Zeitung Heute : Wie aus einem Guss

Für die Herstellung der Mini-Quadriga sind fünfzig verschiedene Arbeitsschritte nötig

Ulrich Clewing

In der Halle riecht es nach Dieselöl, an den Fenstern stehen Werkbänke, von der Decke hängen kleine Kräne, dazwischen überall Kisten und Kästen mit Tonerde oder Werkzeugen darin. Da fällt der unscheinbare, kreisförmige Deckel in einer der Ecken zunächst gar nicht besonders auf. Doch dann zieht einer der Arbeiter am Hebel, der leicht gewölbte und offenbar ziemlich schwere Verschluss rutscht beiseite und gibt den Blick frei auf einen unterirdischen Hohlraum und 600 Grad Hitze: ein lodernder, gleißend gelb- und orangefarbener Schlund mit undefinierbarem Inhalt, ein Fegefeuer en Miniature, das brav verschwindet, sobald der Deckel wieder in die ursprüngliche Position bewegt wird.

Hermann Noack, Seniorchef der gleichnamigen Bildgießerei, lächelt zufrieden. Der Brennofen hat mal wieder seine zwei Funktionen erfüllt: Er brennt nicht nur den von Tonerde ummantelten Gipsblock mit dem Modell, aus dem später eine Bronzefigur gegossen wird, er versetzt auch Besucher nach wie vor sehr zuverlässig in Erstaunen.

An diesem Vormittag herrscht Hochbetrieb in den verwinkelten Werkstätten der Bildgießerei. Ein eiliger Auftrag drängt, der Verein „Werkstatt Deutschland“ hat vier kleine Nachbildungen der Quadriga vom Brandenburger Tor bestellt, die am 3. Oktober als Preise für herausragendes gesellschaftliches Engagement vergeben werden sollen, und eigentlich war es längst zu spät, als Noack damit betraut wurde. Drei Wochen Zeit, um vier gegossene Mini-Quadrigen herzustellen, das müsste doch reichen, denkt man. „Drei Wochen“, sagt der Ziseliermeister Thorsten Knaak, der sich kurz ins Büro zurückgezogen hat, um ein paar Telefonate zu erledigen, „sind schon genug. Es darf dabei nur überhaupt nichts schief gehen.“

An die fünfzig verschiedene Arbeitsschritte sind nötig, um eine Quadriga zu fertigen, allein das Anheizen des Brennofens für die Modelle braucht mindestens drei Tage. Gegossen werden die Figuren dann in einem zweiten Ofen, der auf 1100 Grad hochgefahren werden muss und in dem Fall elektrisch betrieben wird. Das hat den Vorteil, dass man die Temperatur exakt einstellen und halten kann. „Das ist entscheidend für die Qualität des Gusses“, sagt Hermann Noack, der sein Handwerk seit fünfundfünfzig Jahren ausübt – ein Handwerk, dessen einziger Vertreter er inzwischen ist, ein aussterbender Beruf: In Deutschland gibt es keine Bildgießer mehr, außer Noack selbst.

Die zweite Voraussetzung für einen gelungenen Bronzeguss ist die verwendete Legierung, bei Noack selbstverständlich ein Betriebsgeheimnis. Entsprechend vage sind die diesbezüglichen Auskünfte. Der größte Anteil der geeigneten Metallmischung sei Kupfer, verrät Noack, dazu kämen noch Zinn, Silizium und andere Bestandteile, deren Namen jedoch im unverständlichen Genuschel untergehen.

Eine Jahrhunderte alte Kunst

Natürlich kennt Noack die einschlägigen Stellen in der Literatur, an den Gussverfahren hat sich über die Jahrhunderte nicht allzu viel geändert. Die berühmteste Anekdote stammt aus den Lebensbeschreibungen des Florentiners Benvenuto Cellini, der im 16. Jahrhundert für die Medici tätig war. Darin schildert der Bildhauer und Goldschmied den dramatischen Ablauf der Herstellung einer seiner Figuren: wie in einer stürmischen regnerischen Nacht das mächtige Holzfeuer in seinem Ofen immer kleiner wurde, wie er und seine Helfer dennoch versuchten zu retten, was zu retten ist, und wie Cellini am Ende sein eigenes Silberbesteck opferte, um die Legierung noch dünnflüssiger zu machen, damit das Erz auch in die letzten Winkel der Gussform fließen konnte.

Heute ist die Technik in der Hinsicht zum Glück etwas einfacher geworden, doch eine Gewähr für das Gelingen eines Gusses gibt es immer noch nicht. Über fünf Öl- und Gasöfen sowie zwei Elektroöfen verfügt die Bildgießerei Hermann Noack und manche sehen aus, als stünden sie dort schon sehr, sehr lange. Seit über hundert Jahren befindet sich der Betrieb am selben Ort in der Fehlerstraße in Friedenau, hier wurden die Denkmäler der Kaiserzeit und der Weimarer Republik gegossen und nach dem Zweiten Weltkrieg noch im Jahr 1945 die ersten Siegermahnmale der Sowjets.

Damals fielen auch zahlreiche Reparaturarbeiten an, zum Beispiel der sitzende Goethe aus Frankfurt am Main, der barocke Erzengel St. Michael vom Koblenzer Tor aus Bonn oder die Viktoria auf der Siegessäule am Großen Stern in Berlin. Das Hauptgeschäft der Bildgießerei, in der derzeit 24 Mitarbeiter beschäftigt sind, waren freilich schon immer die großen und kleinen Bronzewerke der Künstler, von Wilhelm Lehmbruck und Georg Kolbe, von Ernst Barlach und Käthe Kollwitz, von Renée Sintenis, Eduardo Paolozzi und Henry Moore. Nicht ohne Stolz erzählt Hermann Noack, dass es weltweit kaum ein Kunstmuseum gibt, in dem keine von ihnen gegossene Figur steht, von privaten Kunstsammlungen einmal ganz abgesehen.

Dabei spielen die Maße einer Figur keine Rolle, ob riesig groß oder winzig klein, der Aufwand bleibt immer derselbe. Eine der gängigen Arbeitsmethoden bei kleineren Werken ist das so genannte Wachsausschmelzverfahren. Und so musste auch für die Quadriga aus einer speziellen Knetmasse zuerst ein Modell angefertigt werden. Anschließend wurde dieses Modell in seine Einzelteile zerlegt, um daraus in verschiedenen Schritten Negativformen aus Ton, Gips und Silikon herzustellen, die dann ihrerseits wiederum dazu dienten, die Figur – immer noch in Einzelteilen – in Wachs zu gießen. Jene Wachsformen entsprechen dann im Aussehen und in der Wandstärke schon mehr oder weniger der gewünschten Bronzefigur, denn sie sind es, die beim Gussvorgang zunächst über ein kompliziertes Stütz- und Luftkanalsystem ummantelt werden und später während des Erwärmens wieder ausfließen, um Platz zu machen für die liquide und extrem heiße Metallmischung, aus der man schließlich die Bronzeformen gewinnt.

Jeder Guss ein Kunstwerk für sich

Von da bis zur fertigen Bronzeskulptur ist es dann immer noch ein langer Weg: Die Bronzeteile müssen von den ebenfalls erharteten Gusskanälen befreit, glatt gefeilt, poliert und zusammengebaut werden. Da steckt viel Handarbeit drin, was bewirkt, dass sich jeder Abguss eines Originals vom anderen unterscheidet, und sei es nur durch minimale Abweichungen und Details. Ein Bronzeguss ist eben keine Massenware, sondern ein individuelles Kunstwerk für sich – auch wenn er in einer Auflage von mehreren Exemplaren verlegt wird und streng genommen stets nur eine Kopie ist.

Und auch das stimmt: Auf der einen Seite ist die Fertigung der vier Quadrigen für die Bildgießerei nur ein Auftrag unter vielen. Auf der anderen Seite schließt sich für Hermann Noack dabei schon ein Kreis, immerhin kennen er und seine Mitarbeiter auch das Vorbild auf dem Brandenburger Tor aus nächster Nähe: Die haben sie nämlich auch schon restauriert.

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