Zeitung Heute : Wie Arbeitgeber und Gewerkschaften den IT-Fortbildungsdschungel ordnen wollen

Helga Ballauf

Im Bündnis für Arbeit haben Unternehmen, Gewerkschaften und Bundesregierung zur IT-Fachkräfte-Offensive geblasen. Die Betriebe wollen mehr Lehrstellen besetzen, öfter Quereinsteiger weiterqualifizieren und häufiger, so wörtlich, "die Berufserfahrung älterer Arbeitsloser" mit Datenverarbeitungs-Know-how nutzen. Ein weiter Weg, wie Werner Steckel von der Bundesanstalt für Arbeit weiß. Er sagt: "Generell gilt immer noch: Für die junge Computerbranche sind Arbeitnehmer mit 45 Jahren alt, besonders dann, wenn ihre IT-Kenntnisse nicht up to date sind." Dabei genüge häufig "eine kurze Anpassungsfortbildung, um vorhandene Lücken aufzufüllen," wie der der Arbeitsamtsexperte weiter erläutert.

Einige Betriebe hören den Ruf und sind bereit, Geld für die Personalentwicklung auszugeben. Ein Beispiel ist die Firma IZB Soft, das Systemhaus der bayerischen Sparkassen. Sie sucht Systemprogrammierer für Großrechner - eine seltene Qualifikation. Das Unternehmen entschließt sich, IT-Fachkräfte einzustellen und auf eigene Kosten weiterzubilden. "Alter und Geschlecht spielen keine Rolle mehr," beschreibt IZB-Organisationsleiter Frank Soballa das neue Denken. "Es war so bequem, sich die Qualifizierung der DV-Spezialisten vom Arbeitsamt finanzieren zu lassen", erinnert sich Soballa. Diese Praxis nämlich gehört weitestgehend der Vergangenheit an. Der Organisationsleiter hat sich umgehört in seiner Branche und berichtet: "Mittlerweile wächst die Zahl der Unternehmen, die selbst in die Mitarbeiterfortbildung investieren."

Das müssen sie auch, wenn sie den IT-Fachkräftemangel beheben wollen. Denn Bündnis-Beschluss hin oder her - mehr Geld als bisher steht der Bundesanstalt für Arbeit in diesem und im nächsten Jahr für Umschulungs- und Fortbildungsmaßnahmen nicht zur Verfügung. Es bleibt bei rund einer Milliarde Mark pro Jahr. Wenn einzelne Arbeitsämter mehr als zuvor im IT-Bereich qualifizieren wollen, müssen sie die Finanzmittel aus anderen Töpfen nehmen.

Doch die fehlende Bereitschaft, der Jugendorientierung abzuschwören, und der immer dramatischere Geldmangel in den Kassen der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg sind nicht die einzigen Probleme, die kneifen. Zur IT-Offensive gehört auch der Versuch der Sozialpartner, endlich ein paar sichtbare Schneisen in den schier unüberschaubaren Weiterbildungsdschungel zu schlagen. Gemeinsames Ziel von Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), IG Metall, Postgewerkschaft und Deutscher Telekom ist ein Qualifizierungssystem, das die laufenden Veränderungen in der Branche mitvollzieht und gleichzeitig anerkannte und international vergleichbare Standards setzt. "Im Moment existieren in der Informations- und Kommunikationstechnologie mehr als 300 Fortbildungsbezeichnungen", beschreibt ZVEI-Experte Karlheinz Müller die Ausgangslage. "Das verunsichert Bewerber und Firmen gleichermaßen."

Der Grundgedanke des ersten groben Strukturvorschlags der Fachverbände lautet: Es gibt anerkannte Abschlüsse für die duale und für die akademische Ausbildung im IT-Bereich. Zwischen diesen Polen herrscht Wildwuchs. Der muss beschnitten werden. Den Initiatoren geht es um ein verbindliches Nachweissystem für Kenntnisse und Fertigkeiten. Zweitrangig ist die Frage, ob die Qualifikationen im Prozess der Arbeit, in einem klassischen Fortbildungskurs oder mit Hilfe eines individuellen Telelearning-Programms erworben wurden.

"Bisher werden wertvolle Qualifikationen bei einem Arbeitsplatzwechsel formal nicht anerkannt, weil ihr Nutzen für die neue Aufgabe nicht transparent ist. Das wird sich ändern", beschreibt IG-Metall-Experte Michael Ehrke die Absicht. Nun geht es ans Definieren: Welche Kompetenzen brauchen die Beschäftigten in betrieblichen Tätigkeitsfeldern wie Fest- / Funknetze, Systeme, Prozesse oder auch Network Computing? Mit Hilfe welcher Bildungsbausteine können sie fehlende Qualifikationen erwerben? Das Hauptziel von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite bringt Bildungsexperte Karlheinz Müller vom ZVEI erst einmal so auf den Punkt: "Wir wollen durch eine möglichst genaue Beschreibung der Tätigkeitsfelder strukturbildend wirken."

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