Zeitung Heute : Wie aus drei Ecken etwas Rundes wird

Zur EU-Erweiterung vor einem Jahr blickte die Welt auf Zittau. Manche erwarteten einen Boom, andere ein Desaster. Beide irrten sich

Nana Brink[Zittau]

Zittau hat zwei Gesichter. Das eine strahlt vor Lebensfreude, das andere trägt Sorgenfalten auf der Stirn. Die sind nicht tiefer geworden seit der EU-Erweiterung vor einem Jahr, immerhin, aber verschwinden wollen sie auch nicht. Vor einem Jahr war in Zittau kein freies Bett mehr zu bekommen; Fernsehsender mieteten ganze Hotels, die historische Innenstadt mit ihrem neugotischen Rathaus wurde zur Kulisse. Über 200000 Besucher verzeichnete das Fremdenverkehrsamt im Dreiländereck in drei Tagen, da, wo Polen, Tschechien und Deutschland aufeinander treffen. Ein Jahr später sind die Hotels nur zu einem Drittel belegt. Auf dem Marktplatz mischen sich ein paar versprengte Touristen zwischen die Studenten.

Das strahlende Gesicht gehört zum Beispiel Martin, dem Studenten aus dem nahe gelegenen Liberec in Tschechien. Mittags trifft sich der 22-Jährige mit seinen Kommilitonen von der Neisse-University auf dem von renovierten Bürgerhäusern umschlossenen Rathausplatz. Sie trinken Cappuccino und reden durcheinander – auf Tschechisch, Deutsch, Polnisch und Englisch. Letztere ist die Unterrichtssprache in diesem bislang einmaligen Hochschulprojekt. Seit 2001 bieten die Universitäten von Liberec, Wroclaw und Zittau einen Studiengang in Informations- und Kommunikationsmanagement an – eine Art virtuelle Universität. Die Studenten lernen jeweils ein Jahr an den drei Unis; der Bachelor-Abschluss wird sowohl in Deutschland als auch in Polen und Tschechien anerkannt. „Das ist ein tolle Startchance“, sagt der Tscheche in fließendem Deutsch. Er will später noch einen Master-Studiengang in Zittau besuchen und dann nach Prag oder vielleicht nach London.

Jeden Tag pendelt Martin die 30 Kilometer von Liberec nach Zittau. „Das habe ich vor dem 1. Mai 2004 auch schon gemacht.“ Aber jetzt geht es schneller. Keine mühsamen Grenzkontrollen, keine Staus. Manchmal macht er mit seinem alten Skoda auch einen Schlenker nach Bogatynia in Polen und holt seinen Freund ab. Für den jungen Tschechen existiert die Grenze nur noch auf dem Papier: „In ein paar Jahren interessiert das niemanden mehr, wo du herkommst.“ Zittau ist für ihn jetzt einfach eine „coole kleine Stadt“, und die Uni ist „our little european community“.

Das zweite Gesicht von Zittau sieht so aus wie das von Werner Kirschner. Dem ist es ein wenig unangenehm, dass man ihn den Mahner oder manchmal sogar den Miesmacher nennt. Letztes Jahr um diese Zeit saß der Kreishandwerksmeister von Zittau-Löbau oft in Diskussionsrunden. Während die Politprominenz aus Berlin, Prag und Warschau das neue Europa bejubelte und eine glänzende Zukunft prophezeite, legte der Maurer und Ingenieur Kirschner die Stirn in Falten, sprach von Dumpinglöhnen und mieser Ausgangslage. „Ich kann nicht sagen, dass ich mich gefreut hätte.“

Zumindest hat er sich bis heute nicht noch mehr geärgert. Es ist nicht so schlimm geworden, wie er befürchtet hat: „Es hat keine Verdrängung durch polnische oder tschechische Arbeitskräfte im Handwerk gegeben.“ Werner Kirschner sitzt in seinem kargen Büro am Rande der Altstadt. Seine Firma saniert gerade die Fassade der Königlich-Sächsischen Bauschule, eines der zahlreichen klassizistischen Bauwerke aus jener Zeit, als Zittau den Beinamen „die Reiche“ trug. „Sgraffito-Technik, sehr aufwändig, das können sie noch nicht“, sagt der 58-Jährige und deutet mit dem Kopf Richtung Tür, von der es nur 500 Meter sind bis Polen. „Aber die holen schnell auf.“ Spätestens, wenn 2011 die umstrittene Dienstleistungsrichtlinie kommt, die in ihrer jetzigen Fassung Firmen erlauben soll, auch in anderen EU-Staaten nach den Regeln ihres Heimatlandes zu arbeiten, „drängen die auf den Markt“. Werner Kirschner runzelt die Stirn. Schon wieder ist er der Mahner, nein, diese Rolle gefällt ihm wirklich nicht.

Oberbürgermeister Arnd Voigt lehnt sich aus dem Fenster seines Rathausbüros mit Blick auf den Marktplatz. „Wir haben vor allem Tagestouristen aus Tschechien“, sagt er stolz. Wie viele es sind, weiß er nicht, „das kann man ja nicht zählen, aber man sieht sie“. Auch viele Berliner machten jetzt einen Abstecher ins Dreiländereck. „Wir sind eben nicht mehr im toten Winkel.“

Oberflächlich betrachtet ist in Zittau alles beim Alten geblieben. Die Arbeitslosenquote liegt bei unveränderten 26 Prozent, die staatlichen Fördermittel werden weniger, ein großer Investor ist nirgends in Sicht. „Hartz IV ist für uns eine größere Herausforderung als die Osterweiterung“, sagt Simone Kessler, die Leiterin der Arbeitsagentur. Die meisten Arbeitslosen sind Ungelernte, für die es keine Stellen gibt – weder jetzt noch in Zukunft, sagt sie.

Werner Kirschner führt seinen Baubetrieb seit 15 Jahren; in den letzten Jahren musste er 40 von 50 Angestellten entlassen. „Wir stehen dauernd mit einem Fuß in der Pleite.“ Er fährt fast wehmütig mit seinen Fingern über die Zeichnung der Königlich-Sächsischen Bauschule: einer der wenigen öffentlichen Aufträge der letzten Jahre. Dabei hat Kirschner die Fassade des Zittauer Rathauses saniert, eines der meistfotografierten Bauwerke. Zu tun gäbe es genug, „aber die Stadt hat kein Geld mehr für Sanierungen“.

Weil Werner Kirschner auch mal guten Willen zeigen wollte, hat er sich um Kontakte zu tschechischen Kollegen bemüht. Nicht nur die Verständigung ist schwierig, „da drüben ist einfach kein Markt für uns“. Kirschner hofft, dass mit der Dienstleistungsrichtlinie 2011 auch die deutschen Lohnkosten sinken, „sonst haben wir wenig Chancen“. Aufgeben will der Handwerksmeister allerdings nicht, „denn an der Globalisierung kommen wir doch nicht vorbei“. Dann schaut er aus dem Fenster und lächelt. „Wir fahren ja auch rüber zum Tanken.“

Das Benzin ist rund 20 Cent billiger als in Deutschland – eines der wenigen Produkte, die noch eine Einkaufstour nach Polen oder Tschechien lohnen. Seitdem die Mehrwertsteuer in Tschechien enorm gestiegen ist, sind auch die Lebensmittel nicht mehr viel billiger als in deutschen Supermärkten. Umgekehrt kaufen auch wenige EU-Neubürger in Zittau ein, weil die heimischen Läden mittlerweile fast alle gängigen Produkte im Sortiment haben.

„Wir müssen uns auf uns selbst verlassen“, sagt Gudrun Laufer von der Industrie- und Handelskammer. Die resolute Sächsin glaubt, dass die EU-Osterweiterung zumindest mental etwas gebracht hat: „Wir fühlen uns endlich nicht mehr abgehängt.“ Ein Gefühl, das zwar allein noch keine Arbeitsplätze schafft, aber die IHK-Chefin blickt weit nach vorn. Sie leitet ein Zentrum für deutsch-tschechische Wirtschaftskooperation. Kein Geschäft für schnelle Schlagzeilen. „Das muss wachsen.“ Regelmäßig lädt sie Unternehmer in die Villa der IHK gegenüber dem neu verputzten Bahnhof ein. Gudrun Laufer strotzt vor Zuversicht. Ihr Blick fällt auf das strahlend weiße Bahnhofsgebäude, das aussieht wie eine Station aus einer alten Modelleisenbahn. Als es im 19. Jahrhundert gebaut wurde, war Zittau ein Zentrum der Maschinen- und Textilindustrie mit engen Bindungen an das böhmische Umland.

In Zittau hantiert man in diesen Tagen gern mit Symbolen. Beliebte Wendung in nahezu allen Reden zum 1. Mai ist der „historische Brückenschlag“. Ein Wort, bei dem Oberbürgermeister Arnd Voigt bisweilen etwas gequält schaut. Er weiß, was jetzt kommt. Vor einem Jahr stand Voigt zusammen mit seinen Kollegen aus der polnischen und der tschechischen Nachbargemeinde auf einer Brücke, besser gesagt einer Behelfsbrücke, die die Bundeswehr für die Feiern zwischen die Länder gespannt hatte. Dem symbolischen Brückenschlag sollte bald ein realer folgen: Um die Bundesstraße 178 von Deutschland nach Tschechien auszubauen, muss eine Brücke über die Neiße geschlagen werden, die dort gerade durch polnisches Staatsgebiet fließt. Klingt einfach, ist aber kompliziert. Drei Länder, drei Bürokratien. Voigt hatte gehofft, dieses Jahr zum 1. Mai mit dem Bau beginnen zu können. „Wenn die Leute Baukräne sehen, dann merken sie auch, es passiert wirklich was.“

Martin, der tschechische Student, hat seinen persönlichen Brückenschlag längst vollbracht. Er sitzt mit seinen Freunden in der Sonne auf einer Bank vor dem Rathaus. Einer erzählt – auf Englisch – von seinem Praktikum bei einer britischen Bank. Ein anderer räsoniert über den neuen Studiengang „Risk Management“ mit Schwerpunkt Umweltschutz. „Da gibt es Jobs“ – schon deshalb, weil die neuen Mitgliedsländer die EU-Richtlinien einführen müssen, sagt Martin. Ob er sich vorstellen kann, in Zittau zu bleiben? Er guckt etwas verständnislos: „Ich gehe dahin, wo der tolle Job ist.“

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