Zeitung Heute : Wie aus Rotkohl blaue Tinte wird

Im Atelier Bunter Jakob in der Berlinischen Galerie lernen die Kinder der Nachbarschaft Kunst zu entdecken.

„Geheime Rezepturen“ steht auf dem kleinen Zettel geschrieben, der am Brett des riesengroßen Wandregals klebt. Im Regal schlummern in Dutzenden von Gläsern exotische Pflanzen und Extrakte: Saflorblüten, Rotholz, Faulbaumrinde, Krappwurzel – wie in einer echten Alchimistenküche. Dass hier jedoch nichts zu Gold umgewandelt wird, verrät ein Blick zum anderen Ende des Ateliers: An einer Tafel hängen zarte, pastellgrüne Bilder, mit Ritterspornblütentinte gemalt.

„Wenn es anfängt zu kochen, stellst du das wieder runter. Du weißt, wie es geht“, erklärt Laura Pearsall der sechsjährigen Luise. Die Malerin führt die Kinder in die Geheimnisse der Farbenherstellung ein. Heute ist Rotkohl dran. Es wird geschnippelt, geköchelt, gerührt und herumexperimentiert. Von der anfänglichen Skepsis ist inzwischen nichts mehr zu spüren. In der Luft schwebt neben dem Rotkohlaroma nur noch pure Begeisterung mit. „Kinder lernen, dass Kunst Arbeit und Ausdauer bedeutet, aber am Ende wartet immer eine großartige Überraschung“, sagt die Künstlerin. Die saphirblaue Tinte zum Beispiel, gezaubert aus Rotkohl.

Schon seit über sieben Jahren bietet das Atelier Bunter Jakob in der Berlinischen Galerie Kindern die Möglichkeit, sich jeden Mittwoch drei Stunden lang künstlerisch auszuleben, kostenlos. Eine offene Jugendkunstwerkstatt mitten im Museum – das war der Herzenswunsch des langjährigen Direktors der Galerie, Jörn Merkert. Er hat den Verein Jugend im Museum eingeladen, erste Projekte für die Galerie zu machen, um die Bildungsarbeit bei den Kindern voranzutreiben. Bis 2003 hatte der Schering Kunstverein die Galerie unterstützt. Mit der Auflösung des Kunstvereins und Gründung der Schering Stiftung wurde dann die langfristige Förderung des Ateliers seit seiner Gründung 2004 beschlossen. „Das Museum ist in diesem sozialen Wohngebiet gelandet wie ein Ufo“, erinnert sich Katrin Boemke, die Geschäftsführerin des Vereins. Schnell hat es die Neugierde der Kinder geweckt, die sich zunächst etwas schüchtern an seine Mauer herangetastet haben. „Wir haben Kunstaktionen draußen veranstaltet und diese Wand langsam durchsichtig gemacht.“ Jetzt seien es bis zu 20 Kinder – arabische, afrikanische, ukrainische – die auch ohne Eltern regelmäßig kommen. Das Prinzip der Chancengleichheit funktioniert im Atelier schon aufgrund der Nachbarschaft.

Sechs Berliner Künstler, die im Atelier auf Honorarbasis arbeiten, führen die Kinder abwechselnd an die Welt der Kunst heran. Gewechselt wird im Halbjahres-Rhythmus – bewusst, damit die Bindung nicht das Interesse an der Sache selbst überragt. Laura Pearsall ist von Anfang an dabei. An der Arbeit mit den Kindern schätzt sie vor allem ihre Lebendigkeit. „Es entsteht immer etwas Neues“, sagt sie. Wie eine unsichtbare Hand begleitet sie die Kinder, gibt Anregungen, lässt dabei aber immer den Freiraum. Der künstlerische Prozess steht im Fokus. Selbst eine auf ein Blatt Papier ausgekippte Tinte wird zum Kunstwerk. Kinder lernen so in dem vermeintlich Belanglosen Möglichkeiten zu entdecken. Es geht um Fantasie und Selbstverfeinerung.

Letzte Viertelstunde. Die Kinder flitzen noch kurz ins Museum. Luise bleibt. Sie streut Natron auf ihr Bild und tropft mit der Pipette Essig drauf. Es fängt an zu brodeln. „Hier wird's gerade spannend!“ Aleksandra Lebedowicz

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