trott zu Soltz, ein Freund Claus von Stauffenbergs, zunächst unverdächtig waren, mussten der SPD-Politiker Julius Leber und der Gewerkschafter Adolf Reichwein – beide waren zuvor schon in Konzentrationslagern – ständig um ihr Leben fürchten.

„Der Kreisauer Kreis war eine große Koalition ganz unterschiedlicher Richtungen“, sagt Wippermann. Adelige, Kirchenleute, Offiziere, Sozialdemokraten und Gewerkschafter gehörten dazu. Ihr Ziel: die Wiederherstellung eines humanen Rechtsstaats mit einer demokratischen Verfassung. Den Weg für die Reformpläne sollte die militärische Widerstandsgruppe des 20. Juli frei machen, deren Anführer nach dem Attentat auf Hitler verurteilt und hingerichtet wurden – York, Moltke, Leber, Trott zu Soltz, Alfred Delp.

Ein Streitpunkt war die Haltung zum Tyrannenmord. „York von Wartenberg und von Moltke hegten die Utopie einer Gesellschaftsform, die zwar demokratisch war, mit einer parlamentarischen Demokratie wie wir sie haben, aber nichts zu tun hatte“, sagt Wippermann. „Aber auch der europäische Gedanke war ihnen sehr wichtig.“ Nach der Verhaftung von Graf von Moltke im Januar 1944 löste sich der Kreis auf. „Das Haus ist ein Erinnerungsort von nationaler Bedeutung“, sagt Wippermann und plädiert für eine Aufwertung dieses Ortes. Da hat man schon mal etwas, worauf man stolz sein kann, und dann weiß kaum einer davon.“

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