Zeitung Heute : Wie Ärzte den Hirnschwamm verhüten wollen

Der Tagesspiegel

Von Rosemarie Stein

„Du hast kein Risiko – aber meide es!“ So ungefähr lässt sich zusammenfassen, was Wissenschaftler jetzt in Berlin zur Prävention der unbehandelbren, immer tödlich endenden Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) empfahlen. Das heißt: Kein Grund zur Panik, aber alles tun, um Ansteckungen mit dem „Hirnschwammn“ zu vermeiden. Es ging diesmal nicht um die Risiken der Rindfleischesser, sondern um die der Klinikpatienten. Denn es war der 6. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, auf dem das Thema zur Debatte stand.

Durch ärztliche Handlungen übertragene Fälle der „klassischen“ CJK sind schon dokumentiert worden, als die 1996 entdeckte, mit dem „Rinderwahn“ BSE zusammenhängende Variante, vCJK, noch gar nicht bekannt war. 90 Patienten wurden – so glaubt man – infiziert, als man sie mit Wachstumshormonen aus den Hypophysen Verstorbener behandelte, fünf Fälle traten nach Behandlung mit Gonadotropin auf. (Seit 1987 werden diese Hormone gentechnisch produziert, so dass keine Gefahr mehr besteht).

Etwa 60 Personen erkrankten an CJK nach Implantation von Gewebe aus harter Hirnhaut von Toten, drei nach Hornhautübertragung, einer nach Tympanoplastik, einer Ohroperation. Und weltweit wurden sechs Fälle von CJK-Übertragung bei Hirnoperationen mit unzureichend sterilisierten Instrumenten veröffentlicht.

Die degenerative Hirnkrankheit in ihrer „klassischen“ Form ist mit 1-1,5 auf eine Million zum Glück sehr selten. In Deutschland erkranken jährlich zwischen 72 und 124 Personen daran. Kurz nach dem Gipfel der BSE-Seuche waren britische Forscher alarmiert, als eine neue, offenbar mit dem Verzehr infizierten Fleischs zusammenhängende Form des menschlichen Hirnschwamms auftrat, an der auch junge Menschen dahinsiechten und starben.

In Deutschland wurde bis heute kein Fall der neuen Variante nachgewiesen, obwohl seit Anfang 2001 beide Formen der Krankheit schon bei Verdacht meldepflichtig sind. Weltweit sind bisher nur 123 Fälle von vCJK bekannt geworden, meist in Großbritannien. Dort hatten die Schätzungen für das Jahr 2000 anfangs von 1000 bis zu 250 000 Kranken gereicht. Nach der (inzwischen zurückgenommenen) Anordnung des britischen Gesundheitsministerium, für Mandeloperationen wegen der Infektionsgefahr nur noch Einweginstrumente zu verwenden, wurde man auch in Deutschland aktiv, berichtete auf dem Berliner Kongress Martin Mielke, Leiter des Fachgebiets „Angewandete Infektions- und Krankenhaushygiene“ im Robert Koch-Institut (RKI).

Zur Einschätzung der Lage und zur Erarbeitung von Empfehlungen bildeten RKI, Bundesärztekammer und Fachgesellschaften eine „Task Force vCJK“. Deren Abschlussbericht (erscheint im „Bundesgesundheitsblatt“) erläuterte Mielke: Die Experten rechnen mit vCKJ-Fällen auch in Deutschland. Die Größe der Gefahr und die Rolle von Medizinprodukten wie Skalpellen, Katheter oder Endoskopen bei der Übertragung lässt sich aber nicht fundiert abschätzen.

„Wir wissen nicht, was wir wissen“, bekante Heinz-Peter Werner, Leiter der Fachkommission „Aufbereitung“ der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Er hält es nicht einmal für sicher, dass die bekannten Fälle „iatrogener“ Infektionen tatsächlich alle auf medizinische Maßnahmen zurückgehen. Die Experten müssen sich vorkommen wie der Mann, der in einem dunklen Raum eine schwarze Katze fangen soll, die vielleicht gar nicht drin ist. Aber aufgeben können sie den Versuch auch nicht; das Kätzchen könnte ja zum Tiger werden.

Immerhin kennt man einige Faktoren, die das Übertragungsrisiko beeinflussen, sagte Walter Schulz-Schaeffer vom Göttinger Universitäts-Institut für Neuropathologie. Je höher die Erregerkonzentration – am höchsten ist sie im Gehirn –, desto wahrscheinlicher die Infektion. Und der direkte Übertragungsweg, zum Beispiel bei einer Hirnoperation, ist der effektivste. Bringt man den Erreger in die Blutbahn, etwa per Venenkatheter, braucht es zur Infektion viel mehr davon, und noch unendlich viel mehr bei oraler Aufnahme. Woraus der Zuhörer schließen könnte, dass ein Steakhouse weniger gefahrenträchtig ist als ein Krankenhaus, zumal die Artenbarriere eine gewisse Bremswirkung haben soll.

Die Infektion ist während der langen Inkubationszeit nicht zu erkennen – Risikopersonen können wir also alle sein –, und das infektiöse Agens ist äußerst widerstandsfähig gegen normale Erhitzung, Strahlen und Desinfektionsmittel. Das schafft „gigantische Verfahrensprobleme“ (Werner) bei der Aufbereitung medizinischer Gegenstände, mit der es schon normalerweise nicht immer zum Besten steht. Werner nannte ein Beispiel für Schlamperei: 16 von 25 als steril geltende Arterienklemmen „zeigten sichtbares Blut“. Und die Münchner Hygea-Studie ergab, dass 60 Prozent der in der ambulanten und stationären Magen-Darm-Heilkunde benutzten Endoskope nach der Aufbereitung noch verkeimt waren.

Nur die alkalische Reinigung, gefolgt von der Dampfsterilisation (lange und heiß genug!) können die Erreger des Hirnschwamms unschädlich machen. Aber empfindliche Endoskope vertragen die nötigen Hitzegrade nicht. Und mit dem ersten Spülgang lassen sich die Keime der gerade gereinigten Instrumente gleichmäßig in der ganzen Maschine verteilen und damit die nächsten kontaminieren. Laugenreste an Skalpellen können Augen verätzen.

Also im Verdachtsfall Einmalinstrumente benutzen, raten die Experten. Nur: Wenn man die Diamantmesser für Eingriffe am Auge – quasi einem Teil des Gehirns – jedesmal wegwirft, dann, so Mielke, „sprengt das unser Gesundheitswesen vollends“.

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