Zeitung Heute : Wie alles zusammenpasst

Werner van Bebber

Eine Umfrage des Forsa-Instituts besagt, dass mehr als jeder zweite Deutsche Muslime als Bedrohung empfindet. Ist Integration in Deutschland jetzt gescheitert?


Nein, die Integration steht nicht vor dem Scheitern, im Gegenteil: Sie hat gerade erst richtig angefangen. Fast 7,3 Millionen Ausländer leben in Deutschland. Mit den Italienern, Portugiesen, Griechen, die als „Gastarbeiter“ gekommen sind, hat es nie die Schwierigkeiten gegeben, die heute die Zweifel an der Integration begründen könnten. Viele dieser Einwanderer haben deutsche Ausländerfeindlichkeit zu spüren bekommen – und sich trotzdem um Integration bemüht. Viele haben Deutsch gelernt, schwer gearbeitet und ansonsten das getan, was Einwanderer fast immer tun – sie haben die Lebenschancen ihrer Kinder verbessert.

Niemand kann heute sagen, warum die Schwierigkeiten mit den Einwanderern aus dem muslimischen Kulturkreis größer sind. Oder täuscht der Eindruck? Auch unter den Migranten aus der Türkei und dem Nahen Osten gibt es viele, die hier angekommen sind. Denen die Freiheitsrechte, die Demokratie, die freie Wissenschaft viel wichtiger sind als das, was sie zurückgelassen haben, einschließlich der Moscheen. Das sind die Integrierten, die oft besser Deutsch sprechen als mancher Inländer.

Und doch ist der Graben tiefer geworden, der die Inländer und die Nichtintegrierten trennt. Zwei verschiedene, aber gleichzeitig ablaufende Entwicklungen haben das Misstrauen gegenüber den Muslimen stark vergrößert. Die eine ist mit dem 11. September 2001 verbunden – und damit, dass sich Deutschland in den Monaten der Aufklärung dieses Massenmordes selbst als „Land der Schläfer“ entdeckte. Der Lass-sie-doch-machen-Multikulturalismus wirkte plötzlich naiv gegenüber Leuten, die diese Haltung auszunutzen verstanden.

Vielen verging der Glaube daran, dass Integration automatisch auf Einwanderung folgt und ihr Erfolg an der Anzahl türkischer Gemüsehändler und der Höhe der Minarett-Türme in Bochum oder Neukölln zu erkennen ist. Der Umgang mit Migranten ist zur gesellschaftspolitischen Großaufgabe geworden. Das hat viele Gründe. Die desolate Lage auf dem Arbeitsmarkt betrifft besonders Jugendliche aus Einwandererfamilien. Das hängt mit den Bildungsstandards zusammen – vielen dieser Familien mögen Bildung und Wissenschaft einfach nur luxuriös erscheinen. Wer aber mit 16 oder 17 trübe Zukunftsaussichten hat, wird schneller aggressiv. Das hat zur Folge, dass viele Intensivtäter aus Migrantenfamilien kommen. Die Jugendkriminalität nimmt ab, aber Gewaltverbrechen, Körperverletzung und Raub unter Jugendlichen nehmen zu.

All das wirkt zugleich auf die so genannte Mehrheitsgesellschaft. Mag sein, dass unter den 3,3 Millionen Muslimen in Deutschland das Gefühl vorherrscht, sie stünden seit dem 11. September unter einem Generalverdacht – ganz sicher sind die Einheimischen empfindlicher und gereizter geworden. Kinder aus Migrantenfamilien können kein Deutsch? Schlecht, denn das verschlechtert die Chancen deutscher Kinder. Junge Palästinenser und Türken fallen als Schlägertrupps auf? Dann sondert man Träger solcher Namen gleich aus, wenn man Azubis sucht. Grillorgien in Parks – wo sind wir denn, wer zahlt in unseren Pleite gehenden Städten dafür, dass der Müll weggeräumt wird?

Das alles hat mit Integration zu tun. Wer sich zur Anpassung genötigt fühlt, der zieht sich zurück; und wenn viele sich zurückziehen, dann entstehen Parallelgesellschaften. Andererseits machen diejenigen Druck, die das Gefühl haben, ihre Großzügigkeit oder ihre Toleranz sei überstrapaziert worden.

Der Konflikt um die Integration wird dadurch nicht heftiger, sondern klarer. Kein CDU-Innenminister bestreitet heute, das Integrationsangebote notwendig sind. Dass Kinder aus Migrantenfamilien besonders gefördert werden sollen – unbestritten. Dass die Gastarbeiter der ersten Generation hier im Alter versorgt werden müssen in entsprechenden Heimen mit den entsprechenden kulturellen Rücksichten, versteht sich fast von selbst. Dass Einwanderer sich für das Land, in dem sie leben, interessieren sollten und dies auch nachweisen, wird zu weiterem Streit führen. Das schadet nicht. Ein Einwanderungsland lebt damit.

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