Zeitung Heute : Wie Arbeitgeber Fitness fördern: Von Himalayatics bis zum Aqua-Office

Regina-C. Henkel

Wenn man Berlins höchstgelegene Büros gemietet hat, was mit der 29. Etage der Treptowers der Fall ist, und wenn außerdem gerade in Sydney die Olympischen Spiele ausgetragen werden, kann man schon auf eine ziemlich verrückte Idee kommen. Zumindest dann, wenn man Jens Oenecke heißt und Kommunikationsvorstand der Internet-Emissionsplattform publity ist:Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz vier Mal im Monat statt mit dem Fahrstuhl per Pedes ansteuern, werden ab sofort mit einem Restaurant-Gutschein belohnt. "Himalayatics" nennt Oenecke seinen Einfall.

Selbst wenn das Ganze nur ein PR-Gag wäre: Als Anregung taugen die "Himalayatics" allemal. Wer den gut 20-minütigen Aufstieg in die 29. Hochhaus-Etage auf sich nimmt, tut jede Menge für seine körperliche Fitness. Und genau darum geht es dem 34-jährigen Unternehmenschef. Er selbst kommt jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit, genau wie auch ebay-Vorstandsmitglied Oliver Samwer. Marcus Rudert von der Meinungsplattform dooyoo dagegen nimmt das Kickboard. Die New Economy-Chefs wollen Vorbild auch in Fitness sein.

Das ist auch bitter nötig. Arbeitgeberangebote für einen körperlichen Ausgleich zum anstrengenden Arbeitsalltag haben in der Wirtschaft Seltenheitswert. Nach der "Fitness im Unternehmen"-Studie der Bad Harzburger Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft unterstützen nur 29 Prozent der Unternehmen die sportlichen Aktivitäten ihrer Mitarbeiter. Dabei besteht großes Interesse: 71 Prozent der Belegschaften würden Angebote regelmäßig nutzen - wenn es sie nur gäbe.

Bei ID-Media gibt es sie. Vergünstigte Konditionen bei einem Fitness-Center und regelmäßige Fußballbegegnungen mit Kundenmannschaften gehören beim E-Business-Anbieter genau so zum Fitness-Portfolio wie Shiatsu-Massagen. Abends kommt ein Masseur ins Haus. Wer sich rechtzeitig angemeldet hat, wird 15 Minuten bis zur Entspannung massiert - auf Kosten des Arbeitgebers. Der finanzielle Einsatz macht sich bezahlt. Die Arbeitsmotivation steigt, der Krankenstand sinkt. Das Institut für Arbeits- und Sozialhygiene (IAS) oder das Fitness-Institut Skolamed haben in Studien belegt, dass sportliche Betätigung und Begegnung dabei helfen, sich auch in nervenaufreibenden Situationen angemessen zu verhalten. Ohne Sport scheint das Schicksal unausweichlich: 85 Prozent aller Führungskräfte leiden unter Folgeschäden von Stress.

Übergewichtige, von Rückenschmerzen und Schlafproblemen gebeutelte Mitarbeiter sind das Horrorszenario, das Ärzte und Krankenkassen speziell zu Olympia zeichnen. Die Eröffnungsfeier in Sydney fesselte 3,7 Milliarden Menschen in die Fernsehsessel. Das war am Freitag. Doch zum Wochenanfang geht das Programm erst richtig los. Alleine ARD und ZDF haben einen TV-Marathon von über 430 Stunden vorbereitet. Die Aktiven in Sydney kämpfen um Tausendstel, die Passiven machen es sich vor der Mattscheibe mit Promille gemütlich. Die Betriebe müssen mit unausgeschlafenen, verkaterten Mitarbeitern rechnen.

Zahlreiche Berliner Firmen, vor allem aus der New Economy, wollen sich damit nicht abfinden. Sie sehen flinke Athleten auf dem Bildschirm als Chance für ihre Mitarbeiter, den ewigen Vorsatz "Eigentlich müsste ich was für meine Fitness tun" endlich in die Tat umzusetzen. Beim Meinungsportal dooyoo wird eifrig das nächste Fußballturnier vorbereitet. Die erste Begegnung - dooyoo gegen die Elf des Auktionshauses ebay - endete mit einem klaren 6 zu 3 und einem Grillfest. Bei dem Freundschaftsspiel ging es vor allem um Abwechslung, Ausgleich und Entspannung. Auch beim Multimedia-Spezialisten beehieve funktioniert die Kombination aus Sport und Spaß schon länger. Meetings werden vorzugsweise in der Firmenvilla mit parkähnlichem Grundstück in Grunewald abgehalten: im Aqua-Office. Wer zwischen Pläne entwickeln und Entscheidungen treffendas Bedürfnis nach körperlicher Betätigung hat, braucht nur in den wohltemperierten Firmen-Pool zu springen.

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